„Besorgniserregend“

Inzidenz weit über 300: Das Ostallgäu stemmt sich gegen das Virus

Schilder Mundschutz tragen, Abstand halten
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Aufgrund der hohen Infektionszahlen im Landkreis appellieren Bürgermeister und Landratsamt an die Bürger, sich konsequent an die Corona-Schutzmaßnahmen, wie das Tragen der FFP2-Masken, zu halten.

Marktoberdorf/Landkreis – Die Appelle werden immer eindringlicher. „Halten Sie sich an die Regeln. Tragen Sie eine FFP2-Maske und vor allem: Bleiben Sie zuhause!“ Nicht nur die Kanzlerin, auch Bürgermeister, Landrätin und Arbeitgeber vor Ort rufen ihre Bürger und Mitarbeiter auf, gerade über Ostern auf Abstand zu gehen. Denn die Infektionszahlen im Landkreis steigen weiter. Am Mittwoch betrug die Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tage den Wert 320. Damit gehört das Ostallgäu zu den zehn Landkreisen deutschlandweit mit den höchsten Infektionszahlen (aktuell Platz neun).

„Die aktuelle Inzidenz ist besorgniserregend“, heißt es aus dem Landratsamt. Seit Anfang März verzeichnet der Landkreis demnach einen rasanten Anstieg der Corona-Infektionszahlen. Besonders betroffen ist dabei der mittlere Landkreis. In Marktoberdorf sind aktuell 226 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden, in den Nachbargemeinden Stötten 26 und in Biessenhofen 42 Menschen. Auch Obergünzburg ist mit derzeit 84 Corona-Infizierten stark betroffen (Stand Dienstag). Die Ursachenforschung erscheint für alle beteiligten Kommunen schwierig. Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell erklärte, dass die Stadt in engem Austausch mit dem Landratsamt stehe. Allerdings ließen sich die Infektionsfälle nicht einer bestimmten Personengruppe zuordnen. Auch wies er Spekulationen zurück, die hohen Fallzahlen würden sich auf Veranstaltungen im Modeon beziehen. Dort fänden derzeit keine öffentlichen Veranstaltungen statt. Ausnahme seien unvermeidbare Termine wie die Sitzungen des Stadtrats oder Blutspendetermine. „Anderslautende Aussagen kommen aus der Gerüchteküche“, so das Stadtoberhaupt auf Nachfrage des Kreisbote. Er schloss auch aus, dass Einzelhandel oder Gastrobetriebe Infektionstreiber seien. „Sie sind geschlossen und können daher definitiv nicht die Ursache sein.“

Sind es die Firmen?

Warum die Inzidenz im Ostallgäu vor vier Wochen noch bei unter 50 und Mitte dieser Woche bei mehr als 320 lag, kann sich auch das Landratsamt nicht recht erklären. Neben Schulen und Kindertageseinrichtungen gab es gehäuft Infektionen in Zusammenhang mit Unternehmen. „Außerdem werden wir bei den Betrieben schauen, ob deren Konzepte und Maßnahmen an die höhere Infektiösität der Mutationen angepasst wurden. Die Verbreitung des Virus am Arbeitsplatz hat definitiv einen Anteil an den derzeit hohen Zahlen“, sagt Landrätin Maria Rita Zinnecker.

Diesen Vorwurf weist Manja Morawitz, Pressesprecherin von AGCO/Fendt und des Ostallgäus größter Arbeitgeber, zurück. Zwar sei auch die Zahl der Corona-Fälle im Unternehmen in gleichem Maße wie die im Landkreis sprunghaft angestiegen. Aktuell sind etwa 70 der rund 4.000 Mitarbeiter infiziert. Allerdings würden sich die Mitarbeiter vielmehr im Privaten anstecken. Eine Verbreitung des Virus innerhalb des Unternehmens oder innerhalb bestimmter Teams sei nicht auffällig. „Fendt schützt seine Mitarbeiter“, betont sie. „Bereits seit letztem August betreibt Fendt ein Testzelt, wo sich Mitarbeiter auf Wunsch einem Antigentest unterziehen können“, erklärt sie. Außerdem seien fast alle Büro-Arbeitsplätze ins Homeoffice verlagert und die Schichten am Produktionsband auseinander gerückt worden. Auf dem gesamten Betriebsgelände herrsche FFP2-Maskenpflicht. Morawitz lobt das Gesundheitsmanagement, das bei Fendt zur Chefsache erklärt worden sei, und hofft, dass künftig Impfungen durch die drei Betriebsärzte möglich werden. „Unsere Ärzte haben sich dafür schon vor Wochen beworben. Wir hätten alle Kompetenzen dazu, die Logistik, Kühlschränke und das entsprechend ausgebildete Personal“, erklärt Morawitz. Denn: Grippe-Impfungen werden schon seit Jahren durch die Betriebsärzte ausgeführt.

So beobachtet man auch bei Fendt den Anstieg der Corona-Infektionen mit Sorge. „Die Produktion läuft noch ungehindert, wir haben die Manpower und eine tolle Mannschaft. Allerdings sollten die Zahlen nicht mehr steigen, sonst wären auch unsere Abläufe in Gefahr“, sagt Manja Morawitz. Daher appelliert auch die Fendt-Pressesprecherin an ihre Kollegen, sich an die Corona-Regeln zu halten. Und das eben nicht nur auf dem Betriebsgelände und am Arbeitsplatz, sondern vor allem im Privaten.

Sie ist sich damit mit Landrätin Zinnecker einig, die noch einmal auf die bereits verschärften Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen im Landkreis hinweist. So darf sich jeder Haushalt mit maximal einer weiteren Person treffen, Kinder unter 14 Jahren werden dabei nicht mitgezählt. Zwischen 22 und 5 Uhr ist es nicht erlaubt, sich im öffentlichen Raum zu bewegen. „Auch, wenn wir es alle sehr gerne anders und lockerer hätten,“ zeigt Zinnecker Verständnis. „Aber nur das Prinzip ‚Wir bleiben Zuhause und halten Abstand‘ wird uns aus dieser Pandemie herausbringen.“ Die Landrätin hofft darauf, dass sich besonders an den Osterfeiertagen der Ausflugsverkehr und die Familienbesuche in Grenzen halten.

Der Landkreis Ostallgäu betreibt mittlerweile drei Testzentren – jeweils eines in Marktoberdorf, Füssen und Buchloe. Dazu gibt es eines in Kaufbeuren. Die Testzentren bieten sowohl Schnell-, als auch PCR-Tests an. Dazu bieten zahlreiche Apotheken im Ostallgäu und in Kaufbeuren Schnelltests an. Erstgeimpft wurden in den Impfzentren sowie von den Mobilen Impfteams im Ostallgäu und in Kaufbeuren inzwischen mehr als 20.000 Menschen, darunter über 80 Prozent der Über-80-Jährigen. „Wir hoffen sehr darauf, dass die Prognosen zu künftigen Impfstofflieferungen stimmen und wir bald, zusammen mit den niedergelassenen Ärzten, noch deutlich mehr Menschen impfen können“, sagt Zinnecker.

von Angelika Hirschberg

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