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Handel gegen weniger Verkehr

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Von: Wolfgang Becker

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Straßenansicht Kaiser-Max-Straße Kaufbeuren
Fahren, Parken und Flanieren - aktuell sind in der Kaufbeurer Innenstadt die Übergänge noch fließend. © Gattinger

Kaufbeuren – Das Thema „Innenstadt“ beschäftigt Bürger und Verwaltung der Stadt Kaufbeuren schon seit Jahrzehnten. Dies wurde in der Sitzung des Innenstadtbeirates in der vergangenen Woche deutlich. Die Beiräte diskutierten über die schon mehrfach vorgestellten Gutachten. Dabei wurde deutlich, dass der Handel keine Verkehrsreduzierung wünscht und auch an den bestehenden Park- und Stellplätzen nicht rütteln will. Es gab aber auch andere Stimmen. Wie jedoch die Aufenthaltsqualität verbessert und mehr Besucher in die Innenstadt gelockt werden könnten, blieb weitgehend offen. Aus Sicht der externen Stadtplanerin Sylvia Haines hat die Stadt aber „eine ganze Menge Entwicklungsmöglichkeiten“.

Die Veranstaltung teilte sich in zwei Teile: Die verkehrliche Untersuchung erläuterte Dipl.-Ing. Robert Wenzel von der Bernhard Gruppe aus Österreich. Die Vorstellung der Zielkonzepte und Vorschläge zur Altstadtentwicklung übernahm Sylvia Haines vom Architektur- und Stadtplanungsbüro Haines-Leger aus Würzburg. Sie vertrat auch das Büro arc.grün Landschaftsarchitekten aus Kitzingen und moderierte die Diskussionsrunde.

Eingangs machte Oberbürgermeister Stefan Bosse deutlich, dass es ein großes Anliegen des Stadtrates sei, die Situation in der Innenstadt zu verbessern. Dazu werde aktuell ein „strategischer Rahmenplan erarbeitet und fortgeschrieben“. Alle bisherigen Beteiligungen aus allen Klausurtagungen und Bürgerbeteiligungen seien eingeflossen, eine Verabschiedung ist für Ende des Jahres vorgesehen. „Es steht noch nichts fest“, so der OB.

„Parksuchverkehr“

Robert Wenzel stellte nochmals die schon bekannte Situation bezüglich Parkplätzen, Stellflächen und Wegebeziehungen dar (wir berichteten mehrfach). Wesentliche Punkte für die Altstadt sind 60 Prozent Kurzparker, Parkdauerüberschreitung zwischen neun und 19 Prozent sowie rund 45 Prozent Parksuchverkehr von Fahrzeugen, die ohne Halt wieder ausfahren. Dies führt aus Sicht des Experten zu Beeinträchtigungen für Fußgänger und Radfahrer sowie einer Minderung der Aufenthaltsqualität. 25 bis 30 Prozent kommen zu Fuß oder Rad in die Altstadt sowie 62 Prozent mit dem Auto, sowohl Kaufbeurer als auch aus dem Umland. Aus den vorliegenden Verkehrsuntersuchungen sind vier Varianten entwickelt worden, welche von einer neuen Zufahrt für Anwohner unter dem Berg über Teil- und Vollsperrung der Kaiser-Max-Straße bis zur Öffnung der Schmiedgasse reichen. In allen Fällen wird nur noch das zeitlich begrenzte Parken auf markierten Plätzen zugelassen.

Handel sagt „Nein“

Während sich die verkehrliche Situation aus Sicht der Planer bereits bei geringen Maßnahmen deutlich verbessert, befürchtet der Handel Nachteile bei allen Maßnahmen. Maximilian Fischer als Sprecher der Aktionsgemeinschaft lehnte alle vorgeschlagenen Maßnahmen ab. Es sei eine emotionale Zeit, den Händlern würden „Parkplätze weggenommen“ und im Rosental gebe es eine „anarchistische Parksituation“. Auch Cafébetreiber Joachim Joanni an der Kaiser-Max-Straße plädierte für eine „Nullvariante“, also alles wie bisher zu belassen, da er aus seiner Erfahrung bei einer Straßensperrung 30 bis 40 Prozent Verlust habe. Ulf Jäkel vom Stadtmarketing Kaufbeuren plädierte für eine Vertagung der Lösung und warnte ausdrücklich davor, „Verkehr jetzt aus der Innenstadt rauszunehmen“. Das sah Ulrike Seifert völlig anders. „Wir brauchen Mobilität, aber ohne Verkehr“, sagte die Stadträtin der Grünen, „der Innenstadt geht es schlecht, weil Parkraum alles kaputtmacht.“

„Mittelweg als Lösung“

Baureferent Helge Carl sah die langen Parkzeiten vieler Fahrer als Problem: „Kurze Parkzeit für eine Besorgung, ja, aber lange Parkzeiten im Parkhaus mit den kurzen Anbindungen zur Innenstadt.“ Fachmann Wenzel schlug vor, ortsfremde Besucher mit einem Parkleitsystem außen abzufangen und zu lenken. Stadträtin Catrin Riedl (SPD) warb für die „Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer“ als mittelfristiges Ziel. Stadtrat Alexander Dobler (CSU) sah eine Möglichkeit zur Belebung der Innenstadt in der Schaffung von Wohnraum, auch durch die Umwandlung bestehender Leerstände. Er bezweifelte, dass mit der Lenkung des Verkehrs die Innenstadt belebt werden könnte. Carmelo Panuccio von der Kaufbeurer immo holding unterstützte den Wunsch der Einzelhändler, sah aber einen Mittelweg zwischen „alles beim Alten“ und „alles raus“ als Lösung. Man könne vielleicht „Stück für Stück“ etwas entwickeln, beispielsweise für Cafés mit mehr Bestuhlung und Handel mit mehr Außenfläche. Er brachte auch sogenannte Poller für temporäre Sperrungen ins Spiel.

Stärkung der Innenstadt

Die unter anderem auf einer umfassenden Bürgerbeteiligung fußenden 49 Maßnahmen für Veränderungen mündeten nach den Worten von Sylvia Haines in zwölf Projektvorschläge an acht Entwicklungsschwerpunkten auf einem Weg vom Bahnhof in die Altstadt (wir berichteten). Dazu gehören unter anderem das Bahnhofsareal ebenso wie der Jordanpark oder der Weg in die Altstadt am Mühlbach, die Spittelmühle sowie die Aufwertung der Kaiser-Max-Straße oder Wohnanlagen. Schon ein Spielplatzkonzept mit überdachten Spielplätzen oder das Projekt „Heinzelmannstraße“ böten eine „Menge an Entwicklungsmöglichkeiten“.

Dr. Ulrich Klinkert vom Heimatverein lobte die „wichtig gesetzten Schwerpunkte“, stellte aber die Fragen nach der Zukunft der Stadt aus Sicht von Stadtrat und Verwaltung sowie der Priorisier­ung der Maßnahmen. Die Antworten gab die Stadtspitze: „Wir wollen mehr Menschen, mit Handel, Gastronomie und Dienstleister, aber auch mit Wohnen.“ Ein wichtiger Aspekt sei auch der Denkmalschutz. Das sei alles aufwendig und kompliziert und man benötige viele Partner und Investoren. Haines sagte dazu, sie kenne „nur wenige Kommunen, in denen das Thema Denkmalschutz so negativ diskutiert“ werde wie in Kauf­beuren und verwies auf die Möglichkeiten von Förderungen. Panuccio schlug vor, mit den derzeit nicht attraktiven Wegen von außerhalb der Altstadt zu beginnen und auch den Busbahnhof mit einzubeziehen. Der Baureferent stellte abschließend fest: „Nur wenn die Stadt und private Eigentümer gemeinsam agieren, klappt es. Wir haben Chancen, es gibt Interessenten, die Kaufbeuren als zukunftsträchtig sehen, da die Stadt unter den Mittelstädten ein großes Potenzial besitzt.“

Kommentar: Welcher Weg?

Wer auf Wegen in unbekanntem Terrain an eine Weggabelung oder Kreuzung kommt, weiß ohne Hilfsmittel manchmal nicht, welche Richtung er einschlagen soll, um zum Ziel zu gelangen. Ein Weg kann falsch sein, ein anderer Umwege bedeuten und wieder einer direkt zum Ziel führen.

Ähnlich verhält es sich mit einem Innenstadtkonzept für die Zukunft Kaufbeurens. Doch dies ist kein völlig unbekanntes Terrain. Die Fakten sind bekannt, dafür haben diverse Gutachten gesorgt. Die Stadt steckt in einem Dilemma. Sie muss die Gratwanderung zwischen Aufenthaltsqualität durch Verkehrsreduzierung und die permanente Erreichbarkeit bis vor die wenigen noch verbliebenen Geschäfte schaffen. Dabei ist ein Weinhandel oder ein Blumengeschäft hinsichtlich der Artikelgröße sicher anders zu sehen als ein Käseladen. Seltsamerweise fahren manche Kaufbeurer auch zum Einkaufen und Flanieren gerne in Nachbarstädte mit autofreien Innenstädten und langen Fußwegen! Wer setzt sich wirklich gerne an einen Tisch der Außengastronomie in der Kaiser-Max-Straße, um sich den bekannterweise mehrfach die Altstadt durchrollenden Fahrzeugen mit ihrer Lärm- und Luftverpestung auszusetzen? Oder zählt das Motto: Gesehen und gesehen werden?

Eine weitere Frage: Welche Immobilienbesitzer in der Altstadt könnten sich in ihren Leerständen Mietpreise vorstellen, die einem kleinen Betrieb Luft zum Leben lassen? Dazu gehört natürlich auch der Aspekt „Denkmalschutz“, der vielleicht mehr Spielräume ermöglicht. Als die ehemalige Crescentia-Apotheke in der Fußgängerzone umgebaut wurde, habe ich diese Behörde allerdings vermisst!

Die Lösung ist nicht einfach. Im kommenden Herbst sollen im Stadtrat erste Entscheidungen fallen. Dann wird man sehen, welchen Weg das Gremium für die Zukunft der Stadt wählt . . . !

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