NS-Grauen darf sich nicht wiederholen

Künstler Gunter Demnig verlegt vier „Stolpersteine“ in der Kaufbeurer Altstadt

Stolperstein Kaufbeuren
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Bei jedem Stolperstein wurde vor dem Weitergehen eine schwarz bebänderte edle weiße Rose niedergelegt (hier: Stefan Smiglarski).
Kaufbeurer Bürger
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Vielen Kaufbeurer Bürgern war es ein Anliegen, der Stolperstein-Verlegung beizuwohnen.
Stolperstein
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Schmidgasse 2 - Arbeitsort Ernst Buxbaum, Neue Gasse 28 - Arbeitsort Stefan Smiglarski, Ledergasse - 11 Wohnort Georg Riedel, Espachstr. 17 - Wohnort Marie Espermüller
Stolperstein
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Die Familien Riedel und Espermüller fügten zusätzliche Blumengrüße hinzu.
Stolperstein
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Schmidgasse 2 - Arbeitsort Ernst Buxbaum, Neue Gasse 28 - Arbeitsort Stefan Smiglarski, Ledergasse - 11 Wohnort Georg Riedel, Espachstr. 17 - Wohnort Marie Espermüller
Stolperstein
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Die Familien Riedel und Espermüller fügten zusätzliche Blumengrüße hinzu.
Der Künstler Gunter Demnig
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Der Künstler Gunter Demnig.
Stolperstein
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Erster Verlegungsort: Schmiedgasse 2. Hier hatte der Bauhof den Stolperstein schon in eine der Platten eingelassen, Gunter Demnig säuberte und polierte sie nur noch. Von links: Astrid Bauer und Tiny Schmauch, OB Stefan Bosse, Museumsleiterin Petra Weber sowie Dr. Stefan Dieter, Stolperstein-Pate für Ernst Buxbaum.

Kaufbeuren – Das Wetter war dem Anlass angemessen. Trüb und unfreundlich-nasskalt spiegelte es die nachdenkliche Betroffenheit der rund 70 Kaufbeurer wider, die sich am vergangenen Samstagvormittag zur eigenhändigen Verlegung der „Stolpersteine“ durch den Künstler Gunter Demnig an verschiedenen Stellen in der Altstadt eingefunden hatten. Am Vorabend der Veranstaltung hatten sich Interessierte bei einem Vortrag des Künstlers zudem über das groß angelegte Gedenkprojekt informieren können.

Kaufbeuren schließt sich mit der Verlegung der ersten vier Stolpersteine dem Projekt an, das 1992 durch Demnig gestartet und seit dem Jahr 2000 europaweit fortgesetzt wurde. Bereits über 75.000 Steine wurden mittlerweile in 265 Kommunen in Deutschland und insgesamt in rund 1200 Orten in 23 Ländern Europas verlegt. Zu den deutschen Orten zählen in unserer näheren Umgebung Kempten, Bad Wörishofen und Irsee. Die Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Die Marke Stolpersteine ist von Demnig seit 2006 beim Deutschen Patent- und Markenamt und seit 2013 auf europäischer Ebene geschützt. Für 120 Euro kann jeder die Verlegung eines Stolpersteins für ein ihm bekanntes NS-Opfer beantragen. Allerdings gibt es vor September 2021 keine freien Termine mehr für Verlegungen.

Der Impuls dafür, dass auch Kaufbeuren nun Stolpersteine verlegt, war die Ausstellung „Kaufbeuren unterm Hakenkreuz.“ Bereits im Dezember 2019 hatte der Kulturausschuss des Kaufbeurer Stadtrats einstimmig beschlossen, die Beschäftigung mit der Kaufbeurer NS-Vergangenheit längerfristig in der Stadtgesellschaft zu verankern. OB Stefan Bosse verlieh der Hoffnung Ausdruck, „dass wir in den nächsten Jahren die Kaufbeurer Stolpersteine erweitern und vielleicht in der Projektarbeit mit Jugendlichen – zum Beispiel bei P-Seminaren mit Gymnasien – noch weitere Kaufbeurer Opfergeschichten recherchieren könnten.“

An diesem Samstag wurden folgende Stolpersteine an den jeweils letzten frei gewählten Wohn- oder Arbeitsorten verlegt: In der Schmiedgasse 2 befand sich das Textilgeschäft von Ernst Buxbaum (1897-1940), einem jüdischen Kaufmann, der sich nach den Schikanen durch die Nationalsozialisten und seiner Entlassung aus dem KZ Dachau 1940 in München mit nur 43 Jahren das Leben nahm, weil „ihm die Nazis derartig zugesetzt“ hatten. Seine Biografie stellte Dr. Stefan Dieter vor.

Des polnischen Zwangsarbeiters Stefan Smiglarski (1924-1943) wird in der Neuen Gasse 28 gedacht. Als er 1943 heimwehkrank zu seiner Familie zurückkehren wollte, wurde er gefangen genommen und nur 19-jährig „wegen versuchter Flucht aus Deutschland“ durch den Strang hingerichtet. Alle polnischen Zwangsarbeiter der Munitionsfabrik Kaufbeuren-Hart mussten der Hinrichtung zur Abschreckung zusehen. Über Smiglarskis Leben berichtete Johannes Schulz im Auftrag seines Großvaters Paul Geister, der aus Breslau stammt, wo Smiglarski gefangen genommen wurde.

Der SPD-Stadtrat Georg Riedel (1897-1938) bekam einen Stolperstein in der Ledergasse 11. Er gehörte dem Widerstand an, wurde 1936 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ von der Gestapo in Stadelheim inhaftiert und 1937 ins KZ Dachau überstellt. Dort nahm er sich 1938 aufgrund der dort erlebten und beobachteten Grausamkeiten das Leben. Dieser Stein wurde von der SPD-Ortsgruppe Kaufbeuren gestiftet. Sein Leben wurde von Mitgliedern der Kulturwerkstatt zusammengefasst und partiell szenisch dargestellt. Abschließend stimmten sie das Lied „Die Gedanken sind frei“ an.

Schließlich wurde in der Espachstraße 17 Marie Espermüller (1893-1941) ein Stolperstein gewidmet. Sie war dem Euthanasie-Programm T4 der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen. Auch zu ihrem Leben stellte die Kulturwerkstatt kurze einschneidende Szenen symbolhaft dar. Im Stadtmuseum waren Handzettel mit biografischen Informationen vorbereitet worden. Die musikalische Begleitung der Veranstaltung übernahmen Astrid Bauer mit der Querflöte und Tiny Schmauch mit dem Kontrabass.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, steht im Talmud. Obwohl es schwierig war, heute noch Angehörige der Opfer ausfindig zu machen, waren zumindest von den Familien Riedel und Espermüller Angehörige zum Teil bis aus Lübeck gekommen. Aber nicht nur Angehörige wollen nicht vergessen – wir alle müssen uns stets daran erinnern, dass sich die NS-Verbrechen nie wiederholen dürfen.

von Ingrid Zasche

Rubriklistenbild: © Zasche

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