„Jung, aktiv und kritisch bleiben...“

70 Jahre jung: Stadtjugendring Kaufbeuren feiert Jubiläum

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Auf unterhaltsam-jugendgerechte Weise wurde die wechselvolle Geschichte der Jugendarbeit bei der Jubiläumsfeier präsentiert.

Kaufbeuren – Damals, 1948 war auch für die Jugendarbeit die Stunde Null. Zwölf Jahre der nationalsozialistischen Gleichschaltung hatten auch bei der Jugend ihre tiefen Spuren hinterlassen. Den amerikanischen Besetzern war klar: Sollte langfristig demokratische Verhältnisse gesichert werden, mussten die Weichen dazu auch und vor allen Dingen bei den Kindern und Jugendlichen gestellt werden. Für den Stadtjugendring (SJR) die Geburtsstunde einer langen Erfolgsgeschichte. Grund genug, sich bei den beiden langjährigen Mitarbeitern und Geschäftsführern Michael Böhm und Ralf Einfeld über die wechselreichen Jahre zu informieren.

Heute, 2018, 64 professionelle Mitarbeiter in praktisch allen Bereichen der Jugendarbeit, ein Übergangshaushalt von 2,7 Millionen Euro. Damals, 1948, setzten die Amerikaner auf die ehrenamtliche Arbeit der Verbände. Finanzielle Mittel und Räume standen nicht oder nur in einem sehr bescheidenen Maß zur Verfügung. Erst 1950 wurde nach langen politischen Auseinandersetzungen der erste hauptamtliche Kreisjugendpfleger angestellt. 1960 stand man kurz vor dem endgültigen Aus. Keine Räume, keine finanziellen Mittel, um es auf den Punkt zu bringen. Nach zehnjährigem harten Ringen konnte 1972 dann das erste Jugendhaus seine pädagogische Aufgabe übernehmen. Ebenfalls auf diesen Zeitraum geht die Unterhaltung eines Freizeit­hofes in Schnalstal und Missen zurück. Eine Übergangslösung, bis man in den 1980er Jahren den Freizeithof „Hagspiel“ erwarb und renovierte.

Neue Aufgabenfelder

Unter der Vorstandschaft von Ralf Einfeld (1994 – 1996) gelang es, die Aufgabenteilung zwischen SJR und Stadtjugendpflege dauerhaft zu regeln. 2008 übernahm der SJR dann vollständig Aufgaben der städtischen Jugendpflege. In einem alle zwei Jahre erneuerten und aktualisierten Grundlagenvertrag werden die rechtlichen Bedingungen festgelegt. Darin überträgt die Stadt dem weitgehend von den Verwaltungsstrukturen unabhängigen SJR auch die Bereiche, bei denen die Kommune in der rechtlichen Pflicht steht. Die Finanzierung wird zu großen Teilen aus öffentlichen Mitteln der Stadt geregelt. Ein Vertrauen übrigens, das weitgehend auf einer erfolgreichen und professionellen Arbeit in den vergangenen 70 Jahren basiert.

1995 öffnete die Kulturwerkstatt unter Thomas Garmatsch mit dem kreativen Kinder- und Jugendtheater eine Tür zur Kulturarbeit. Ein vorbildlicher Brückenschlag zwischen Jung und Alt, aber auch zu behinderten und benachteiligten Menschen. Eine wesentliche Ausdehnung kam mit der Ganztagsschule. So ist der Stadtjugendring seit 2013 an zwei Schulen für die Schulsozialarbeit und an vier Schulen für die Ganztagsbetreuung verantwortlich, was eine wesentliche personelle Erweiterung erforderte.

Kurz, durch den langjährigen Auf-, Um- und Ausbau wurde aus dem SJR eine Organisation, die sich aus dem Leben der Kinder und Jugendlichen in Kaufbeuren nicht mehr wegdenken ließe. Durch die organisatorische Vernetzung der Teileinrichtungen können auch vermehrt Synergieeffekte genutzt werden.

Pädagogische Basis

Generationen von Mitarbeitern und Ehrenamtlichen kamen und gingen, die pädagogischen Grundlagen blieben. Neben dem jugendpolitischen Prinzip, sich für die demokratischen Grundrechte einzusetzen, gibt es auch einen pädagogisch vorgegebenen Rahmen, wobei vom SJR auf Selbstständigkeit, Selbstorganisation und Selbst­entfaltung gesetzt wird. Die Verantwortlichen verstehen sich aber auch als „Instrument“, um den Wünschen und Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen in der Stadt gerecht zu werden. Da dieser Zielgruppe aber die Erfahrung und Durchsetzungskraft fehlt, ihre berechtigten Interessen durchzusetzen, bedarf es neben dem jugendlichen Elan und der innovativen Kreativität auch einer hohen Fachkompetenz und Erfahrung, was die hohen Kosten für qualifiziertes Personal erklärt.

Die Unabhängigkeit sowohl von kommerziellen Trägern als auch von den politischen Entscheidungsträgern der Stadt ermöglicht aber auch eine Unabhängigkeit der pädagogischen, kulturellen und politischen Arbeit. Böhm und Einfeld betonen beide, dass die pädagogische Arbeit sich auf die freie Entwicklung und Entfaltung der Zielgruppe richtet, und nicht irgendwelchen wirtschaftlichen oder kommunalen Interessen untergeordnet werden darf. Oberbürgermeister Stefan Bosse wies mit Recht in seiner Festrede zum 70-jährigen Jubiläum darauf hin, dass diese Unabhängigkeit der Mitglieder des Stadtjugendrings kritisch Stellung zu politischen und kulturellen Entwicklungen nehmen zu können, auch weiterhin wichtig bleibt. Solche kritischen Stellungsnahmen und politische Aktivitäten wären dem SJR als Einrichtung der Verwaltung nicht möglich. In diesem Sinne sollte der SJR weitere 70 Jahre jung, aktiv und kritisch bleiben.

von Peter Suska-Zerbes

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