Als Erster im 80. Stock des WTC

Kaufbeurer Feuerwehrmann Joachim Krißmer gewinnt nach schwerer Verletzung Stair Climb in New York

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Erschöpft und überglücklich: Joachim Krißmer (links) gewann den 4. New York City Memorial Stair Climb am 1. Juli.

New York City/Kaufbeuren – Niemals aufgeben ist Joachim Krißmers Devise. Dabei hatte der Hausarzt des 38-jährigen Kaufbeurers ihm vor gut einem Jahr nach einer schweren Verletzung wenig Hoffnung gemacht, jemals wieder an seine sportlichen Erfolge heranzukommen. Doch sich vom Sport zu verabschieden kam für den Berufsfeuerwehrmann am Fliegerhorst Penzing nicht in Frage. Er kämpfte sich mit viel Disziplin und einem hohen Trainingspensum zurück. Die Krönung für seinen sportlichen Ehrgeiz: Am 1. Juli hat Krißmer den New York City Memorial Stair Climb im 3 World Trade Center gewonnen.

Sportlich war Joachim Krißmer schon immer; ob Fußball, Marathon oder Triathlon, keine Herausforderung ist ihm zu groß. Vor etwa sechs Jahren hat er zum ersten Mal beim Wettkampf „Toughest Firefighter Alive“ teilgenommen. Diese Feuerwehrwettkämpfe haben es Krißmer, der seit 2006 bei der Fliegerhorst-Feuerwehr ist, angetan und darunter besonders die Treppenläufe in voller Feuerwehrmontur. Darauf hat er sich spezialisiert. Angetreten ist er beispielsweise schon in Augsburg, Berlin und Düsseldorf – und landete immer auf den vordersten Plätzen.

Im März 2016 ging es für ihn in Eigenregie zum ersten Mal nach New York City, um dort zusammen mit einem befreundeten Feuerwehrmann als einzige Europäer am Benefiz-Rennen im World Trade Center teilzunehmen. Der New York City Memorial Stair Climb findet in Gedenken an die bei den Terroranschlägen vom 11. September verstorbenen Feuerwehr- und Einsatzkräfte statt und ist gleichzeitig eine Spendenaktion. Jeder der über 400 Läufer, ausschließlich Feuerwehrleute und einige Polizeibeamte, geht für einen der 343 verstorbenen Feuerwehrmänner und der 60 Polizisten, die bei den Anschlägen ums Leben gekommen sind, in den Turm. Für Krißmer der ideale Lauf, kann er doch so seinen Sport damit verbinden, verstorbene Kameraden zu ehren. „Man spürt, was der elfte September für die Amerikaner bedeutet, das nimmt dich voll mit.“

Jeder Teilnehmer läuft für einen der Feuerwehrmänner, die am 11. September 2001 bei den Terroranschlägen ums Leben gekommen sind, in den 80. Stock des World Trade Centers und bekommt eine solche Karte um den Hals.

In Einsatzausrüstung und mit dem Foto samt weiteren Informationen wie dem Namen eines verstorbenen Feuerwehrmannes um den Hals rannte Krißmer die 72 Stockwerke des 4 ­World Trade Center Gebäudes hoch, und das in 16:09 Minuten – Platz 4 für Krißmer. Er war damit der erfolgreichste Nichtamerikaner. Keine Frage für den ehrgeizigen Sportler, diese Zeit im darauffolgenden Jahr, also 2017, toppen zu wollen.

Doch so weit sollte es nicht kommen. Dabei hatte er sich akribisch auf diesen Lauf vorbereitet, um im März auf den Punkt fit zu sein. „Zu 99,9 Prozent hätte ich gewonnen“, ist Krißmer überzeugt. Schon die Flugreise, die zunächst nach Seattle ging, stand unter keinem guten Stern. Den Flug in München verpasst, der Flug am nächsten Tag kam wegen starken Windes mit drei Stunden Verspätung in Indianapolis an, der Anschlussflug nach Seattle musste aus dem gleichen Grund zwischen landen. „Das hat mich aus meinem System rausgehauen“, erinnert sich Krißmer.

Und irgendwie schmerzte der linke Oberschenkel. Dem Schmerz wollte er mit einer Wärmflasche Linderung verschaffen. Rückenschmerzen kamen noch dazu. Dennoch beteiligte er sich mit Bekannten am Abschlusstraining vor dem Scott Firefighter Stairclimb in Seattle, an dem er in Vorbereitung auf den New Yorker Treppenlauf auch noch teilnehmen wollte. Plötzlich knackte es im Rücken – eine Bandscheibe ist herausgesprungen. Krißmer konnte weder laufen, noch stehen, keinen Fuß mehr auf den Boden setzen, sein linkes Bein war taub. Im Krankenhaus wollten die Ärzte ihn erst operieren, wenn die Kostenübernahme mit seiner Auslandskrankenversicherung geklärt war. Also bekam er zunächst Morphium verabreicht. Bei der Operation wurde dann die Bandscheibe operiert und der Nervenkanal freigelegt. Denn eine Nervenentzündung des Ischias im Bein, die durch die Wärme noch verstärkt wurde, war Auslöser der Schmerzen und führte zum Bandscheibenvorfall. Nach ein paar Tagen im Krankenhaus wurde er als Krankentransport nach Deutschland geflogen, kam ins Kaufbeurer Krankenhaus. Die Stair Climbs in Seattle und New York City hatte Krißmer verpasst.

Seinen Job als Feuerwehrmann und den Sport hatte er zu diesem Zeitpunkt abgeschrieben – zumal ihm auch sein Hausarzt sagte, dass er sich nicht zu viele Hoffnungen machen und froh sein sollte, wenn er wieder normal laufen könne. Denn er konnte seinen linken Fuß nicht heben, der Ischias war zu stark verletzt.

Doch Krißmer hat Kampfgeist. Sein Ziel war es, zumindest wieder feuerwehrtauglich zu werden. Nach den Krankenhausaufenthalten hat er seine Reha selbst organisiert und in den vier Wochen jeden Tag von früh bis spät sein Aufbauprogramm, das er selbst geplant hat, durchgezogen. Er ist überzeugt, dass er es dem Umstand, dass er immer schon viel Sport gemacht hat, zu verdanken hat, dass er sein „Grundgerüst“ schnell aufbauen konnte. Nach der Reha ist er viel schwimmen gegangen, hat mit dem Bouldern in einem Kletterzentrum angefangen und so seine Rückenmuskulatur aufgebaut.

Sechs Monate nach der Diagnose, im September 2017, konnte er wieder arbeiten und beteiligte sich wieder an seinem ersten Wettkampf, das große Ziel vor Augen: der Stair Climb in New York City. „Ich habe wirklich hart trainiert und viel Zeit und Energie investiert“, erzählt Krißmer. „Minimum war der dritte Platz. Ich wollte mich auf jeden Fall verbessern.“

Die 2000 Stufen des 3 World Trade Center erklomm Krißmer in nur 16:23 Minuten.

Heuer fand der Lauf erst im Juli statt, diesmal im 3 World Trade Center, das erst kurz zuvor fertiggestellt worden war. Hier galt es 80 Etagen, 2000 Stufen, zu erklimmen, und das bei etwa 35 Grad Celsius – kein Vergleich zu den Temperaturen im März. Motiviert rannte er im zweiten von drei Läufen in das Gebäude. „Es war massiv heiß, noch dazu ging es links rum.“ Nicht optimal bei seiner Vorgeschichte mit dem linken Bein. Auf dem Weg nach oben wurde Krißmer unzufrieden mit sich, hatte kein gutes Gefühl, „aber schneller wäre es einfach nicht gegangen“. Also hielt er sein Tempo, war am Limit und kam, so zumindest sein Gefühl – fast mit einem Kreislaufkollaps im 80. Stock an. Seine Zeit wollte er gar nicht wissen. Erst sein Kumpel Wolfgang Eger, der 2016 auch schon mit ihm mitgelaufen war, teilte ihm seine Zeit mit: „Du Hu****** bist 16:23 gelaufen!“ Das bedeutete den ersten Platz mit einem Abstand von fast anderthalb Minuten auf den Zweiten! „Ich war einfach nur geflasht“, erzählt Krißmer. Und schon kamen die ersten, die Selfies mit der Sieg-Startnummer 222 wollten.

Viel Zeit zur Regeneration hatte Krißmer nicht, denn er war auch noch für einen zweiten Lauf für einen weiteren verstorbenen Feuerwehrmann angemeldet und zog eine knappe Stunde später auch diesen Treppenlauf durch, allerdings ohne Zeitmessung.

Im September möchte Krißmer in New Orleans beim Stair Climb teilnehmen und natürlich im nächsten Jahr wieder beim New Yorker Treppenlauf dabei sein – und, so sein ehrgeiziges Ziel, unter 16 Minuten als Erster oben ankommen. Auch die „7 Summits“, die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente stehen auf seiner Liste. Den Kilimandscharo (Kibo) und den Elbrus hat er schon gemeistert. Reisen, die ins Geld gehen, weswegen er sich über jeden Sponsoren freut.

Den Nerv im Bein spürt er immer noch. „Von der Leistung fehlt nicht viel“, so Krißmer. Doch die Funktion von früher kommt nicht mehr gänzlich zurück, andere Bereiche in Fuß und Bein übernehmen jetzt die Aufgaben, so haben es ihm die Ärzte erklärt.

von Martina Staudinger

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