Kein Bürgerentscheid

Die alte St. Martin Schule wird wohl bald aus dem Stadtbild verschwinden. Foto: Bauer

Die Entscheidung über die Zukunft der St. Martin Grundschule wurde als eine der wichtigsten in der gesamten Wahlperiode bezeichnet. Entsprechend groß war auch das Interesse der Bürger an der jüngsten Marktoberdorfer Stadtratsitzung. Zuerst hatte das Gremium über einen Bürgerentscheid zu diesem Thema zu beschließen, den die Bayernpartei auf die Tagesordnung gebracht hatte.

Gegen zwei Stimmen wurde der Antrag abgelehnt. Spannend war die sich anschließende Debatte über zwei von fünf Handlungsmöglichkeiten, von denen sich schließlich nach dreistündigem engagiertem Austausch von Argumenten die Variante „Neubau einer zweizügigen Schule am alten Standort“ durchsetzen konnte. Einleitend zum Tagesordnungspunkt Bürgerentscheid sprachen sich sowohl Bürgermeister Werner Himmer (FW), als auch Markus Singer (CSU) gegen eine basisdemokratische Entscheidung zum Thema St. Martinschule aus. Beide argumentierten, das Thema sei zu komplex und deshalb nicht mit einer „Ja/Nein-Frage“ zu beantworten. Außerdem, so Singer, habe sich der Stadtrat in den letzten Monaten intensiv mit dem Thema beschäftigt. Dem hielt Peter Fendt (BP) entgegen, dass seine Partei den Bürger im Gegensatz zu den etablierten Parteien nicht für unmündig halte, außerdem sei eine bedeutende Anzahl von Bürgern von der Entscheidung über die Zukunft der Schule betroffen. Im Hinblick auf die Komplexität sei es Aufgabe des Stadtrates eine Variante herauszuarbeiten, um sie dann zur Abstimmung durch die Bürgerschaft zu bringen. Da sich auch die Fraktionssprecher von SPD, Grünen und Freien Wählern gegen einen Bürgerentscheid aussprachen, war das Abstimmungsergebnis 24:2 absehbar. Vorbereitend auf die zu treffende Entscheidung durch die Räte lieferte Peer Gollnick von Dobler Consult eine Zusammenfassung der Handlungsoptionen inklusive einer Kostenabschätzung, einem Zeitplan und einer Prognose zu den künftigen Schülerzahlen. Ab 2014 würden 82 Schüler weniger erwartet, was einem Rückgang um eineinhalb Züge entspreche. Gollnick führte weiterhin aus, dass dann nur noch insgesamt sechs, anstatt der heute bestehenden 7,5 Züge an den drei Marktoberdorfer Grundschulen benötigt würden. Mit etwa 9,8 Millionen Euro schlüge eine Sanierung des Altbestandes St. Martin Schule zu Buche. Bei dieser Lösung sei allerdings eine schulpädagogische Gebäudenutzung nicht umsetzbar. Für einen 3-zügigen Neubau (12,5 Mio Euro) sei das Gelände zu klein, wenn Hort, Kindergarten und Krippe (Ergänzungsprogramm) vor Ort erhalten werden sollten. Ein Neubau auf der Grünen Wiese in Anlehnung an das Schulzentrum verursache Kosten in Höhe von 11,5 Millionen Euro und bedeute eine Abkopplung vom Ergänzungsprogramm. Die mit 8,5 Millionen günstigste Variante sei die Integration in die Mittelschule. Bei dieser von der Regierung von Schwaben favorisierten Option seien allerdings Konflikte zwischen Grund- und Mittelschule nicht auszuschließen. Die fünfte und mit 11,8 Millionen zweitteuerste Variante ist ein 2-zügiger Neubau am alten Standort, mit Neurealisierung des Beiprogramms. In diesem Preis sind die Kosten für Hort, Kindergarten, Krippe, Erweiterung der Adalbert-Stifter-Schule und provisorische Containerunterbringung der Schüler enthalten. Abgerundet wurde die Information für die Stadträte durch den städtischen Hauptamtsleiter Rupert Filser, der errechnet hatte, dass in Zukunft in keiner der drei Grundschulen ein dreizügiger Schulbetrieb erforderlich sein werde. Voraussetzung sei allerdings eine sukzessive Umsprengelung künftiger Schüler aus Rieder und Sulzschneid nach Thalhofen. Engagierte Debatte um die St. Martinschule im Stadtrat Anknüpfend an Rupert Filsers Rechenmodell, dessen Kern drei zweizügige Grundschulen in Marktoberdorf beinhaltet, definierte Bürgermeister Werner Himmer die Variante fünf als den Vorschlag der Stadtverwaltung. Zuerst bekam der nicht stimmberechtigte Ortssprecher von Sulzschneid, Roland Müller, Gelegenheit sich zu äußern. Gestützt auf die Meinung nahezu aller betroffener Sulzschneider Eltern erklärte er, dass eine Umsprengelung nicht in Frage komme. Die Kleinen aus Sulzschneid hätten schon beginnend im Kindergartenalter den weitesten Weg, da sei die noch weiter entfernte Schule in Thalhofen nicht zumutbar. Deshalb habe man auch sehr positiv auf das Angebot der Grundschule in Stötten reagiert. Für die Fraktion der CSU erläuterte Markus Singer den gemeinsamen Standpunkt: Wie schon in den Medien veröffentlicht, unterstütze die CSU den zweizügigen Neubau der St. Martin Schule am alten Standort. Die Zergliederung der Grundschullandschaft in drei kleinere Schulen sei eine sehr charmante Lösung mit der man auch werben könne. Der Neubau auf der Grünen Wiese führe zu einer starken Ballung und zerstöre die einzige zentrumsnahe Grünfläche. Aus eigener Erfahrung, am Beispiel der Schule in Thalhofen, könne auch eine zweizügige Schule ein gutes pädagogisches Angebot liefern. Den Bau von Außensportanlagen halte er mit Blick auf einen großzügigen Schulneubau für verzichtbar. Eine völlig gegensätzliche Position, mit der Forderung nach einem dreizügigen Schulneubau auf der Grünen Wiese, nahm die Fraktion der Freien Wähler ein, die von Karl Singer vertreten wurde. Der eklatante Mangel an Arbeitskräften erfordere ein hohes Maß an Attraktivität, um Zuzug von außen zu fördern. Hier böte ein dreizügiger Neubau die besten Voraussetzungen um auf den angestrebten Bevölkerungszuwachs vorbereitet zu sein. Der Neubau auf der Grünen Wiese sei günstiger, weil er viel schneller zu realisieren sei und man dabei auch auf teuere und unangenehme Containerzwischenlösungen verzichten könne. Weitere Vorteile dieser Lösung seinen die bessere Verkehrssituation, Synergieeffekte durch die Anlehnung an das Schulzentrum und die Möglichkeit großzügiger bauen zu können. Im Gegensatz dazu sprach sich auch die Fraktion der Grünen für den Verbleib am alten Standort aus. Clara Knestel trat für einen zweizügigen Neubau mit Erhalt von Kindergarten und Hort ein. Dafür sprächen die von Filser vorgetragenen Schülerzahlen, einschließlich seines nachvollziehbaren Vorschlages zur Umsprengelung. Denkbar sei im Bedarfsfalle auch eine Aussprengelung von Grundschülern nach Stötten. Uneins zeigte sich die SPD-Fraktion. Ihr Sprecher Wolfgang Hannig hoffe auch auf eine positive Entwicklung der Schülerzahlen, weshalb er persönlich für die große Lösung auf der Grünen Wiese eintrete. In der Fraktion stehe er allerdings mit seiner Meinung allein. Ein Neubau an alter Stelle sei auch im Sinne der Bayernpartei, erklärte Peter Fendt. Als ungünstig bewertete er den Umstand, dass die Kinder zwei Jahre im Container unterrichtet werden müssten. Es solle deshalb geprüft werden, ob man nicht besser in die Mittelschule ausweichen könne.

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