Ortsteilgeschichte

Kaufbeurer Stadtteile Oberbeuren, Hirschzell und Kemnat sind historisch bedeutsam

Ein Luftbild von Oberbeuren aus dem Jahr 1940.
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Ein Luftbild von Oberbeuren aus dem Jahr 1940.

Kaufbeuren – Am 3. Februar 2021 erschien, wie berichtet, der vierte Teil der Kaufbeurer Stadtgeschichte mit dem Titel „Die Stadt Kaufbeuren. Die Geschichte der Ortsteile Oberbeuren, Hirschzell und Kemnat“. Jeder der drei Ortsteile Kaufbeurens hat einen Superlativ in seiner Geschichte aufzuweisen: Oberbeuren ist die älteste Siedlung, Hirschzell ist die am frühesten erwähnte und Kemnat die im Mittelalter historisch bedeutendste. Als sich die Alamannen nach Süden ausbreiteten, wurde wohl ab der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts das Gebiet des heutigen Oberbeuren besiedelt. Dies war Jahrhunderte vor der Gründung des fränkischen Königshofes, aus dem dann die Stadt Kaufbeuren hervorging. So ist auch die Pfarrkirche St. Dionysius die Mutterpfarrei von St. Martin in Kaufbeuren.

Wir berichteten bereits von der Veröffentlichung.

Oberbeuren ist aber erst 1172 das erste Mal als Burun erwähnt. Hingegen findet sich die erste Erwähnung Hirschzells als Herilescella schon im Jahr 839 – es war ursprünglich wohl eine Klosterfiliale eines Herilin, gegründet vom nahegelegenen Kloster Stöttwang. Kemnat ist auch heute noch bekannt für seinen Römerturm. Dieser hat aber nichts mit den Römern zu tun, sondern ist der erhaltene Bergfried der Burg Kemnat, die um 1185 gegründet worden ist, und zwar von den Grafen von Apfeltrang, die sich danach Grafen von Kemnat nannten. Deren bedeutendster Vertreter war Volkmar II., aus seiner Zeit ist auch die älteste Königsurkunde in deutscher Sprache erhalten, in der König Konrad am 25. Juli 1240 einen Streit zwischen Kemnat und der Stadt Kaufbeuren vergleicht.

Die geschichtliche Überlieferung aus Früh- und Hochmittelalter (bis um 1250) ist oftmals lückenhaft und auch vom Zufall abhängig, so beispielsweise, welche Urkunden auf uns gekommen sind. Außerdem greifen jeweils verschiedenste Rechte ineinander, so unter anderem Lehens-, Besitz- und Gerichtsrechte, so dass eine Geschichte der Orte schwer zu schreiben ist.

Oberbeuren war im zwölften Jahrhundert im Besitz der Herren von Beuren, dann nach deren Aussterben im Besitz der Welfen und schließlich dem der Staufer. Es wurde nach deren Aussterben durch den Tod Konradins 1268 Reichsgut. Im 14. Jahrhundert war es im Besitz der Ritter von Schwarzenburg, bis es letztlich 1519 an die Reichsstadt Kaufbeuren verkauft wurde. Kemnat kam 1300 von den Herren von Kemnat an die Familie von Ramschwag, im 15. Jahrhundert war es im Besitz der Benzenauer, bis es schließlich im 16. Jahrhundert an das Fürststift Kempten gelangte. Hirschzell wurde 1535 an die Herrschaft Osterzell und von dieser 1699 an das Kloster Rottenbuch verkauft.

Für alle drei Gemeinden ähnlich dürften Zeiten der Seuchen, des Hungers und der Kriege abgelaufen sein, jedoch ist die Überlieferung wieder nur bruchstückhaft: Für den Bauernkrieg 1525 wird berichtet, dass Schloss Kemnat von den Bauernhaufen belagert wurde, aber nicht eingenommen werden konnte. Aus dem Dreißigjährigen Krieg weiß man, dass das Schlössle in Oberbeuren im Juni 1632 von kaiserlichen Soldaten völlig ausgeplündert wurde. In den Napoleonischen Kriegen (1800-1814) wurden in den Gemeinden abwechselnd französische und kaiserliche Soldaten einquartiert und Nahrungsmittel mussten geliefert werden. Französische Soldaten verschanzten sich im Juni 1800 auf dem Schlossberg zu Hirschzell. Kaiserliche Truppen versuchten am 10. Juni den Schlossberg zu stürmen, aber ohne Erfolg: So war Hirschzell zum Kriegsschauplatz geworden.

In den Jahren 1802 und 1803 wurde durch Mediatisierung (Aufhebung reichsunmittelbarer Gebiete) und Säkularisation (Aufhebung geistlicher Gebiete und deren Einverleibung durch weltliche Staaten) die politische Landkarte in Mitteleuropa neu gestaltet. Kemnat und Hirschzell, die beide zu geistlichen Territorien gehörten, unterlagen der Säkularisation, Oberbeuren wie auch Kaufbeuren selbst der Mediatisierung: All diese Gebiete kamen zum Kurfürstentum Baiern, das im Jahr 1806 zum Königreich erhoben wurde. Da Baiern ein Verbündeter Napoleons war, mussten die neu hinzugekommenen Gebiete auch Soldaten für das neue Heer stellen – was einen gewaltigen Blutzoll kostete: Von den jungen Männern, die aus den jeweiligen Dörfern in der Bairischen Armee dienten, fielen ein Kemnater und elf Oberbeurer; aus Hirschzell fielen alle sieben Eingezogenen. Erster und Zweiter Weltkrieg forderten jedoch noch weit mehr Tote.

Im 19. und 20. Jahrhundert blieben die Gemeinden weiterhin bäuerlich geprägt, wobei in Oberbeuren, das um 1900 mit circa 800 Einwohnern die vierfache Einwohnerzahl im Vergleich zu den anderen beiden Dörfern hatte, auch das Handwerk stärker vertreten war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Bevölkerungszahl durch Flüchtlinge und Vertriebene an. Von diesem Zuzug war Kemnat kaum betroffen, wogegen in Hirschzell und Oberbeuren große neue Baugebiete erschlossen wurden: Die Einwohnerzahl von Hirschzell wurde von 1930 bis 1972 auf 1507 versiebenfacht, die von Oberbeuren auf 2873 verdreifacht. Diese vielen Einwohner fanden keine Arbeit in der Landwirtschaft, sondern in Handwerk, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen, und so wurden die Verflechtungen mit der Stadt Kaufbeuren immer enger. Das Endergebnis war, dass die Gemeinden im Jahr 1972 nach Kaufbeuren eingemeindet wurden und seitdem nur noch Stadtteile sind, in denen jedoch die eigenen Traditionen nach wie vor hochgehalten und gepflegt werden.

kb

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