Bauen und Wohnen in Kaufbeuren im "Kaufbeurer Stadtgespräch"

"Die Stadt als Bühne"

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Bauen und Wohnen in Kaufbeuren: Dazu diskutierten Wendelin Burkhardt (v. li.), Helge Carl, Christian Sobl, Julia-Constance von Stillfried und Dr. Manfred Heider.

Kaufbeuren – Was macht das Leben in Städten aus? Wie sieht unsere Stadt in der Zukunft aus? Was kann eine Stadt tun und wo sind die Grenzen der Möglichkeiten? Welche Rolle spielt der Denkmalschutz?

Diesen und anderen Fragen gingen vier Experten in ihren Vorträgen unter dem Thema „Bauen und Wohnen in Kaufbeuren“ der Veranstaltungsreihe „Kaufbeurer Stadtgespräche“ nach. Eingeladen hatte der Kaufbeurer CSU-Ortsverband alle interessierten Bürgerinnen und Bürger, die sich im Anschluss an die Vorträge mit Fragen an die Experten wenden konnten. „Eine Stadt muss mit Freiflächen, Gastronomie und Repräsentationsbereichen als Bühne fungieren und Treffpunkte bieten“, so Baureferatsleiter Helge Carl.

Viele Städte erleben wie auch Kaufbeuren gerade einen Bauboom. Neue Baugebiete werden ausgewiesen und bestehende Lücken innerhalb des Stadtgebietes geschlossen. Altstadtwohnungen dagegen stehen leer. „Die Nachbarschaft verändert sich, das gefällt nicht jedem. Wohin soll es gehen?“, fragte Julia-Constance von Stillfried als Moderatorin in ihrer Begrüßung an die rund 70 Besucher gewandt und stellte die weiteren Referenten vor: Christian Sobl als Geschäftsführer vom Gablonzer Siedlungswerk und Wendelin Burkhardt vom Architektenbüro Stadtmüller.Burkhardt.Graf in Kaufbeuren sowie Dr. Manfred Heider vom gleichnamigen Büro für Standort- und Wirtschaftsberatung in Augsburg.

Wohnen in der Zukunft

In seinem Impulsvortrag ging Carl unter anderem auf die Gründe für das Leben von Menschen in Städten ein, stellte Thesen für eine zukünftige Stadtentwicklung auf und benannte Standortfaktoren für ein urbanes Wohnumfeld. Städte wie Kaufbeuren seien beliebt, da sie neben wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Vielfalt kurze Wege und eine gute Infrastruktur bieten. Wichtig sei zudem ein ausgewogenes Verhältnis von bekannten und unbekannten Strukturen. Aus seiner Sicht würde sich das Mobilitätsverhalten weg vom eigenen Pkw zu vernetzten Verkehrsmitteln entwickeln und urbanes Wohnen eine ökologische Notwendigkeit werden. „Urbanität bedeutet, die Nutzung von Strukturen und Personen zu mischen und unterschiedliche Bausteine zusammenzubringen“, so Carl. Urbanes Wohnen mit Geschosswohnungsbau werde auch eine ökologische Notwendigkeit. Leben finde nicht in, sondern zwischen den Gebäuden statt und schöne Städte seien solche, die den Fußgänger in den Mittelpunkt stellen. Trotz grundsätzlich schöner Innenstadt und ihrem Umfeld fehle es in den Kaufbeurer Wohnquartieren an Wegen.

Dr. Heider sprach von einer Tendenz der Wanderung in die Innenstädte und damit zunehmender Urbanität. In der Altstadt sei die Einwohnerzahl seit 2010 um 15 Prozent gestiegen. Auch der demografische Wandel habe Auswirkungen auf die Wohnformen. Untersuchungen belegten, dass in Kaufbeuren zwischen 2011 und 2016 nicht nur die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um fast zwölf Prozent gestiegen sei, sondern auch die Bevölkerungsprognose bis 2030 von einem Wachstum von vier Prozent ausgeht.

Nachverdichtung oder Flächenfraß?

Im Landesentwicklungsplan (LEP) sei laut Architekt Burkhardt zwar „ein vorsichtiger Umgang mit Flächen“ angemahnt, in der Praxis lasse sich dies aber nicht immer umsetzen. Hinzu komme, dass sich mit heute 20.000 Vorschriften gegenüber 5.000 im Jahr 1990 ein „Bürokratiemonster“ entwickelt habe, ausgelöst durch Lärm, Schall- und Brandschutzvorgaben, aber auch durch die Auflagen im Denkmalschutz. Dadurch stiegen die Kosten.

Christian Sobl vom Gablonzer Siedlungswerk sieht die große Verantwortung darin, den Stadtteil Neugablonz zusammen mit der Stadt zu entwickeln. „Wir versuchen Vorbild zu sein“, sagte der Geschäftsführer der Genossenschaft mit rund 1.500 Wohneinheiten und stellte klar, dass nach dem Wegfall der Gemeinnützigkeit für die Genossenschaft kein Zwang zum sozialen Wohnungsbau bestehe.

Fragen der Bürger

"Gestaltung der Fußgängerzone

Die Stadt könne als Eigentümer des öffentlichen Grunds das Umfeld gestalten und Anreize für Privateigentümer beispielsweise bei Fassaden schaffen. „Aber ohne Private geht’s nicht“, so Carl.

"Entwicklung am Brauereiberg

Dort könne er sich Wohnen vorstellen, sagte Carl und sprach von einer „Herausforderung an Komplexität“ bei diesem Vorhaben. Eine angemessene Bürgerbeteiligung werde kommen, wenn Vorschläge auf dem Tisch liegen.

"Fahrzeugverkehr in der Innenstadt

Wichtig sind laut Dr. Heider Parkflächen möglichst nahe der Innenstadt. Für den Baureferenten gibt es in der Altstadt einen Zielkonflikt zwischen mehr Flexibilität oder mehr Qualität für Fußgänger.

"Wohnblöcke Füssener Straße

Zur Frage nach den vier unansehnlichen Wohnblöcken an der Füssener Straße erläuterte Carl, dass die Möglichkeiten der Stadt begrenzt seien, da die Deutsche Bahn als großer Konzern Eigentümer sei.

Von Wolfgang Becker

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