Kaufbeurer Schul-, Kultur- und Sportausschuss: Problemzone Schule als Herausforderung

Reagieren oder planend agieren

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Das gemeinsame Aufräumen nach dem Essen gehört im Jugendhaus Neugablonz zur Selbstverständlichkeit.

Kaufbeuren – „Das Schulsystem – ein in Stein gehauenes Relikt“, klagten in der Vergangenheit die einen, „ein gesicherter kultureller Wert“ jubelten die anderen. Dass es über viele Jahrzehnte kaum Bewegung gegeben hätte, ist sicherlich übertrieben, aber wie ein Erdrutsch wurden die Veränderungen von den wenigsten erlebt. Sicher es gab Ausnahmen: Sonder-, Grund- und Hauptschulen stellten immer ein mehr oder weniger breites pädagogisches Experimentierfeld dar.

Nicht nur für Kaufbeuren gilt: Die Herausforderungen für das ganze Schulsystem sind gewachsen. So der Ausgangspunkt von Wolfgang Höbel, der seinen Sachstandbericht vor dem Schul-, Kultur und Sportausschuss darlegte. Als Leiter des Amts für Schulverwaltung und Sport der Stadt Kaufbeuren weiß er: Das Schlagtempo, das oft kostspielige Veränderungen erzwingt, hat sich erhöht. Kaum greift eine Anpassungsmaßnahme, stellt sich bereits eine erneute Herausforderung. Ein Spannungsfeld, in dem die verantwortlichen pädagogischen Planer auf Landesebene derzeit auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren müssen. Bisweilen bahnen sie aber auch initiativ selbst zukunftsorientierte Bildungspolitik an.

Die Stadt, die als verantwortlicher Sachaufwandsträger die politisch beschlossenen Maßnahmen umzusetzen hat, steht unter vielfachen Druck. Gesetzliche Verpflichtungen gegenüber dem Freistaat. Gehobene Ansprüche der Eltern und Schulpflichtigen. Veränderte demographische Zusammensetzung mit den daraus resultierenden kulturellen und sprachlichen Herausforderungen. Zukünftige Bedürfnisse von Gesellschaft und Wirtschaft.

Nachdem die Grundschulen seit 2014 vorgezogen haben, werden jetzt auch die Lehrpläne für das übrige Schulsystem nach und nach an die sich veränderten Rahmenbedingungen angepasst. „Kompetenzorientierung“ heißt das vielzitierte Leitwort. „Reine Vermittlung von Wissen“ war gestern. Die konkrete Anwendung der erworbenen Fähig- und Fertigkeiten wird in Zukunft praxisorientiert in den Mittelpunkt eines lebenslangen Lernprozesses gestellt. Die Ausrichtung an Problemen und deren Lösung, sowie die Befähigung, sich am gesellschaftlichen und kulturellen Leben aktiv beteiligen zu können, klingen in Höbels Bericht vielversprechend.

Soll dies wirklich gelingen, bedeutet dies aber auch eine sich nach und nach verändernde Ausstattung, da die jetzigen Klassenzimmer zu „multifunktionalen Übungssälen“ umgestaltet werden müssen. Dort gehören Tablets, Computer und Internet zur Grundausstattung. Höbel weist darauf hin, dass diese umfassende Digitalisierung nicht nur die Anschaffung von Geräten für die Stadt zur Folge hat, schließlich können diese Technologien nicht einmal schnell so nebenbei von einer Schar williger Schüler gewartet werden. Leider gebe es seitens der zuständigen Landesstellen, laut Höbel, keine klare und detaillierte Klärung, was zur digitalen Grundausstattung gehört. Damit bleiben auch die Fragen der Kosten und deren ausreichende Deckung ungenügend geklärt.

Die Rückmeldungen der Ausschussmitglieder machen klar: Bei den derzeitigen Hochsprüngen der technischen Entwicklungsmöglichkeiten dürften aber sowohl der Freistaat bei der Planung als auch die Stadt bei der technischen Umsetzung dauerhaft Probleme haben, um lang- und mittelfristig Schritt zu halten. Zu hoffen bleibt, dass kreative, kulturelle und soziale Inhalte nicht von der Technik-Woge fortgeschwemmt werden.

Trend zur Ganztagsbetreuung

Höbel gibt sich auf Nachfrage der Redaktion optimistisch. Der Wille der Eltern sei hier entscheidend. Diese würden sich mehr und mehr für die zusätzlichen Angebote der pädagogischen Einrichtungen entscheiden. Die Stadt Kaufbeuren könne derzeit trotzdem im vollen Umfang dem erhöhten Bedarf gerecht werden. Während kleinere Schulen sogar noch Platz nach oben hätten, stießen allerdings einige Schulen bei der Essensversorgung und der Ganztagsbetreuung an klare Grenzen.

Deutlich wird, der notwendige Aufwand ist nicht unerheblich. Nur dank der Unterstützung der Caritas, der Katholischen Jugendfürsorge, des Stadtjugendrings und vieler anderer Einrichtungen könnten derzeit im gesamten Stadtgebiet mehr als 800 Schüler zum Beispiel täglich mit Essen versorgt werden. Diese Einrichtungen teilen sich auch die Verantwortung bei der Hausaufgabenbetreuung und bei der sozial-pädagogisch betreuten Freizeitgestaltung.

Ein weites, unübersichtliches Feld. Deshalb als Beispiel unter vielen die Gustav-Leutelt-Schule in Neugablonz. Schulleiter Frank Hortig vertritt offen seine sozial engagierte Meinung. Derzeit werden in seiner Schule von 400 Schülern 170 ganztags betreut. Soziale Hintergründe lassen aber die Einbindung aller Schüler in den Ganztagsbetrieb dauerhaft wünschenswert erscheinen. Diese Sichtweise teilt auch Gareth Barthram, der seit sechs Jahren für die Essensversorgung und das damit verbundene Freizeitprogramm im daneben liegenden Jugendhaus zuständig ist.

Aber der pädagogisch leicht nachvollziehbarer Wunsch ist die eine Seite, die logistische Machbarkeit ist eine ganz andere. Derzeit machen bereits die aktuellen Auslastungszahlen auch bauliche Veränderung notwendig. Bis der Umbau der nahegelegenen Sportgaststätte des TV Neugablonz beendigt ist, nehmen in drei Schichten je 40 bis 50 Kinder im Jugendhaus ihr Mittagessen ein. Hinzu kommt die Versorgung von weiteren Kindern im Nebengebäude. Eine Stunde ist jeweils für Essen und betreute Freizeitgestaltung eingeplant. Nach dem Umzug in die Sportgaststätte konzentriert sich das Angebot des Jugendhauses vermehrt wieder auf die freizeit-pädagogische Betreuung.

Ein anerkennendes Wort für dieses Engagement: Für beide Elternteile öffnet die Ganztagsbetreuung oft erst die Möglichkeit sich beruflich zu engagieren. Auf jeden Fall stellt diese Ausdehnung auch eine notwendige Unterstützung der Erziehungspflicht der Eltern dar. Langfristig könnte dies in vielen Fällen sowohl die sozial-angemessenere als auch die finanziell-günstigere Variante sein. Folgen von Vernachlässigung in diesem Bereich können gesamtgesellschaftlich erhebliche Kosten bereiten. Lebenslang.

von Peter Suska-Zerbes

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