Keiner weiß, was der andere tut…

Das Doppelhaus, das ein Einfamilienhaus sein muss.

„Sie bewohnen ein Einfamilienhaus, kein Doppelhaus!“ Mit diesen Worten wurde Doppehausbesitzer Helmut Raiser aus Binnings im Bauamt Marktoberdorf belehrt, als er sich dort erkundigte, wie das Dachgeschoss seiner Doppelhaushälfte feuerschutzwirksam von der Nachbarhälfte abgetrennt werden könne. Bestürzt musste er damit im Frühjahr 2009 zur Kenntnis nehmen, dass, baurechtlich betrachtet, sowohl er, wie auch sein Nachbar im Jahr 2004 unwissentlich einen „Schwarzbau“ gekauft hatten.

Vor etwa sechs Jahren erwarben, unabhängig voneinander, die Familien Raiser und Obrowski je einen Teil eines „Luxeriösen Doppelhauses“ im Weiler Binnings. Verkäufer war ein Geschwisterpaar, das die beiden Doppelhaushälften im Jahr 1976 als Austragshaus errichtet hatten. Die zwei Kaufverträge wurden ordnungsgemäß notariell beurkundet, und auch die Einsichtnahme in das Grundbuch bot keinerlei Grund zur Skepsis. Erst im sechsten Jahr nach dem Bezug der Immobilien mussten die neuen Eigentümer erkennen, dass sie offensichtlich gemeinsam ein Einfamilienhaus bewohnen. Diese, allein für sich betrachtet, schon kaum hinnehmbare Situation wird noch erheblich verschärft, als das Landratsamt Ostallgäu als baurechtliche Konsequenz nur die Rückabwicklung der Kaufverträge und den Rückbau zum Einfamilienhaus sieht. Dies geht aus einem Schreiben der Baubehörde hervor, das allerdings noch keinen endgültig rechtsmittelfähigen Charakter hat. Wie nun konnte es zu dieser unglaublichen Situation kommen? Baueingabeplan und Bauplan unterschieden sich in einigen wenigen, aber leider entscheidenden Details. So wurde das Haus in der Bauausführung spiegelbildlich in der Mitte abgetrennt, eine zweite Hauseingangstüre und eine weitere Wendeltreppe eingebaut und fertig waren die beiden Doppelhaushälften. Eigentlich hätte die genehmigende Behörde schon bei der Planeingabe hellhörig werden können, so Helmut Raiser, denn in dem riesigen Erdgeschoß waren, symetrisch angeordnet, zwei gleiche großzügige Badezimmer vorgesehen. Alle sich an die Fertigstellung anschließenden weiteren Amtshandlungen manifestierten den noch heute bestehenden Realzustand eines Doppelhauses. So befindet sich das vermeintliche Einfamilienhaus auf einem Grundstück mit zwei getrennt, vermessenen Flurstücksnummern. Auch zwei gesonderte Hausnummern wurden für die Doppelhaushälften vergeben. Schließlich muss auch die Frage nach der Bauaufsicht gestellt werden, die der genehmigenden Behörde oblag. Eine aktuelle Anfrage des KREISBOTEN beim Landratsamt Ostallgäu ergab, dass aus Sicht der Baubehörde Baurecht nicht mit Zivilrecht in einen Topf geworfen werden dürfe. So erhalte zum Beispiel die Baubehörde keinerlei Kenntnis vom Besitzwechsel einer Immobilie. Die Pressesprecherin des Landratsamtes, Susanne Kettemer, erklärte außerdem, dass noch nichts entschieden sei. Man stehe mit allen Beteiligten in Kontakt und führe Gespräche in alle Richtungen.

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