„Bewusstmachung“ und „Verantwortung“

"Frieden neu bauen"

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Am 2. Juni 1945 hielten die amerikanischen Besatzungstruppen eine Siegesparade vor dem Kaufbeurer Rathaus ab. Einmarschiert waren sie bereits am 27. April.

Kaufbeuren – Am vergangenen Freitag lud die Kaufbeurer SPD zum Gedenken an das Ende des zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren. Unter dem Leitsatz „Gedanken zum Frieden in Deutschland – und der Weltgemeinschaft“ wurde der Bogen von der Zeit des Nationalsozialismus bis zu den heutigen Krisenherden gespannt.

Unter den Gästen war auch Oberbürgermeister Stefan Bosse (CSU). Wer seinen Blick schweifen ließ über das Mösle in Oberbeuren mit seinen spielenden Kindern und feierabendlichen Radfahrern und Spaziergängern, dem konnte die Tragweite dieses Treffens für einen Augenblick entschlüpfen: Zum Gedenken an 70 Jahre Kriegsende hatte man sich vor dieser idyllischen Kulisse versammelt. Hier hatte die SPD Kaufbeuren bereits vor 20 Jahren, zum 50-jährigen Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs, einen Gedenkstein errichtet sowie eine Friedenslinde gepflanzt. 

Das Grußwort von Oberbürgermeister Stefan Bosse (CSU) jedoch holte das gute Dutzend Anwesender schnell wieder zum Thema zurück: Von „Bewusstmachung“ und „Verantwortung“ war hier die Rede, auch von einem „Glücksfall“ für die Stadt Kaufbeuren, namentlich der kampflosen Übergabe der Stadt an die Amerikaner am 27. April 1945. Mit einem einzigen Bombenangriff, der zwei Menschen das Leben kostete, sei man „vergleichsweise glimpflich“ davongekommen, man dürfe aber auch die unrühmliche Vergangenheit rund um das Thema Euthanasie in Kaufbeuren nicht vergessen. 

Bewegende Schilderung 

Catrin Riedl, Fraktionsvorsitzende der SPD Kaufbeuren, verlas im Anschluss die Erin- nerungen der vor zehn Jahren verstorbenen Anni Stocker, Mutter von Bundesminister a. D. Walter Riester: Quintessenz der bewegenden und spannenden Schilderung der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs war, dass Verallgemeinerungen nicht gelten können, damals nicht und nicht in Zukunft. 

Gegen das Vergessen, so Riedl an späterer Stelle, sei man hier angetreten, außerdem wolle man Mut machen: Zum Hinschauen und Nein sagen, wo anderen Menschen Unrecht geschieht. Im Anschluss lieferte Ralf Nahm (SPD) eine Chronologie des zweiten Weltkriegs, inbegriffen einer schaurigen Bilanz: sieben Millionen Tote in Deutschland, 60 Millionen insgesamt. 

Weiter lenkte Nahm den Blickwinkel weg von der Vergangenheit auf die jüngere Geschichte und Gegenwart. Ob Kalter Krieg oder schwelende Krisenherde wie der Konflikt in der Ukraine oder andernorts in der Welt, ob Drogenkriege die sich zu Bürgerkriegen ausweiten wie in Süd- und Mittelamerika, stets gelte eins: Man müsse „Frieden neu bauen“. Für die musikalische Untermalung sorgten Christoph Graf und Leonhard Sandler mit dezenten, dem Ereignis angebrachten Intermezzi.

von Philip Bradatsch

Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Kaufbeuren

• Für die Kaufbeurer kam das Ende des Zweiten Weltkrieges schon einige Tage vor der offiziellen Kapitulation der deutschen Wehrmacht (8. Mai) am 27. April 1945. In der Bürgersprechstunde des jüngsten Stadtrats erinnerte Rudi Krumm an dieses denkwürdige Datum. „Kaufbeuren wurde kampflos übergeben. Dies war eine mutige Tat der Verantwortlichen, denn laut Befehl Hitlers stand darauf die Todesstrafe“, so Krumm. 

• Tatsächlich hatten die damaligen Verantwortlichen Bürgermeister Karl Deinhard, Amtmann Hans Seibold, Parteikreisleiter Karl Seiler aus Marktoberdorf, Fliegerhorstkommandant Oberst Hermann Bronner und Kampfkommandant Oberst Lindenmaier aus Österreich, sich entschieden, die Stadt nicht zu „verteidigen“. Davon berichtet auch Dr. Leonhard Weißfloch in den „Kaufbeurer Geschichtsblättern“ vom April 1975. 

Laut Weißfloch entging Kaufbeuren so seiner Zerstörung, obwohl die Stadt mit der Munitionsfabrik (Dynamit AG) und dem Fliegerhorst über strategisch durchaus wichtige Ziele verfügte. Oberst Lindemeier war zudem bereits am Morgen des 27. April mit dem Kampfbataillon des Fliegerhorstes nach Schongau abmarschiert. Auch dem obersten Befehl, bei Herannahen der gegnerischen Armee strategisch wichtige Ziele selbst zu sprengen, war man in Kaufbeuren nicht nachgekommen, um, so Weißflochs Erinnerung, vor allem die Fabrikanlage für Friedenszeiten zu erhalten. 

Als um die Mittagszeit desselben Tages sich die US-amerikanischen Kampfverbände der Stadt näherten, fanden sie eine Stadt vor, die für die friedliche Übergabe bereit war. Statt Straßensperren und gesprengten Brücken gab es weiße Fahnen an vielen Häusern. Auch vom „Volkssturm“ war nichts zu sehen, als nach den Erinnerungen des Zeitzeugen Walter K. Eberle gegen 13 Uhr „Feindalarm“ gegeben wurde und „die Amerikaner“ über Pforzen und Leinau über die Wertachbrücke in die Stadt kamen. 

• Die Insassen des KZ-Außenlagers „Riederloh II“ auf dem Areal des heutigen Mauerstettener Ortsteils Steinholz, waren nicht mehr vor Ort, als Kaufbeuren befreit wurde: Die Insassen dieses SS-Lagers, das 1944 mit dem Ziel der „Vernichtung durch Arbeit“ gegründet worden war, waren zwischen dem 8. und 11. Januar 1945 in das KZ Dachau gebracht und die verlassenen Baracken von Riederloh II inzwischen mit ukrainischen Zwangsarbeitern belegt worden. fr

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