Leo Hiemer stellt neues Buch vor

„Gabi – geboren im Allgäu – ermordet in Auschwitz“: Jüdische Schicksalsgeschichte

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Leo Hiemer präsentierte in einer ergreifenden Lesung und im voll besetzten Rathaussaal sein Buch „Gabi – geboren im Allgäu – ermordet in Auschwitz“.

Marktoberdorf – „Ein Pfiff. Der Zug fährt los. Gabi ist fort.“ Es ist früher Morgen in Immenstadt am Bahnhof, im Jahr 1943 und Gabis letzter Tag in ihrer Heimat. So beschreibt es Leo Hiemer. Der Allgäuer Autor und Regisseur hat das Schicksal des Kindes Gabriele Schwarz, jüdischer Herkunft und katholisch getauft, eindrucksvoll in seinem neu veröffentlichten Buch „Gabi – geboren im Allgäu – ermordet in Auschwitz“ nachgezeichnet. Vergangene Woche präsentierte er die Publikation erstmals in Marktoberdorf der Öffentlichkeit.

Die Stuhlreihen im Rathaussaal waren voll besetzt und von der Leinwand blickten die dunklen Kulleraugen der pausbäckigen Gabi ins Publikum, als Leo Hiemer mit seiner Erzählung der Ereignisse im Nazi-Deutschland begann. Wie Gabis Mutter Lotte, Jüdin aus Augsburg, hochschwanger und auf sich allein gestellt in Marktoberdorf 1937 bei der ehemaligen Haushaltshilfe ihrer Eltern, Rosalia Häringer unterkam. Wie dort in der Tigaustraße am 24. Mai die kleine Gabriele zur Welt kam und die beiden Frauen alles taten, dass „Gabi“ katholisch getauft bei einer frommen Pflegefamilie auf dem Land aufwachsen könne. Hiemer erklärte, was es damals hieß, ab 1939 den Bei­namen „Sara“ zu tragen; wie Gabis Mutter Lotte versuchte, sich und die kleine Tochter ins Ausland zu retten und wie Gabi von einem Tag auf den anderen auf Befehl der Gestapo den Pflegeeltern entrissen, in ein jüdisches Sammellager nach München gebracht und kurze Zeit später in Auschwitz ermordet wurde.

Wichtiges Zeitzeugnis

Wissenschaftlich fundiert, beruhend auf zahlreichen Dokumenten, Fotografien und Zeitzeugenberichten arbeitete Hiemer das Schicksal von Gabi und ihrer Mutter Lotte auf. Herausgekommen ist ein spannendes und lesenswertes Zeitzeugnis, das ungeschönt und wissend um den brutalen Ausgang der Geschichte die Menschen in den Vordergrund rückt: die mutigen und verzweifelten, die Wegbegleiter und die Zerstörer. Der preisgekrönte Filmemacher Leo Hiemer beschäftigt sich bereits seit mehr als 20 Jahren mit der Geschichte der Gabriele Schwarz. Von ihrem kurzen Leben handelte schon sein Spielfilm „Leni… muss fort“ aus dem Jahr 1994. Im Jahr 2009 stieg der Autor dann wieder in die verschlungenen Pfade der Recherche ein und erinnerte bereits vor zwei Jahren im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im Rathaussaal der Stadt an das Schicksal der Gabi aus Marktoberdorf. Das 420 Seiten starke Buch konnte nun mit einem Druckkostenzuschuss der Stadt verwirklicht werden. Es ist im Mai im Metropol Verlag erschienen und ab sofort im Buchhandel erhältlich. Der Autor kündigte außerdem seine Bereitschaft an, in den weiterführenden Schulen der Stadt aus seinem Buch zu lesen und den Schülerinnen und Schülern vom Schicksal des jüdisch-katholischen Kindes zu erzählen.

Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell erinnerte in seinen Grußworten daran, dass dieses Buch das unermessliche Leid erahnen lasse, welches Millionen europäischen Juden während des Nationalsozialismus zugefügt wurde. Er zitierte auch aus einem Brief, den ihm Charlotte Knobloch, Präsidentin der israelitischen Gemeinde München, anlässlich der Buchpräsentation zukommen ließ. „Es ist wichtig,“ schreibt Knobloch, „dass diese erschütternde Geschichte eines kurzen Kinderlebens, das aus blankem, erbarmungslosem Judenhass brutal ausgelöscht wurde und sich nicht entfalten durfte, erzählt, gelesen und gehört wird.“ Gabi wäre vor nur wenigen Tagen 82 Jahre alt geworden.

von Angelika Hirschberg

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