Gottesdienst mal anders

Kabarettist Christian Springer „predigt“ in der Dreifaltigkeitskirche

Kabarettist Christian Springer
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Kabarettist Christian Springer sorgt mit seiner Kanzelrede in der Dreifaltigkeitskriche für nachdenkliche Momente.

Kaufbeuren – Einen Gottesdienst der besonderen Art erlebten die Besucher des Abendgottesdienstes am Sonntag. In der Kaufbeurer Dreifaltigkeitskirche stand, eingebettet in den gewöhnlichen Gottesdienst, das Kabarett von Christian Springer auf dem Programm. Der aus der TV-Sendung „Schlacht­hof“ bekannte Kabarettist und engagierte Flüchtlingshelfer gratulierte mit seinem Auftritt dem Arbeitskreis (AK) Asyl zum 30-jährigen Bestehen und fand auf der Kanzel ebenso deutliche wie berührende Worte.

So zahlreich waren die Voranmeldungen, dass gleich zwei Gottesdienste abgehalten wurden, denen insgesamt rund 200 Besucher beiwohnten. Gerne war dann auch Pfarrer Alexander Röhm bereit, Springer die „Bühne“ als Prediger zu überlassen. Sehr persönliche Erfahrungen und Anekdoten, schöne und schreckliche Erlebnisse in der Arbeit mit Flüchtlingen teilte Springer, der 2012 den Verein „Orienthelfer“ gründete, mit dem Publikum. Er erinnerte eindringlich daran, „was für ein Glück wir haben, dass wir hier reingeboren wurden“ – in eine Region, die schön und reich sei, und einen Luxus biete, der oft als selbstverständlich wahrgenommen werde.

Es sei die „Pflicht“ der Menschen, die in solch privilegierten Ländern leben, den Mitmenschen, die am Boden liegen, die Hand zu reichen. Betroffen zeigte sich Springer angesichts dessen, dass soviel Aufhebens um das Thema gemacht werde, wo das reiche Europa momentan doch lediglich sechs Prozent der weltweiten Flüchtlinge aufnehme. Auch zu glauben, dass „diese Menschen gerne vorm Sozialamt stehen“, sei schlichtweg „idiotisch“. Denn jeder von ihnen hätte das Potenzial, etwas aus sich zu machen, wenn man es ihnen nur zugestehen, ihnen die Chance dazu geben würde. Klare Worte fand der Kabarettist auch im Hinblick auf die Flüchtlingssituation auf dem Mittelmeer und das Handeln – oder eher: Nicht-handeln – der Verantwortungsträger in der Politik: Wer diese Menschen ihrem Schicksal überlasse, hinnehme, dass sie „ersaufen“, dürfe keine verantwortungsvolle Position innehaben. Die Zuhörer bekräftigten das Statement durch Applaus.

Das Potenzial, etwas zu bewegen

Springer erzählte vom kleinen Land Libanon, „eine zweite Heimat“, in die es ihn immer wieder verschlage. Er berichtete von seinem Team an Orienthelfern, die vor Ort unermüdlich im Einsatz seien. Von Begegnungen mit Menschen und ihren Schicksalen, die ihn bisweilen „mit Gott hadern“ ließen. Wie der unvergessene Anblick von sterbenden Kindern in Behelfshospitälern. Aber auch von Begegnungen, die Mut machen, konnte Springer berichten. Von geflüchteten Syrern und Kriegsverletzten, die trotz größter Not eine „unglaubliche Kraft“ bewiesen hätten. Nie sei er bei seinen Reisen in den Libanon „angebettelt“ worden. Auch das „große Herz“ der Helfer gebe ihm Kraft und Zuversicht. Dass Menschen einander helfen, sei schließlich „ein Grundsatz, der uns in der Seele eingebrannt ist“.

Potenzial der Kinder

So appellierte er daran, insbesondere das Potenzial in den Kindern der Geflüchteten zu sehen. Die Chance, gemeinsam etwas zu bewegen. Dadurch können „Dinge entstehen, die die Welt positiv verändern“, sagte Springer. Dass die vermeintlich Fremden bei genauerer Betrachtung gar nicht so fremd seien, belegte der Kabarettist mit der Tatsache, dass im römischen Reich rund 300 Jahre lang syrische Söldner im heutigen Bayern stationiert waren. So könne es durchaus sein, dass durch so manchen Vorsitzenden des örtlichen Trachtenvereins syrisches Blut fließe. „Also behandeln Sie sie gut, seien‘s nett zu ihnen!“, gab der Kabarettist zum Abschluss eines außergewöhnlichen Gottesdienstes den Gästen mit auf den Weg.

Mahi Kola

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