Chefarzt der Kinderklinik Kaufbeuren äußert sich zur Impfempfehlung für die unter 12-Jährigen

»Es wird das Impfen brauchen«

Professor Dr. Markus Rauchenzauner
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Professor Dr. Markus Rauchenzauner hat eine deutliche Meinung, was die Impfung gegen Covid-19 für Kinder anbelangt.
  • Angelika Hirschberg
    VonAngelika Hirschberg
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Landkreis/Kaufbeuren – Die Corona-Pandemie ist noch längst nicht ausgestanden, sagen Experten. Und immer wieder gelte es, auf ein mutierendes, hoch ansteckendes Virus zu reagieren. Neueste Entwicklung ist: Nun können und sollen auch die Jüngsten, nämlich Kinder ab fünf Jahren die Impfung zum Schutz vor Covid-19 erhalten. 

Ende November gab die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) dafür grünes Licht. Vergangene Woche folgte die Ständige Impfkommission (Stiko) mit ihrer Impfempfehlung für die unter Zwölfjährigen – allerdings mit Einschränkungen. Das deutsche Expertengremium empfahl die Impfung lediglich für Kinder, die selbst vorerkrankt sind oder Kontakt zu Risikopatienten haben. Die Stiko begründet ihre zurückhaltende Empfehlung damit, dass das Risiko seltener Nebenwirkungen der Impfung aufgrund der eingeschränkten Datenlage für diese Altersgruppe derzeit nicht einschätzbar sei. Seither kochen viele Fragen rund um die Impfung für Kinder hoch, erkranken gerade die Kleinsten doch häufig nur leicht an einer Corona-Infektion. Viele Eltern hierzulande sind verunsichert. Was für sie das Verwirrspiel noch erhöht: Auf „individuellen Wunsch“ sei auch die Impfung gesunder Kinder möglich, so sagt die Stiko.

Im Bereich des Möglichen ist auch, dass die Stiko in Kürze nachzieht und eine generelle Impfempfehlung für die Gruppe der Fünf- bis Elfjährigen freigibt. Das erwartet zumindest Professor Dr. Markus Rauchenzauner, Chef­arzt der Kinderklinik am Krankenhaus Kaufbeuren. Und er rät besorgten Eltern vor allem eines: „Suchen Sie Rat bei Ihrem Kinderarzt und vertrauen Sie der Empfehlung des Experten.“

Über schwere Krankheitsverläufe, entbehrliche Aussagen und die Arbeit der Kinderärzte vor Ort spricht Rauchenzauner im Interview mit dem Kreisbote.

Professor Rauchenzauner, wie beurteilen Sie die eingeschränkte Empfehlung der Stiko zur Schutz­impfung von Kindern?

Prof. Rauchenzauner: Ich begrüße die Entscheidung als einen ersten Schritt. Sie erscheint mir jedoch als zu kurz gegriffen. Die Zahl der Corona-Infektionen bei Kindern ist in den vergangenen, wenigen Wochen extrem angestiegen – allein in der ersten Dezemberwoche infizierten sich mehr als 100.000 Schüler­innen und Schüler deutschlandweit mit Covid-19. Damit erhöht sich auch in der Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen automatisch die Zahl derer, die an einer Komplikation oder einem schweren Verlauf leiden. Ich bin davon überzeugt: Je mehr Kinder an Covid-19 erkranken, umso häufiger werden sie auch im Krankenhaus behandelt werden müssen. Das ist im übrigen keine Panikmache, sondern reine Statistik.

Welche Erkrankungen und schwere Folgen einer Corona-Infektion beobachten Sie in Ihrem Klinikalltag?

Prof. Rauchenzauner: Bei Kindern verläuft eine Covid-Erkrankung meist glimpflich und häufig sogar symptomlos. In seltenen Fällen kommt es aber Wochen nach einer oft harmlos verlaufenen Corona-Infektion zu einem schweren Verlauf. Wir sprechen von einem post-viralen Entzündungssyndrom, genannt PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome). Das Immunsystem spielt plötzlich völlig verrückt. Zu uns wurde beispielsweise ein Mädchen geschickt, das unter hohem Fieber, starken Bauchschmerzen, einer Bindehautentzündung und höchsten Entzündungswerten litt. Weitere Untersuchungen zeigten eine erhebliche Einschränkung der Herzpumpfunktion und Ergüsse in Herz und Lunge. Antibiotika schlugen nicht an. Wir verabreichten der jungen Patientin dann hochdosierte Immungloboline, außerdem Kortison hoch dosiert und betreuten sie auf Intensiv. Am Tag ihrer Entlassung ging es ihr zwar deutlich besser, doch sie war bei weitem noch nicht gesund. Eine Herzmuskelentzündung musste noch wochenlang mit Aspirin behandelt werden. Sie sehen, mit den Folgen einer Corona-Infektion ist auch bei Kindern nicht zu spaßen und wir nehmen derzeit an, dass eine Impfung einem solchen Verlauf vorbeugen kann.

Was empfehlen Sie also Eltern, die sich überlegen, ihre Kinder gegen Corona impfen zu lassen, wie es seit Mitte der Woche in den Praxen in Bayern möglich ist?

Prof. Rauchenzauner: Ich empfehle die Schutzimpfung und zwar für alle Kinder, natürlich insbesondere für diejenigen mit einer Grunderkrankung. Wir sehen auch am Beispiel der USA, wo mittlerweile schon Millionen Kinder den Piks erhalten haben, dass gerade Kinder die Impfung sehr gut vertragen.

Und ich empfehle die Impfung für alle ab fünf Jahren auch aus einem zweiten Grund: Sie dient insbesondere dem Schutz der empfindlichen Bevölkerungsgruppe. Denken Sie beispielsweise an Kinder mit Transplantationen oder Immunschwächen. Für sie ist die Teilhabe an einer Gruppe ungeimpfter Kinder nur unter größtem Risiko einer Erkrankung möglich.

Tragen denn Kinder tatsächlich das Virus weiter?

Prof. Rauchenzauner: Oh ja. Das habe ich erst jüngst in der eigenen Familie erlebt. Meine Nichten und Neffen, beide im Kindergartenalter, haben die Großmutter trotz doppelter Impfung während der Inkubationszeit angesteckt. Wir müssen jetzt erst noch absehen, wie sie die Infektion verkraftet. Weil das Virus so hoch ansteckend ist, geht es beim Impfen daher tatsächlich auch um den Schutz der nahen Angehörigen.

Eine ganz praktische Frage: Ist auch für Kinder eine zweistufige Impfung nötig? Und was raten Sie Kindern, die bereits eine Infektion durchgemacht haben und genesen sind?

Prof. Rauchenzauner: Ja, auch Kinder ab fünf Jahren müssen zwei Mal geimpft werden und können sich nach frühestens vier Monaten boostern. Ich empfehle da abzuwarten, ob sich der Impfstoff in nächster Zeit den mutierenden Virusvarianten anpasst. Und für genesene Kinder gilt dasselbe wie für genesene Erwachsene: Sie sollten sich ebenfalls nach einem entsprechenden Zeitraum und angepasst an die Situation impfen lassen.

Haben Sie Verständnis für Eltern, die Folgeschäden durch die Impfung bei ihren Kindern befürchten?

Prof. Rauchenzauner: Ich versuche diesen Eltern die Mechanismen einer Impfung verständlich zu erklären und damit auch Vertrauen in das Wissen der Experten zu übermitteln. Alle Kinderärzte, die ich kenne, bilden sich intensiv weiter und sind in regem Austausch, was ganz speziell die Folgen für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen betrifft. Vertrauen Sie deren Rat! Und bitte berücksichtigen Sie auch, dass die Geschichte des Impfens eine Erfolgsgeschichte ist. Wir haben das beispielsweise erst jüngst bei der Meningitis-Impfung gesehen.

Welche Prognose würden Sie bezüglich eines Endes der Corona-Pandemie aussprechen?

Prof. Rauchenzauner: Covid wird uns bleiben. Das Virus will überleben und sich nur, wenn wir wirklich Glück haben, in eine sanfte und harmlose Erkrankung wandeln. Uns Menschen bleibt dabei nichts anderes übrig, als auf Sicht zu fahren. Es wird mehr Impfungen und immer wieder Impfungen brauchen, um der schnellen Mutation des Virus gerecht zu werden. Das ist meine Meinung und ich kann nur an alle appellieren, bei der Bewältigung der Pandemie den Profis zu vertrauen – so wie Sie die Reparatur Ihres Autos auch der Fachwerkstatt überlassen.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von der Aussage des Stiko-Chefs Thomas Mertens, er würde seine eigenen Kinder aufgrund fehlender Datenlage aktuell nicht gegen Corona impfen lassen?

Prof. Rauchenzauner: Ich halte diese Aussage von Mertens als absolut entbehrlich. Er hat seine persönliche Stellungnahme mittlerweile auch selbst bedauert. Als Vorsitzender einer unabhängigen Institution sollte man die eigene Meinung außen vor lassen.

Vielen Dank für das Gespräch­

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