Ein überzeugter Europäer

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Ein „Urgestein der Sozialdemokratie“ Björn Engholm, in der Veranstaltungsreihe „Kaufbeurer Dialog“.

Kaufbeuren – Das Brennen für Europa und dessen Werte war in seinem Vortrag klar zu spüren. Unter dem Titel „Einigkeit und Recht und Freiheit – von der patriotischen Idee zur europäischen Perspektive“ referierte der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und Kanzlerkandidat der SPD, Björn Engholm, in der Veranstaltungsreihe „Kaufbeurer Dialog“.

Dabei machte der in Lübeck geborene und heimatverbundene frühere Bundesminister deutlich, dass die politische und wirtschaftliche Zukunft nur in einem gemeinsamen Europa zu finden sei. Dazu spannte er einen Bogen von der Entstehung des Deutschlandliedes – laut Engholm als Aufruf zur Beendigung der Kleinstaaterei zu verstehen – bis heute.

Als ein „Urgestein der Sozialdemokratie“ bezeichnete Moderator Richard Drexl den früheren Bundespolitiker in seiner Begrüßung vor rund 200 Gästen im Gablonzer Haus. Engholm selbst bezeichnete sich als „bekennenden Patrioten zu seiner Heimat Lübeck und überzeugten Europäer“ und erklärte, dass dies kein Widerspruch sei. Für ihn stellt das von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben verfasste Deutschlandlied vielmehr ein „patriotisches Credo“ dar, das zu einer Beendigung „in Freiheit ohne Grenzen“ der damals 37 Kleinstaaten aufrief. Auch Fallerslebens Weggefährten wie Schiller, Goethe, Wagner oder Nietzsche und Heine dachten „supranational“. Sie riefen „europäisches Denken, die Dimension des Kontinentalen ins Bewusstsein“.

„Es verging mehr als ein Jahrhundert und bedurfte dreier schrecklicher Kriege, bis wir eine Idee des Europäischen hatten“, resümierte Engholm, „einem Europa, in dem Deutschland einen neuen Platz unter den freien Völkern finden sollte.“ Mit Gründervätern wie Adenauer, Schuhmacher und Churchill entstand zunächst die Montanunion, dann die EWG, EG und 1993 die EU. Dies sei der Auftakt zu neuen, friedlich vereinten Ufern jenseits von Nationalstaatsdenken gewesen und in über 70 Jahren Gemeinsamkeit wäre daraus Frieden und Freiheit entstanden.

„Zerrüttete Familie“

Heute stelle sich Europa als in „Zerrüttung befindliche Familie“ dar und biete mit wachsenden Partikularinteressen ein Bild der Uneinigkeit und jede Menge Zündstoff. Es bringe mit seinen 500 Millionen Menschen zwar eine immense Wirtschaftskraft auf, sei aber dennoch nur Juniorpartner in der internationalen Zusammenarbeit der großen Blöcke. Allerdings glaube er, so der Redner, bei konsequentem Umgang mit dem Brexit eher an eine Stärkung und größere Flexibilität der EU. Zum Thema Türkei sagte Engholm: „Es gibt einen Punkt, wo auch Deutschland sich zur Wehr setzen muss“, was mit spontanem Beifall quittiert wurde. Er warnte vor der „Sprengkraft“ ungleicher Verteilung von Einkommen und Vermögen Einzelner in Europa, die „entschärft“ werden müsse.

Einen Königsweg aus der Misere hatte Engholm zwar nicht, beschwor aber die „Werte des Christentums“ als wesentlichen Pfeiler neben der Pflege von Kunst und Kultur („grandioseste Wurzeln der Sinnlichkeit“). Er fordert die Bündelung wissenschaftlicher Kompetenzen, setzt auf Diplomatie, warnt vor einer Rüstungsspirale und wünscht sich eine eigene europäische Verteidigungsstruktur. Abschließend appellierte er, den europäischen Gedanken weiter „im Kopf und im Herzen“ zu tragen und an die Kinder weiterzugeben: „Die Decke ist ganz dünn, wir brauchen junge Leute!“

In der sich anschließenden Diskussion ging Engholm auch auf die Flüchtlingssituation ein. „Die humanitäre Offerte der Kanzlerin war ein politischer Fehler“, so seine Antwort, „ein Einwanderungsgesetz hätte folgen müssen.“ Mit dem Erdogan-Deal sei das Problem nicht gelöst, sondern verschoben. An der USA-Politik stört Staatssekretär Franz Josef Pschierer (CSU), dass „Europa auf die USA wie das Kaninchen auf die Schlange starrt“ und erinnerte daran, dass der Schlüssel für die Wiedervereinigung zunächst in Moskau gelegen habe. MdL Ilona Deckwerth (SPD) brach eine Lanze für junge Leute, die in ganz Europa auf die Straße gehen.

Bei der Überreichung eines Geschenkes bezeichnete Drexl den Referenten als „Glanzlicht der Reihe und Missionar mit einem Herzensplädoyer für Europa“ und wies darauf hin, dass die Spenden der Veranstaltung für das Frauenhaus verwendet würden.

von Wolfgang Becker

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