Kaufbeurer Grünen-Stadtrat Oliver Schill fordert: "Der Investor sollten wir selbst sein"

Der Bahnhof ist ein "Trauerspiel"

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Nachdem der ServiceStore geschlossen wurde, zeigt sich derzeit das Kaufbeurer Bahnhofsgebäude wenig attraktiv. Die Bahn ist auf der Suche nach einem neuen Pächter für den Bahnhofskiosk.

Kaufbeuren – Der ServiceStore im Bahnhof wurde geschlossen, eine Nachfolge ist noch offen. Der Bahnhof Kaufbeuren bietet derzeit ein eher trostloses Bild für Reisende, die mit der Bahn nach Kaufbeuren kommen, sowie für zahlreiche Pendler, die den Bahnhof täglich durchqueren auf dem Weg zur Arbeit.

Dieser Meinung ist auch Grünen-Stadtrat Oliver Schill, der kürzlich im Verwaltungsausschuss genau zu diesem Thema wissen wollte, wie es hier weitergeht. Der aktuelle und wiederholte Leerstand im Kiosk-Bereich sei aus Schills Sicht nur ein weiteres Kapitel „bei diesem Trauerspiel“. „Ich erwarte mir ein Engagement für unsere Bürger anstelle von sich wiederholenden und damit ermüdenden Nicht-Zuständigkeits-Erklärungen“, betonte Schill in Richtung Stadtspitze.

Und in der Tat, wer in den letzten Wochen morgens zur Fahrt mit dem Zug den Bahnhof Kaufbeuren benutzen musste, war gut beraten, sich seine Tageszeitung und Kaffee für die Bahnfahrt nach Kempten, Augsburg oder München selbst mitzubringen. Seit 1. Oktober ist der ServiceStore im Bahnhof Kaufbeuren geschlossen, die Inneneinrichtung inzwischen entfernt.

Gleichzeitig hatte das Bahnhof Stüble Anfang Oktober wegen Urlaub geschlossen. Lediglich das Reisecenter der Bahn war zu den täglichen Öffnungszeiten besetzt – die beiden einzigen Menschen im gesamten Bahnhofsgebäude. Inzwischen ist das Bahnhof Stüble wieder geöffnet und dort freut man sich, zumindest vereinzelt den Wunsch von wartenden Fahrgästen nach einem Becher frisch gebrühtem Kaffee oder einem Erfrischungsgetränk erfüllen zu können.

Die Zeit des alten Bahnhofgebäudes scheint abgelaufen zu sein.

Elisabeth Breit fährt jeden Tag morgens nach Marktoberdorf: „Der Shop fehlt schon, um morgens Kaffee, Zigaretten und Zeitung zu holen.“ Die FOS-Schülerin Lara Schreiner kommt jeden Morgen mit dem Zug nach Kaufbeuren, da brauchte sie die Einkaufsmöglichkeiten im Bahnhof nicht. „Aber nachmittags zur Rückfahrt fehlt der Store schon, ist halt ärgerlich. Außerdem war der Store zuletzt ab 13 Uhr immer geschlossen.“

Nachdem der barrierefreie Ausbau des Bahnhofs von der Bahn nicht vor 2021 geplant ist, verschlechtert sich durch das fehlende typische Bahnhofsangebot an Zeitschriften, Getränken und Reisebedarf auch noch das Serviceangebot des bestehenden Bahnhofs.

Bahn wartet auf neuen Vertrag

Auf Nachfrage antwortete ein Bahnsprecher: „Der bisherige Betreiber des ServiceStores hat leider den Pachtvertrag gekündigt. Wir sind auf der Suche nach einem neuen Pächter, der möglichst ein ähnliches Angebot an Reisendenbedarf in seinem Sortiment hat. Erst wenn ein konkreter Vertrag vorliegt, können wir Angaben zum Weiterbetrieb machen.“

Wie man es anders machen kann zeigt der Bahnhof in Buchloe: Neue, helle Räumlichkeiten mit umfassenden Serviceangebot an Zeitschriften mit Möglichkeiten zum Essen und Trinken, sowie Aufzüge zum barrierefreien Zugang für Behinderte und Senioren zu den Bahnsteigen.

Stadt ist nicht zuständig

Zuletzt wurde von einigen Bürgern die Idee diskutiert, die Stadt solle das Bahnhofsgebäude übernehmen und selbst betreiben und wäre damit freier in seinen Entscheidungen. Oberbürgermeister Stefan Bosse meint zum Kaufbeurer Bahnhof aus Sicht der Stadt: „Der Bahnhofskiosk liegt nicht in der Zuständigkeit der Stadt Kauf­beuren, auch der Bahnhof gehört uns nicht. Daher haben wir keinen Einfluss auf die Gastronomie und den Einzelhandel im Bahnhofsgebäude. Nach unserem Wissen soll der Bahnhof in das Verkaufsportfolio überführt werden. Derzeit liegt dazu noch kein konkretes Angebot vor. Wenn dies der Fall ist, kann sich der Stadtrat damit befassen und eine Entscheidung treffen. Noch fehlt aber die Grundlage für eine Verhandlung.“ Bosse würde es persönlich sehr begrüßen, wenn sich die Situation im Bahnhof bald verbessere.

Kein Investor in Sicht

Auch Stadtrat Dr. Thomas Jahn (CSU) erklärte auf Anfrage: „Das Problem Bahnhofskiosk ist bekannt und wir versuchen auch Druck auf die Bahn auszuüben, haben aber kein Druckmittel. Die Idee einer Übernahme des Bahnhofsgebäudes durch die Stadt wäre technisch machbar. Dazu wäre aber ein Investor notwendig und den gibt es bisher nicht“.

„Investor sollten wir selbst sein“

„Mit dem üblichen verbalen Ausweichmanöver ‚wir sind nicht zuständig‘ ist unseren Bürgern nicht geholfen. Wir sind vielleicht nicht zuständig, aber wir sind betroffen. Und genau deshalb sind wir in Verantwortung, in Verantwortung für unsere Stadt und unsere Bürger“, betonte Schill mit Blick auf die aktuelle Situation. Insbesondere für diejenigen, die Tag für Tag die Last auf sich nehmen, nach München oder Augsburg zu pendeln, „weil wir ihnen vor Ort keine Arbeit bieten können“, so der Grünen-Stadtrat. Er fordert daher „den Bahnhof zu unserer Sache, zu unserem Bahnhof machen!“

Natürlich wisse Schill, dass der Bahnhof der Bahn gehöre. Doch diese sei Eigentum des Bundes und gehöre also uns allen. „Unsere Abgeordneten, egal welcher Partei, sollten deshalb alles daran setzen, dass wir das Gelände erwerben können und zwar zu einem fairen Vorzugspreis. Schließlich kann es nicht Sinn sein, dass eine Bahn in Staatshand zulasten einer armen Stadt Gewinne macht“, betont der Vorsitzende der Kaufbeurer Grünen-Stadtratsfraktion.

Nach einem Kauf hätte es die Stadt dann in der Hand, dem Trauerspiel Bahnhof ein Ende zu setzen. „Ich bin überzeugt, dass wir dann auch in Sachen Barrierefreiheit einen Schritt weiterkämen. Zudem könnte uns der Freistaat als Mieter aktiv unterstützen, wenn wir dessen neues Behördenzentrum in ein neues Bahnhofsgebäude integrieren, anstatt es auf der gegenüberliegenden Straßenseite isoliert zu platzieren“, so Schill. Der stete Ruf nach einem privaten Investor gleiche laut Schill „dem Warten auf den weißen Ritter“. Doch Politik zeichne sich nicht durch hoffnungsfrohes Warten, sondern Handeln aus. „Und zwar hier vor Ort und heute“. Deshalb lautet Schills Forderung: „Lasst uns alle Weichen auf ‚Bahnhof kaufen‘ stellen. Der Investor sollten wir selbst sein. Wir haben es geschafft, ein Eisstation zu stemmen, dann werden wir es wohl auch mit einem viel kleineren Bahnhof schaffen“.

von Wolfgang Krusche und Kai Lorenz

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