Die Anden vor der Haustür

Kaufbeuren: Wanderungen mit Lamas sind mehr als kurzlebige Freizeitaktivitäten

+
Unter freundlicher Aufsicht von Lamawirt Walter Egen stellt das Gehen über die Lama-Wippe zum Abschluss der Wanderung noch einmal eine ganz besondere Mutprobe für Mensch und Tier dar.

Oberbeuren – Alte Steige 34. Lamahof – Pichincha-Lamas. Einer der schönsten landwirtschaftlichen Anwesen in Oberbeuren. Schon was die fantastische Aussicht auf die Stadt Kaufbeuren betrifft, ist das Gut eine Wanderung wert. Seit 1979, genau die Hälfte seines 60-jährigen Lebens, pflegt der ehemalige Milchwirt Walter Egen hier seine latein-amerikanische Leidenschaft: Mehr als 600 Lamas hat er in diesem Zeitraum gezüchtet.

Seit 1995 gib es seine ansehnliche Herde – annähernd 60 Tiere – aber nicht nur zum Anschauen und Bestaunen. Auf Anfrage können Einzelpersonen und Gruppen eine Tour mit den Lamas buchen, gleichgültig ob für die Kindergeburtstagsparty, für pädagogische Maßnahmen von Schulklassen und Freizeiteinrichtungen oder für firmeninterne Betriebsausflüge. Inzwischen sind diese beliebten Lama-Wanderungen weit mehr als ein Geheimtipp. Mehr als 2000 Menschen haben im vergangenen Jahr dieses besondere Freizeitangebot genützt, erzählte Egen sichtlich zufrieden.

Um den besonderen Reiz eines solchen Angebots zu verstehen, haben wir an einem ganz normalen Dienstag-Nachmittag eine zufällig ausgewählte Gruppe auf ihrer Tour begleitet. Kurz vor 14 Uhr wurden die Kinder gebracht. Die einen schauten sich, noch dicht an die Mama gedrängt, zunächst einmal schüchtern um, während andere bereits hastig in Richtung Lama-Stall drängten. „Ich nehme Ernesto“, schreit einer der etwa Zehnjährigen hörbar aufgeregt. Offensichtlich nimmt er, wie einige andere, nicht zum ersten Mal an der Exkursion teil.

Die fachkundige und kindgerechte Einweisung durch Lamawirt Walter Egen gehört zu Beginn der Wanderungen zum festen Programm.

Der verständlichen kindlichen Aufregung setzt Egen eine freundliche aber regelnde Gelassenheit entgegen. Natürlich dürfen die Kinder sich „ihr eigenes“ Lama selbst aussuchen, aber, wie er augenzwinkernd zugibt, hilft er bei der richtigen Wahl des Andentiers, schließlich passt nicht jedes Tier zu jedem Menschen. Pädagogisches Fingerspitzengefühl sowie Tier- und Menschenkenntnis bei der Zuteilung der Tiere braucht es da schon.

Nach dem Halfteranlegen gibt es vor dem Stall dann eine kurz gehaltene Erklärung, als Einweisung für die Neuen und als Erinnerung für die bereits erfahrenen Kinder. Wie hält man die Leine, wie geht man mit dem Tier, was, wenn das Lama seinen eigenen Willen durchsetzen will und vor allem was, wenn ein Tier einmal auskommt. 25-jährige Erfahrungswerte kommen zum Tragen. Vor allem Ruhe bewahren und sich auf die besonderen Bedürfnisse des Andentieres einlassen, heißen die wichtigsten Devisen.

Aber bevor die Tour losgehen kann, müssen sich Mensch und Tier zunächst aneinander gewöhnen. Also erst einmal ein paar gemütliche Runden auf der kindgerecht gestalteten Wiese vor dem Hof mit dem Lama drehen.

Bevor es auf die große Tour gehen kann, gehört es zum Pflichtprogramm sich mit den Andentieren vertraut zu machen.

Freizeitaktivität oder Therapie

Unterwegs in der langgezogenen Mensch-Lama-Karawane lassen sich so manche neugierige Fragen klären. Der recht günstige Preis richtet sich unabhängig von der Gruppengröße – zwischen zwei und 60 Personen – nur nach der Wanderzeit, die individuell ausgemacht werden kann. Die Standardtour dauert mit Einweisung und gemeinsamen Ausklang eine gute Stunde. Die Tour selbst geht in der Regel von der oberen Steige über die Felder zum Römertum und wieder zurück.

Zum Glück nehmen an diesem Nachmittag auch zwei Praktikantinnen teil, die in Schongau eine Ausbildung als Fachkraft für tiergestützte Therapie machen. Nicht ohne Grund, denn diese Wanderungen können zwar als reine Freizeitaktivität verstanden werden, aber sie können auch Bestandteil eines therapeutischen Programms sein. Auch wenn Egen bescheiden selbst den Begriff Therapie nicht zu hoch hängt, hat diese Ausrichtung schon auch ihre Richtigkeit. Lebendige Erfahrungen wie Ruhe und Gelassenheit, volle Konzentration auf die natürlichen Bedürfnisse der Andentiere und der anderen Gruppenteilnehmer, die Fähigkeit, sich einzulassen auf das Fremde und Unbekannte, die Überwindung der eigenen Ängste und Befürchtungen, seinen Platz in der Gruppe finden, kennzeichnen den therapeutischen Wert solcher Wanderungen.

Wichtig ist es Egen vor allem, dass sich jeder Teilnehmer wohlfühlt und seinen Spaß hat. Für die teilnehmenden Kinder traf das zu, denn bei der Zwischenpause vor dem Römerturm zeigten sich alle rundum zufrieden. Theresa (7) kommentierte begeistert: „Ich fand es schön, weil mein Lama die ganze Zeit brav war.“ Und das lässt sich von den begeisterten Nachwuchsfans in dieser Form auch so sagen.

von Peter Suska-Zerbes

Auch interessant

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Kaufbeuren
Babys der Woche im Klinikum Kaufbeuren
AGCO/Fendt: Paffen und Gschwender gehen in Ruhestand
AGCO/Fendt: Paffen und Gschwender gehen in Ruhestand
Projekt ASB-Wünschewagen Allgäu-Schwaben feiert einjähriges Bestehen
Projekt ASB-Wünschewagen Allgäu-Schwaben feiert einjähriges Bestehen
Maximilian Hartleitner möchte Bürgermeister von Buchloe werden
Maximilian Hartleitner möchte Bürgermeister von Buchloe werden

Kommentare