Spezialgebiet Fahnenschwingen

Seit 20 Jahren trainiert Familie Klingensteiner die berittenen Tänzelfestfähnriche

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Im Schrader-Hof trainieren die sechs Bürgerwehr-Fähnriche – noch in Zivil – das Fahnenschwingen.

Kaufbeuren – Schraderhof, 17 Uhr: Sechs Jugendliche zwischen zwölf und 15 Jahren schwingen ungeachtet des glühendheißen Sommer-Spätnachmittags unbewegten Gesichts wie Londoner Palastwachen, in kerzengerader Haltung mit einem Arm auf dem Rücken (außer beim Handwechsel) zu den zwei überlieferten Musikstücken immer wieder unverdrossen ihre Fahnen in Achterkreisen um sich herum. 

Das ist offenbar gar nicht so einfach, wie es zum Schluss bei den Vorführungen aussieht – noch landet immer wieder einmal eine der Fahnen auf der Erde. Jeder Durchgang endet in einer Verbeugung, beim schnellen Marsch nach zwölf Sekunden, beim langsamen nach 16 Sekunden. Die sechs berittenen Tänzelfestfähnriche trainieren ab etwa drei Wochen vor Beginn des Tänzelfests täglich eine Stunde lang das Fahnenschwingen, mit dem der Tänzelfestverein alljährlich seinen Sponsoren dankt.

Immer am Tänzelfest-Samstag und -Montag sind die Fähnriche, aufgeteilt in drei Gruppen mit je einem Drittel der Tänzelfestkapelle in Kaufbeuren samt seinen Außenbezirken von 6.40 Uhr bis mittags unterwegs – ohne Pferde, aber mit den Bürgerwehr-Pionieren und ihren Geldkassetten. Sie erweisen den bisherigen Spendern ihre Referenz, dabei sind aber auch weitere Spenden willkommen. Am Sonntagvormittag vor dem Rathaus gilt die Ehrenbezeugung dem OB, der sich traditionell ebenfalls mit einem Geschenk bedankt.

„Ich bin jedes Jahr froh, wenn das gut über die Bühne gegangen ist – auch wenn in all den Jahren vor dem Rathaus bloß ein einziges Mal eine Fahne ‘runtergefallen ist“, sagt Ulrike Klingensteiner, die heuer seit 20 Jahren „ihre“ Fähnriche rundum betreut und mit ihrer gesamten Familie trainiert. Nachdem ihr ältester Sohn Daniel vor 20 Jahren erstmals als berittener Fähnrich mitgemacht hatte, wurde sie gefragt, ob sie nicht deren Betreuung und Training übernehmen wolle. Seitdem ist sie zuständig für die Kostüme, die Einkleidung, den Trainings-Zeitplan, die Verpflegung und den Transport – kurzum: sie liefert ein „Rundum-Sorglos-Paket“ für die sechs Fahnenschwinger. Und die ganze Familie Klingensteiner unterstützt sie dabei: Christian, Andreas und Tanja wechseln sich mit der Mutter beim Training ab, der Vater hilft als Springer aus. Seit Sohn Daniel studienhalber weggezogen ist, ergänzt Co-Trainer Stephan „Horsti“ Sieber das Team.

Einmal war bis zuletzt kein sechster Fähnrich aufzutreiben. Obwohl in dieser Untergruppe der Knabenkapelle Mädchen eigentlich nicht zugelassen sind, durfte – der Not gehorchend – ausnahmsweise Tochter Tanja, die schon immer beim Training dabei gewesen war und das Fahnenschwingen beherrschte, ganz offiziell im Festzug einspringen. In der Not frisst der Teufel eben sogar weibliche Fliegen...

Es wird schon einiges verlangt von den Fähnrichen: Drei Wochen lang von Montag bis Freitag täglich bei jedem Wetter eine Stunde Training, dazu etwa drei Reitstunden, der Fahnenschwinger-Marathon am Samstag- und Montagvormittag, der Hauptauftritt vor dem Rathaus am Tänzelfest-Sonntag und abschließend der Auftritt im Festzelt beim Tänzeltag der Alten. Dennoch bewerben sich viele von ihnen ein zweites und sogar ein drittes Mal – solange sie eben in das Kostüm passen. Dafür erhalten die Fähnriche auch von ihrer Betreuerin jedes Jahr eine persönliche Urkunde sowie eine Foto-CD.

Außerdem hat sich Ulrike Klingensteiner für ihr 20-jähriges Jubiläum etwas Besonderes ausgedacht und die ehemaligen Fähnriche angeschrieben: nach dem Ehemaligen-Zapfenstreich am Sonntag, 21. Juli gegen 20.45 Uhr sollen sie mit extra in Handarbeit dafür angefertigten Fahnen zeigen, dass sie den Achtschwung zum langsamen wie zum schnellen Marsch immer noch beherrschen. Die Fahnen dürfen sie dann zur Erinnerung behalten. „Fahnenschwingen ist wie Fahrradfahren – das verlernt man nie völlig“, lächelt die „Mutter der Fähnrich-Kompanie“. „Und vom Tänzelfestverein kriegen wir für den Festzug immerhin neue Federbuschen für die Hüte und neue Gürtel“, freut sie sich.

von Ingrid Zasche

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