Neugablonz früher und heute

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Die lebensgroßen roten Silhouetten: „Ich bin 1995 mit 16 Jahren als Aussiedler von Kasachstan nach Neugablonz gekommen. Ich habe hier meine Frau kennen gelernt und bin hier Vater geworden. Das ist meine zweite Heimat geworden – obwohl ich manchmal schon meine alte Heimat vermisse.“

Kaufbeuren-Neugablonz – „Ein ganz besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl, das ist es, was Neugablonz auch heute noch ausmacht“, stellte der Bundestagsabgeordnete Stefan Stracke fest, als er kürzlich im vollbesetzten Großen Saal des Gablonzer Hauses die erste einer Reihe von Veranstaltungen zum Jubiläumsjahr „70 Jahre Neugablonz“ stattfand.

Für die schwungvolle musikalische Umrahmung der festlichen Eröffnung sorgte das vierköpfige Saxophon-Ensemble der Ludwig Hahn Sing- und Musikschule Kaufbeuren. 

Dr. Thomas Jahn, der Vorsitzende des Gablonzer Heimatkreises, gab einen kurzen Überblick über die Geschichte von Neugablonz seit den Anfängen 1946 im Baracken-Lager Riederloh und auf den Trümmern des gesprengten Dynamit Nobel Munitionsfabrikgeländes bis hin zu den jüngsten Veränderungen des Stadtteils. Anschließend erhielt Thomas Schönhoff von Dr. Jahn die Goldende Ehrennadel „für außerordentlich treue Verdienste um die sudetendeutsche Heimat nach der Vertreibung“. 

OB Stefan Bosse betonte in seinem Grußwort einmal mehr, wie wichtig der Stadtteil Neugablonz für Kaufbeuren sei und verwendete erneut die Formulierung „ein Glücksfall für die Stadt“. Die Geschichte von Neugablonz sei untrennbar mit der Geschichte der Gablonzer Industrie verbunden, wie Peter E. Seibt vom Bundesverband der Gablonzer Industrie aufzeigte. Daher feiert auch der Bundesverband dieses Jahr sein 70-jähriges Bestehen in Bayern und wird am 9. und 10. April aus diesem Anlass zum 3. Mal „Erlebnistage“ veranstalten. 

Schließlich wurde die Ausstellung „70 Jahre Neugablonz – ein fotografischer Streifzug“ für eröffnet erklärt. 70 Jahre sind ein Zeitraum, den heute so mancher in seinem eigenen Leben überblicken kann, und so entdeckten etliche Besucher Bekanntes und Bekannte auf den größtenteils schwarz-weißen Fotos. Besonders interessant sind die Gegenüberstellungen von Bildern aus den 1950er Jahren und heutigen Fotos. 

Die Räder-Installation von Werner Warta war nicht der einzige Blickfang im Gablonzer Haus bei dieser Auftaktveranstaltung. Auf dem Plakat, am Rednerpult des Großen Saals und vor allem in der Ausstellung fallen unübersehbar lebensgroße rote Silhouetten mit Anmerkungen in weißer Schrift ins Auge. Es handelt sich um das über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ geförderte Zeitzeugenprojekt „Blickwinkel“. Vertreter der Gustav-Leutelt-Schule, mit denen dieses Projekt realisiert wurde, erläuterten, dass sich diese Figuren stellvertretend für die heutigen Bewohner – Heimatvertriebene und Allgäuer, Gastarbeiter und Spätaussiedler, Migranten und Zugezogene – durch die Ausstellung bewegen. Aus ihrer persönlichen Sicht erzählen sie von den Anfängen und vom heutigen Leben in Neugablonz. 

In dem neuen museumspädagogischen Projekt von Ulrike Seifert „NEUgablonz.HEUTE – eine Spurensuche“ erkunden dagegen Kinder und Jugendliche den Stadtteil Neugablonz. Ihre Erfahrungen setzen sie auf vielfältige künstlerische Weise um, zum Beispiel als Nachbau einer Häuserzeile aus der Papageiensiedlung. Die dabei jetzt noch entstehenden Objekte werden umgehend in die Ausstellung integriert. Für Donnerstag, 28. April, ist die Vernissage einer eigenen Ausstellung dieser Werke geplant. Außerdem zeigt der Verein der Eisenbahnfreunde Kaufbeuren im Foyer des Gablonzer Hauses vom noch bis 3. April seine Ausstellung zur Eisenbahn auf dem Gelände der Dynamit AG (DAG). 

Es ist kein Zufall, dass im Stadtmuseum gleichzeitig die themenverwandte Ausstellung „Vom Wegmüssen und Ankommen“ läuft, die in Porträtfotos und Texten die Erfahrungen und Geschichten von Migranten in Deutschland erzählt, ergänzt durch drei örtliche Schicksale (siehe eigener Artikel). Vielmehr dokumentiert ein zweigeteiltes Plakat, das auf beide Ausstellungen hinweist, die Fortsetzung einer künftig engeren Zusammenarbeit zwischen Kaufbeurer Kultureinrichtungen, wie sie zwischen Stadtmuseum und kunsthaus bereits begonnen wurde. Auch die Flyer der beiden Veranstalter verweisen immer mit einer Seite auf die jeweils andere Ausstellung, außerdem erhalten Besucher des Isergebirgs-Museums gegen Vorlage der Eintrittskarte ermäßigten Eintritt im Stadtmuseum und umgekehrt.

von Ingrid Zasche

Die Ausstellung „70 Jahre Neugablonz – ein fotografischer Streifzug“ ist noch bis zum 10. Juli im Isergebirgs-Museum Neugablonz, Bürgerplatz 1 (Gablonzer Haus), Kaufbeuren, Tel. 08341/965018, www.isergebirgs-museum.de geöffnet, täglich (außer montags) von 14 bis 17 Uhr Gruppen sind nach Vereinbarung auch außerhalb der Besuchszeiten willkommen.


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