Warum Schulleitungen an ihre Grenzen kommen - Der Ton in Richtung Politik wird rauer

»Es ist fünf vor Zwölf«

Arthur Müller Rektor
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Arthur Müller, Rektor der Konradinschule und Schulbeauftragter der Stadt Kaufbeuren, hat trotz der Corona-Pandemie noch sehr viel Spaß an seinem Beruf.
  • Stefan Günter
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Landkreis/Kaufbeuren – Der Ton in Richtung Politik wird rauer. Simone Fleischmann hat es bereits vor Jahren geahnt. Nun laufe man zusehends in die Kata­strophe, so die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) in einer Pressemitteilung. Der BLLV fordert seit langem bessere Arbeitsbedingungen für Schulleitungen. Der Verband wirft nun der Politik Tatenlosigkeit vor. Unser Reporter hat sich bei den Schulleitern vor Ort umgehört.

Denn die Corona-Krise habe viele Probleme erst ans Licht gebracht, so der Verband. Letztendlich könne man den Kindern nicht die Bildungsqualität bieten, die sie verdient hätten. „Hätte die Politik gehandelt, wären unsere Schulen jetzt nicht in dieser prekären Lage“, so die bittere Bilanz der BLLV-Präsidentin. Ausbaden müssten es nun die Schulleitungen, die völlig überlastet und ausgebrannt seien, so die Sicht von Präsidentin Fleischmann.

Für Frank Hortig, Schulleiter der Gustav-Leutelt-Schule in Neugablonz und zugleich Abteilungsleiter für Berufswissenschaften des BLLV im Bezirk Schwaben, ist es derzeit fünf vor zwölf. Noch immer seien Schulleiter vor allem Krisenmanager. Mit Beginn der Corona-Pandemie habe sich im Schulalltag vieles verändert. Hortig verantwortet 27 Klassen in seiner Schule. Sein Tag beginnt schon früh morgens und kann des Öfteren bis in den späten Abend dauern. Selbst am Wochenende steht er besorgten Eltern und Lehrkräften mit Rat und Tat zur Seite. Auch nach nunmehr 21 Monaten in der wohl größten Krise nach dem Zweiten Weltkrieg ist es für den Pädagogen weiterhin mehr als nur ein Job. „Ich habe ein vertrautes Team um mich herum. Wir arbeiten eng mit dem Elternbeirat zusammen und holen uns auch Rückendeckung. Denn wir machen alles nur für die Kinder“, so Hortig.

Homeschooling würde wieder vieles verändern. Der Rektor der Gustav-Leutelt-Schule wird deutlich: „Es wäre zusehends eine weitere Belastung für alle. Es bringt auch Elternhäuser an ihre Grenzen.“ Auch Frank Hortig kommt an einen gewissen Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht. „Spaß macht das nicht mehr!“, sagt er. Ausgebrannt sei er zwar noch nicht. Dennoch wolle er auch mit der Politik nicht tauschen. „Ich brauche als Praktiker Verlässlichkeit und Verbindlichkeit.“ Hortig fordert schlicht ein Update des Beschäftigungsprofils eines Schulleiters. Dass sich die Aufgaben nicht nur seit der Corona-Krise verändert haben, liege ja auf der Hand. Frank Hortig fordert ebenso eine Entbürokratisierung und mahnt mehr Wertschätzung an.

Ähnliche Töne gibt Arthur Müller von sich. Der Schulleiter der Konradinschule im Kauf­beurer Stadtteil Haken ist zugleich Schulbeauftragter der Stadt Kaufbeuren. Er hört in letzter Zeit häufig Klagen, dass viele Kollegen am Rande der Belastungsgrenze angekommen sind. „Es ist nicht zu schaffen, seiner Unterrichtsverpflichtung nachzukommen, ja sogar eine Klasse als Klassleiter zu führen, und nebenher täglich immer wieder neue Test-, Quarantäne- und auch Impfstatus-Vorschriften zu erhalten und sie auch umzusetzen.“ Trotzdem fühlt sich Müller nicht im Stich gelassen und verweist dabei auf die Unterstützung der Stadt, des Sachaufwandsträgers und des Schulamts. „Aber auch auf dieser Ebene erleben wir die Grenzen des Machbaren“, so Müller. Der Rektor der Konradinschule spricht die angespannte Personalsituation in Kaufbeuren und auch im Ostallgäu an. Erkrankte Lehrkräfte können beispielsweise nicht immer durch eine mobile Reserve vertreten werden. Eine Vertretung müsse in der Regel innerhalb einer Schule organisiert werden, macht Müller deutlich. „Nicht selten springt ein Schulleiter, eine Schulleiterin zur Vertretung mit ein.“ Auf den Punkt gebracht: Wie in Kindergärten ist auch in den Schulen pädagogisches Fachpersonal knapp bemessen. Arthur Müller ist nicht nur Schulleiter, sondern Macher, der seine Schule voranbringen möchte. Doch aufgrund der aktuellen Gegebenheiten ist derzeit dafür wenig Spielraum. „Viele Schulleiterinnen und Schulleiter sind viel zu sehr und besonders seit Ausbruch des Corona-Virus mit Verwaltungsangelegenheiten beschäftigt. Das sollte in meinen Augen nicht die Hauptaufgabe sein, denn es schmälert die Zufriedenheit mit dem gewählten Beruf.“

Diese Sorgen und Nöte kennt Andreas Roth vom Schulamt Kaufbeuren-Ostallgäu. „Wir unterstützen unsere Schulleitungen vor Ort dabei so gut wie möglich, wohl wissend wie intensiv sie immer wieder gefordert werden.“ Ihm ist durchaus bewusst, dass Schulleitungen vor Ort teilweise an ihre Grenzen kommen. „An sich ist die Stimmung aber besser als letztes Jahr“, so der Schulamtsdirektor gegenüber dem Kreisbote. Roth ist deshalb froh und dankbar, dass die Schulleitungen zusammen so engagiert und professionell auf sich ständig verändernde Rahmenbedingungen reagieren und die Konzepte vor Ort ständig anpassen und umsetzen. Damit schaffen sie für ihre Schüler bestmögliche Bedingungen. Dennoch: Die Pandemie fordert von allen Beteiligten großen Einsatz.

In die gleiche Kerbe schlägt auch Cornelia Lipinski. Für die Direktorin der Sophie-La-Roche-Realschule Kaufbeuren ist es deshalb jetzt umso wichtiger, zusammenzustehen und sich gegenseitig zu unterstützen. „Ich erlebe das jeden Tag mit großem Respekt vor der Leistung und dem Engagement jedes Einzelnen an unserer Schule.“ Im Stich gelassen fühlt sie sich nicht. „Bei der uns übergeordneten Dienststelle des Ministerialbeauftragten für Realschulen in Schwaben sind wir sehr gut aufgehoben. Wir erfahren auch vom Kultusministerium immer wieder große Wertschätzung. Was anzusprechen und zu optimieren ist, wird in diesem Rahmen weitergeleitet und auch wahrgenommen“, betont Lipinski.

Unterdessen hofft Frank Hortig auf Verbesserungen nach Beendigung der Corona-Pandemie. Er würde sich wünschen, dass nicht nur Unterrichtsformalitäten, sondern auch das Leistungsbemessungssystem überdacht würden. „Die Digitalisierung spielt eine Rolle, aber sie galoppiert an uns vorbei. Sie darf uns aber nicht einnehmen. Schule kann nicht durch die Digitalisierung ersetzt werden“, hebt der Rektor der Gustav-Leutelt-Schule in Neugablonz hervor. „Wir brauchen jetzt Ideen.“

Schulamtsdirektor Andreas Roth wiederum würde es durchaus begrüßen, „wenn den Schulleitungen zusätzliche Leitungszeit und auch zusätzliche Stunden für das Verwaltungspersonal zur Verfügung gestellt werden könnten.“

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