Kaufbeuren soll mehr Hochschulstadt werden

„Politischer Ascherdonnerstag“ der Freien Wähler mit Minister Piazolo

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Ascherdonnerstag auf dem Lande mit Münchener Prominenz und örtlichen Kandidaten: Prof. Dr. Michael Piazolo (v. li.), Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus, Mitglied des Bayerischen Landtags und Kaufbeurer Stadtrat Bernhard Pohl, Landratskandidat Matthias Fack und OB-Kandidatin für Kaufbeuren, Bernadette Glückmann.

Frankenried – Bei den Freien Wählern (FW) ist manches anders, als bei anderen Parteien und Gruppierungen. So gab es heuer erneut bei den FW im Ostallgäu und in Kaufbeuren keinen Politischen Aschermittwoch, sondern einen „Ascherdonnerstag“ am 27. Februar. Er fand auch nicht im Verwaltungszentrum oder in Kaufbeuren statt, sondern im kleinen Ort Frankenried.

Das bot zum einen den Vorteil, dass Münchener Prominenz bereitstand, die offensichtlich am Mittwoch in Niederbayern gebraucht worden war. Und zugleich ließen sich damit sowohl der Kreis Ostallgäu als auch die Stadt Kaufbeu­ren ansprechen. Die Kaufbeurer OB-Kandidatin Bernadette Glückmann, der Bayerische Staatsminister für Bildung und Kultus, Prof. Dr. Michael Piazolo, sowie der Landtagsabgeordnete und Kaufbeurer Stadtrat Bernhard Pohl hatten sich damit strategisch günstig positioniert.

Eine Anekdote, die der Bayerische Staatsminister für Unterricht und Kultus, Prof. Dr. Michael Piazolo, am Ascherdonnnerstag in Frankenried erzählte, illustriert das Verhältnis der Freien Wähler in Bayern zu den anderen Parteien im Landtag und auf kommunaler Ebene. „Christian Ude, damals sozialdemokratischer Bürgermeister von München, besuchte einst den FW-Bundesvorsitzenden und heute stellvertretenden Bayerischen Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger auf seinem Anwesen in Niederbayern und erhielt dort als Geschenk ein Ferkel. Es folgte dann ein Gegenbesuch bei Ude in München. Dort schaute sich Aiwanger den kleinen Vorgarten des Hauses in Schwabing an und fragte: Ist das all dein Grund“? Und besorgt um das Schicksal des Ferkels hakte er nach, was denn damit sei. Udes lakonische Antwort: „Es wurde seiner Bestimmung zugeführt.“

Und so sehen sich die Freien Wähler: Als bodenständige, heimat- und traditionsverbundene Gruppierung mit Geduld, Langmut und Stehvermögen, etwa bei der Aufzucht von Tieren in der Landwirtschaft. „Die Bayernkoalition hält, obwohl die CSU an das Berliner Chaos der Schwesterpartei CDU mit all den Personaldiskussionen gekoppelt ist. Offensichtlich will ja die CSU zum Mond fliegen“, schätzte Piazolo ein. „Hier ist die Luft nicht dünn und bietet klugen Köpfen den Sauerstoff, den sie zum Denken benötigen.“

Später am Abend fügte Bernhard Pohl hinzu, dass ein FW-Landtagsabgeordneter unbedingt ein kommunales Mandat haben müsse, um den Kontakt mit seinem Herkunftsgebiet nicht zu verlieren und „nicht so eine verschroben Figur abzugeben, wie gestern der Berliner Gast bei der SPD.“

In diesem Jahr haben die Freien Wähler eine Kandidatin aufgestellt, die Rathauschef Stefan Bosse im Amt ablösen soll: Bernadette Glückmann. Der Ascherdonnerstag bot ihr eine Bühne, um darzulegen, wie sie sich das vorstellt.

Bodenständig hin oder her – Glückmann sieht das Kaufbeuren der Zukunft als „Bildungsstadt“. Sie verwies auf das gut ausgebaute Netz von Schulen, Berufsschulen, Volkshochschule sowie auf Einrichtungen wie das Grüne Zentrum oder das in Aufbau befindliche Technologie-Transferzentrum. „Inzwischen darf sich Kaufbeuren ja sogar ,Hochschulstadt‘ nennen“, konstatierte sie. Aber das ist Glückmann zu wenig. „Nur mit einer Außenstelle der Finanzhochschule werde ich mich nicht zufrieden geben“, kündigte sie an. Und etwas später stimmte ihr auch der Kultusminister zu: „Kaufbeuren gehört zu den wenigen kreisfreien Städten in Bayern, die keine Hochschul­einrichtung haben, sieht man von der Außenstelle der Hochschule der Finanzen einmal ab. Eine vernünftige Hochschule oder mindestens eine Außenstelle der Hochschule Kempten gehört dort hin.“

Aber Glückmann sieht noch weitere Möglichkeiten der Entwicklung. „Digitalisierung kann das leisten, was die Wirtschaft heute schon schafft – nämlich die Arbeit den Menschen bringen. Warum sollte das mit Bildung und Weiterbildung nicht möglich sein? Bildung ist der Schlüssel zur Zukunft jedes Einzelnen. Und das gilt nicht nur für junge Leute. In der modernen Welt ist lebenslanges Lernen angesagt. Das heißt, Erwachsenenbildung wird immer wichtiger. Da eröffnen sich beste Perspektiven für das Allgäu und speziell für Kaufbeuren, nicht zuletzt dadurch, dass wir bereits eine sehr multikulturelle Stadt sind, mit wertvollen Erfahrungen bei der Integration von Neubürgern.“

Und auch hier findet sie die Zustimmung des Ministers, dem gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land sehr wichtig sind. „Kaufbeuren muss eine eigene Entwicklung nehmen, und zwar nicht die einer ,Schlafstadt‘ von München“, ist er überzeugt.

Dass der Zuzug moderner mittelständischer Unternehmen, etwa aus dem Bereich der IT und der Weiterbildung, nicht leicht werde „in einer Welt, in der ständig neue Herausforderungen entstehen und wir uns zunehmend mit Vorkommnissen wie fremdenfeindliche Anschläge oder Bedrohungen durch Pandemien auseinander setzen müssen“, sei Glückmann bewusst. „Aber ich bin optimistisch und ich weiß: Kaufbeuren kann mehr!“

Diesen Optimismus teilen auch ihre Parteifreunde, insbesondere der Kandidat für den Posten des Landrates im Ostallgäu, Matthias Fack. Er verfügt als Präsident des Bayerischen Jugendringes BJR über viel Erfahrung in Bereichen wie Schule, Aus- und Weiterbildung sowie der ehrenamtlichen Verbandsarbeit. Er will erreichen, dass der Kreistag seine Arbeitsweise verändert. „Es darf nicht mehr vorher in Kungelrunden abgesprochen und dann kurz abgestimmt werden. Dazu würde schließlich auch eine Telefonkonferenz reichen.“ Vor diesem Hintergrund wies er darauf hin, dass es bei den Freien Wählern keinen Fraktionszwang gibt – was sich auf Kreistagsdebatten sehr belebend auswirken sollte. „Wir wollen gestalten, nicht verwalten“, so das Kredo des Landratskandidaten.

Aber dazu müssen die Kandidaten erst einmal gewählt werden. Hier herrscht allerdings Optimismus bei allen. „Wenn ich mir anschaue, dass etwa die Grünen bei der Umsetzung der Düngeverordnung eine Politik verfolgen, die in Zukunft kleine und mittlere Betriebe schwer belasten wird, dann frage ich mich, welcher Landwirt sie wählen soll. Oder wer einen OB im Amt bestätigen möchte, der den örtlichen Energieversorger mit einem Konzern ,verschmelzen‘ wollte oder eine Landrätin, die den Forggensee verlanden lässt?“, so Pohl.

Staatsminister Piazolo steuert dann noch ein sehr persönliches Argument bei: „Wie immer sich auch die Welt weiter drehen wird – bei den FW mit ihrem hohen Anteil an Landwirten bekomme ich auch als Städter immer etwas zu essen. Das gibt ein gutes Gefühl der Sicherheit.“

von Ingo Busch

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