Viel Zorn und Unverständnis

Kaufbeuren: Demonstration der „Querdenker“ gegen Maskenpflicht für Schüler

Oberbürgermeister Stefan Bosse spricht bei Demo der Querdenker
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Oberbürgermeister Stefan Bosse (links) sah sich bei der Demonstration der „Querdenker“ gegen die Maskenpflicht für Schulkinder heftiger Kritik ausgesetzt.

Kaufbeuren – Etwa 130 Menschen haben sich am Donnerstagnachmittag vor dem Kaufbeurer Rathaus versammelt, um für die „Maskenfreiheit unserer Schulkinder“ zu demonstrieren. Sie waren dem Aufruf der Initiative Querdenken 8341-Kaufbeu­ren“ gefolgt und ließen auch lautstark ihre Wut über den Teil-Lockdown aus. Zielscheibe war die Politik, was Oberbürgermeister Stefan Bosse mit Buhrufen deutlich zu spüren bekam. Nichtsdestotrotz stellte er sich den Fragen der Gruppe und war um Sachlichkeit bemüht. 

Hauptredner Raffael Schindele, der die Demonstration gemeinsam mit Maja Gerlach organisiert hatte, kritisierte heftig die „Angsttreiberei der Politik“ und vertrat die Auffassung, Masken schützten nicht vor dem Coronavirus. Die Maskenpflicht für Schüler sei „kompletter Irrsinn“ und führe zu Sauerstoffmangel. Daneben zeigte er auch kein Verständnis für den bevorstehenden Lockdown ab Montag. „Symptomlose können niemanden anstecken“, sagte er. „Wenn ich Symptome habe, bleibe ich daheim.“ Er bezeichnete den bayerischen Ministerpräsident Markus Söder als „Angstschürer“ und die Maßnahmen als tödlich, woraufhin die Menge immer wieder skandierte: „Söder muss weg“. Zuletzt stellte Schindele die Genauigkeit der PCR-Tests infrage.

Das Wort erhielten auch besorgte Mütter und Großmütter. Die Mund-Nasen-Bedeckungen führten dazu, dass Kinder kollabierten, wenn sie sie teilweise bis zu sechs Stunden am Stück tragen müssten. Im Arbeitsschutzgesetz sei das hingegen nicht erlaubt, sondern Pausen geboten. Zudem sei nicht sicher, ob die Lehrkräfte dafür ausgebildet seien, kollabierenden Kindern auf richtige Art und Weise zu helfen. Beim Thema Dauerlüften und damit einhergehender niedriger Temperaturen in den Klassenzimmern bescheinigte eine Rednerin den Entscheidungsträgern einen Mangel an gesundem Menschenverstand. Eine andere Mutter bat um Plexi­glasscheiben zwischen den Tischen der Schüler anstelle der Maskenpflicht. Viele Eltern seien bereit, die Kosten von 80 Euro pro Stück zu tragen.

Die Organisatoren der Demo machten ihrem Unmut Luft.

Dass Bosse sich den Fragen stellte, bewertete Schindele als Zeichen für einen Dialog. Doch wie die Regentropfen prasselten auch die Zwischenrufe auf das Stadtoberhaupt ein. Bosse sagte, dass sich das Land seit sieben Monaten im Dauerstress befinde. „Das verändert uns alle.“ Es gebe Aufs und Abs der Pandemiebelastung und momentan befänden wir uns wieder ganz oben. Die steigenden Infektionszahlen zeigten dies. Für diese Aussage erntete er viele Zwischenrufe und wurde der Lüge bezichtigt, was er vehement von sich wies. Bosse betonte, er kenne die Argumente der „Querdenker“ und wisse, dass sie für jede ihrer Aussagen wissenschaftliche Expertise vorweisen könnten. Nur gebe es eben auch wissenschaftliche Nachweise für gegensätzliche Argumente. Gerade diese konträren Auffassungen führten zu einer Stresssituation in diesem Land. Entscheidungen müsse die Politik treffen und dort abwägen, wo es Für und Wider gibt. Mit den neuen Maßnahmen versuche die Politik, die Zahl der Ansteckungen zu minimieren. Er appellierte an die Anwesenden, dass sie „zumindest in Erwägung ziehen sollten, dass sich die Menschen in der Verantwortung Gedanken um die Maßnahmen machen“.

Der Kritik an seiner Person entgegnete der Oberbürgermeister, dass er immer bemüht war mit seinen Äußerungen zur Pandemie die Sorge und Last von den Bürgern zu nehmen. Er mache sich Sorgen um die Stadt, die Bürger und die Betriebe. „Lassen Sie uns versuchen, vernünftig miteinander umzugehen.“ Er wolle keine Angst verbreiten, aber „wir haben Tote“ im fortgeschrittenen Alter mit Vorerkrankungen, so Bosse, und zwar mit durch Labortests nachgewiesenen positiven Coronatests. Aktuell lägen zwei Personen mit positivem Testergebnis auf der Intensivstation am Klinikum Kaufbeu­ren und nur noch zwei Plätze seien frei, weil auch Patienten mit anderen Erkrankungen die weiteren Intensivbetten belegten.

Zum Thema Schule sagte er, es sei das oberste Gebot, die Schulen offen zu halten. Er rief die Eltern dazu auf, sich mit den Lehrkräften darüber zu verständigen, wie Pausen vom Mundschutztragen und das Lüften gehandhabt werden sollten. Als Oberbürgermeister sei er gar nicht mehr befugt, die Maskenpflicht, wie von den Demonstranten gefordert, abzuschaffen, denn das habe die Staatsregierung in ihren Genehmigungsvorbehalt genommen. Für Kinder sei es im Übrigen ganz maßgeblich, wie ihre Eltern mit dem Thema umgehen. Wenn den Kindern Schaden entstehe, bestehe immer die Möglichkeit gegen die Maßnahmen zu klagen, erklärte er. Den Plexiglasscheiben als Alternative zu Masken müssten unter anderem die Schulen und das Schulamt zustimmen und man könne nicht davon ausgehen, dass alle Eltern dafür zahlen würden.

Auch in Marktoberdorf wurde demonstriert.

Die Einhaltung der Maskenpflicht und der Abstände bei der Demo, auf die auch die Organisatoren hinwiesen, wurden von der Polizei überwacht. Laut Polizei wurde die Auflage der Versammlungsbehörde zum Tragen eines Mundschutzes und zur Einhaltung des Mindestabstands bei der Demonstration weitestgehend eingehalten. 15 Personen wollten trotz mehrfacher Aufforderung keinen Mundschutz tragen. Sie alle gaben gegenüber der Polizei an, ein ärztlichen Attests zu besitzen und daher von der Mundschutzpflicht befreit zu sein. In diesem Zusammenhang werden noch Folgeermittlungen angestrengt. Eine Handvoll Mitglieder des Aktionsbündnisses „Gemeinsam gegen Rechts“ waren als Gegendemo erschienen. Im Anschluss an die Kundgebung zogen die Teilnehmer durch die Innenstadt. Eine gleichgerichtete Demonstration mit etwa 250 bis 300 Teilnehmern fand danach auch in Marktoberdorf statt und verlief laut Polizei ebenfalls störungsfrei.

von Martina Staudinger

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