Große Anteilnahme und auch Wut

"Tiefe Schatten über dem Fest"

Kaufbeuren – Der Schock und die Betroffenheit innerhalb der Stadt ist nach der tödlichen Prügelattacke immer noch zu spüren. Am Samstag nahmen mehrere hundert Menschen an einem Gedenk-Gottesdienst sowie einem Trauermarsch teil.

Der Schock und die Betroffenheit innerhalb der Stadt ist immer noch zu spüren. Wie ein „Blitz aus heiterem Himmel“ sei „unser Tänzelfest“ – „ein Fest fröhlich-lachender Kinder – durch eine brutale Schlägerei, hervorgerufen durch Alkohol und fremdenfeindliche Beleidigungen und Aggressionen, jäh und aufs empfindlichste gestört“, erklärte OB Stefan Bosse am Samstag bei einem Trauergottesdienst im Tänzelfest-Rondell. Diesen hatten der Tänzelfestverein und die Stadt Kaufbeuren initiiert, um dem Opfer des schrecklichen Vorfalls zu gedenken.

Die schönen, unbeschwerten Tage, die Kaufbeurens Bürger mit Gästen aus nah und fern zuvor in friedlicher und harmonischer Atmosphäre gefeiert hatten, werden nun durch den tragischen Tod eines 34-jährigen Familienvaters überschattet, der, offenbar rein zufällig als Unbeteiligter in die Schlägerei beim Festzelt geraten war. (wir berichteten, siehe auch Titelseite). Und so galt es, wie OB Bosse betonte, „ein Zeichen zu setzen und nicht einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen“.

Einige hundert Trauergäste versammelten sich am Samstagvormittag im Tanzrondell, wo knapp eine Woche zuvor, die Tänzelfestkinder in fröhlichem Spiel und Tanz „ihr Fest“ gefeiert hatten. Unter den Anwesenden war die Stimmung diesmal jedoch gedrückt. Immer wieder hörte man aus den Gesprächen die Wut und Empörung der Kaufbeurer Bürgerinnen und Bürger, die sich noch immer fragen, wie konnte es zu dieser Wahnsinnstat kommen. Gleichzeitig distanzierte man sich entschieden gegen jegliche Gewalt – egal aus welcher Richtung diese auch kommen mag. Man war sich hier einig mit Kaufbeurens Stadtoberhaupt, der ganz klar Stellung bezog und erklärte, „so etwas darf bei uns in Kaufbeuren keinesfalls geduldet werden“.

Ein junger Spätaussiedler namens Viktor, der um seinen Freund trauert, zeigte sich verärgert darüber, dass man, als die Öffentlichkeit über die Hintergründe der Tat noch gar nichts wusste, sofort die „besoffenen Russland-Deutschen“ damit in Verbindung gebracht habe. Mit einer gewissen Genugtuung könne er nun nach den Darstellungen des Oberbürgermeisters feststellen, dass sein Freund ein unschuldiges Zufallsopfer war. Obwohl sein Freund aus Kasachstan in die Wertachstadt gekommen sei, wurde er „als ein Bürger der Stadt Kaufbeuren bezeichnet“. Für Viktor „etwas Balsam auf die eine oder andere Wunde“.

Besorgt fragte sich ein alteingesessener Kaufbeurer, der in seinen jungen Jahren als „Trommlerbub“ selbst beim Tänzelfest aktiv dabei gewesen sei, „wird unser geliebtes Kinderfest wegen der unsinnigen Tat eines betrunkenen Rechtsradikalen einen unauslöschlichen Makel bekommen – obwohl doch diese sinnlose und verabscheuenswerte Tat mit dem eigentlichen Tänzelfest über- haupt nichts zu tun hat?“. Weiter fügt er hinzu, „dass doch gerade in der Stadt Kaufbeuren und im speziellen beim Tänzelfest alles getan werde, um ein gewisses Miteinander innerhalb der verschiedenen Volksgruppen zu schaffen“.

Ein stilles Gedenken für den Verstorbenen


Im weiten Tanzrondell standen an diesem denkwürdigen Samstagvormittag lediglich ein Rednerpult, eine große Kerze und ein Kruzifix. In stiller Runde lauschten die Trauernden den Worten der Geistlichen. Kaplan Daniel Rietzler von der katholischen Kirche und Pfarrer Thomas Kretschmar von der Evang.-Luth. Dreifaltigkeitskirche sprachen in diesem ökumenischen Gottesdienst den Hinterbliebenen, Freunden, Bekannten und Anwesenden Worte des Trostes, aber auch der Hoffnung zu. „Von dunklen Schatten, die sich über diesen Ort hier legen“ war die Rede und so trauere man über einen hoffnungsvollen, strebsamen jungen Familienvater, der „zur falschen Zeit am falschen Ort“ war und der rohen Gewalt fremdenfeindlicher Aggressionen unschuldig zum Opfer fiel.

Pfarrer Kretschmer, der die Familie und den Getöteten recht gut kennt, lobte in einem kurzen Gespräch mit dem Kreisboten die ehrenamtliche Mitarbeit der Ehefrau innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft und betonte, dass die Familie mit den zwei kleinen Kindern sich voll integriert hatte und der so sinnlos getötete junge Mann regelmäßig im Männerkreis der Gemeinde mitgewirkt und teilgenommen habe. Umso schwerer sei es, an solch einem Tag die Frage zu stellen: „Warum lässt Gott so etwas zu?“ Leider gebe es darauf keine eindeutige Antwort, so der Pfarrer.

"Tiefe Schatten über dem Fest"


Oberbürgermeister Stefan Bosse, der mit einer Abordnung der Stadt Kaufbeuren erschienen war, bezeichnete in seiner Trauerrede die Tat als eine „schwachsinnige Aggression“ die einen „tiefen Schatten über das Fest“ geworfen habe und betonte, dass man in solch einer Situation nicht überreagieren dürfe. Hektik sei fehl am Platze – vielmehr müssten Zeichen gesetzt und Einigkeit demonstriert werden, dass derartige Aggressionen bei uns in der Stadt Kaufbeuren nicht geduldet und verabscheut werden“. Gleichzeitig lud Kaufbeurens Stadtoberhaupt zum Abschluss des Trauergottes- dienstes, der von der Stadtkapelle Kaufbeuren musikalisch gestaltet wurde, zu einem Schweigemarsch durch die Kaufbeurer Innenstadt zum Mahnmal an der Schraderstraße am Abend ein.

Großer Trauerzug


Auch beim Trauerzug waren mehrere hundert Teilnehmer anwesend. An der Spitze Oberbürgermeister Bosse mit Vertretern der Stadt und örtlichen Politikern. Durch Polizei und Feuerwehr gesichert, führte der abendliche Demonstrationszug vom Festplatz durch die Neu-gablonzer Straße, das Rosental, die Kaiser-Max-Straße und Sedanstraße zur Schraderstraße zum dortigen Mahnmal. Bei der abschließenden Kundgebung dankte Kaufbeurens Stadtoberhaupt für die gezeigte Anteilnahme und die große Zahl an Teilnehmern und betonte, dass allein schon daraus zu erkennen sei, dass solch eine verbrecherische Tat uns nicht einfach kalt lassen könne. Vielmehr müsse „Flagge gezeigt“ werden – „gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit“. „Obwohl das Opfer aus Kasachstan stamme und als Spätaussiedler in unsere Stadt gekommen sei, handle es sich um einen Kaufbeurer Bürger der unschuldig zu Tode kam“, so Bosse. Das Mitgefühl richte sich an die zurückgelassene Familie und so wolle man durch eine Hilfsaktion von Seiten der Stadt die Hinterbliebenen unterstützen und dadurch ein weiteres Zeichen der Verbundenheit setzen. 

Auch die anwesenden Politiker, wie der Landtagsabgeordnete und Staatssekretär Franz Pschierer (CSU), Bundestagsabgeordneter Stephan Stracke (CSU) und Landtagsabgeordneter Bernhard Pohl (FW) fanden Worte der tiefen Betroffenheit, aber auch der Wut. Parteiübergreifend war man sich einig, dass extremistisches Gedankengut, blinder Hass und Gewalt keinesfalls geduldet werden - vor allen Dingen nicht in Kaufbeuren, wo es so viele positive Beispiele gelungener Integration gebe. Nach dem offiziellen Schluss dieser Gedenkfeier verharrten noch viele schweigend und blickten in stiller Trauer und Mitgefühl über das „Meer“ an brennenden Kerzen, die zuvor Jugendliche aufgestellt und entzündet hatten. Ein denkwürdiger Tag, an dem Kaufbeurens Bürger ein wirklich eindrucksvolles Zeugnis dafür abgegeben hatten, das die Stadt mit Gewalt und Fremdenhass nichts zu tun haben will und sich stattdessen verstärkt für Toleranz und ein friedliches Miteinander einsetzt, ging damit zu Ende.

Von Klaus-Dieter Körber

Spendenaufruf: 
OB Bosse ruft in diesem Zusammenhang zur Teilnahme an der Spendenaktion "Allgäuer Hilfsfonds" auf. Dieser  verwaltet Treuhandkonten. "Durch das Engagement  vieler Ehrenamtlicher ist sichergestellt, dass gespendete Beträge in vollem Umfang die Hilfebedürftigen erreichen", so Bosse. 

Das Spendenkonto lautet:

Sparkasse Allgäu, BLZ 73350000, Konto: 2857
Stichwort: Tänzelfest Kaufbeuren

Für Spendenquittungen ist die Angabe der kompletten Anschrift erforderlich. Weiter Informationen zum "Allgäuer Hilfsfond" finden Sie unter www.allgaeuer-hilfsfonds.de


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