Gesucht: Pflegefamilien!

Wie auch Sie Kindern ein neues Zuhause schenken können – Eine Familie gibt Einblick

Poster Suche nach Pflegefamilien
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Kaufbeuren geht bei der Suche nach Pflegefamilien weiterhin in die Offensive.

Kaufbeuren – Es gibt viele Gründe, warum Kinder nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern wohnen können: Verwahrlosung, Gewalt, Drogen oder auch Armut im Elternhaus. Ein Weg, die betroffenen Kinder aufzufangen, sind sogenannte Pflegeeltern. Sie geben den Kindern Zuneigung, Geborgenheit und ein neues Zuhause. All das, was sie zuvor nicht immer oder selten erhalten haben. Offenbar ist der Bedarf groß, denn in der Stadt Kaufbeuren und im Landkreis Ostallgäu werden händeringend neue Pflegefamilien gesucht.

Im Zuständigkeitsbereich des Jugendamts Ostallgäus gibt es derzeit 63 Pflegekinder. Sie sind in 56 Pflegefamilien untergebracht, 49 von ihnen im Landkreis Ostallgäu. Laut dem Landratsamt Ostallgäu seien die Zahlen in den vergangenen fünf bis zehn Jahren sehr konstant geblieben. Nach wie vor besteht ein großer Bedarf an Familien, die sich bereit erklären und sich in der Lage sehen, einem oder mehreren Kindern für eine bestimmte Zeit oder auch bis zu dessen Erwachsenenalter einen Platz in ihrer Familie zu geben.

Die Nachfrage sei sehr schwankend und nicht planbar, da sich die Notwendigkeit einer Unterbringung eines Kindes in einer Pflegefamilie unter Umständen ganz kurzfristig und akut ergeben kann. „Gerade bei Säuglingen und Kleinkindern, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie bleiben können, ist es vorrangiges Ziel, ihnen im Rahmen der Jugendhilfe die Geborgenheit und den Rückhalt einer Familie geben zu können“, sagt Thomas Brandl, Pressesprecher des Landratsamts Ostallgäu.

Geborgenheit und Zuwendung, das geben Bettina Z. und ihr Mann. Beide haben keine eigenen Kinder. Vor über zehn Jahren haben sie bereits ein Kind adoptiert, welches davor bei ihnen in der Pflege war. Der Wunsch nach einem weiteren Kind war ungebrochen. „Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als dann Emelie (Name von der Redaktion geändert) zu uns kam. Es war ein Notfall und ging ganz schnell“, so Bettina Z. Das kleine Mädchen war damals acht Monate alt, als es in die Pflegefamilie kam. Seine beiden anderen Geschwister leben zusammen, allerdings in einer anderer Pflegefamilie auf einem Dorf im Raum Ostallgäu. Emelie hat weiterhin Kontakt zu ihren Geschwistern. Regelmäßig kommen alle zusammen, auch die leibliche Mutter. „Das geschieht bei uns daheim. Dann feiern wir auch Geburtstage“, erzählt die gelernte Kinderpflegerin. Zehn Jahre lebt Emelie nun bei Familie Z. Etwa ein Jahr hat es gedauert, bis sich alle aneinander gewöhnt hatten. Täglich wechselten sich Bettina Z. und ihr Mann bei der Betreuung ab, bauten dadurch eine enge Bindung mit der Kleinen auf. Ein Glücksmoment war, als Emelie zum ersten Mal Papa gesagt hat. Da kullerten schon einige Tränen der Freude über die Wangen. „Natürlich gab es eine Zeit, wo wir überfordert waren“, macht die Pflege-Mutter kein Geheimnis daraus. Aber es habe sich gelohnt.

Der Beruf der Kinderpflegerin spielte ihr natürlich in dieser nicht einfachen Phase in die Karten. „Kinder brauchen klare Regeln und Strukturen.“ Die leiblichen Eltern dürfen auch während der Inobhutnahme ihres Kindes in eine Pflegefamilie noch mitsprechen, besonders bei der Gestaltung der Sommerferien, wichtigen Arztbesuchen oder Operationen und Auslandsaufenthalten. Ein ständiger Austausch mit dem Jugendamt ist hier unabdingbar. „Ich finde, das Jugendamt in Kaufbeuren leistet gute Arbeit. Sie kümmern sich, haben stets ein offenes Ohr für die Pflegefamilien.“ Von daher kann sich jede Familie, auch alleinstehende Elternteile, die sich sozial engagieren und die Verantwortung für die Betreuung und Erziehung des Kindes übernehmen möchten, grundsätzlich bewerben. Eine pädagogische Ausbildung ist nicht erforderlich, häufig aber von Vorteil. Der Fachdienst der Vollzeitpflege im Jugendamt überprüft, ob die Bewerber dafür geeignet sind. Auf den Prüfstein werden die räumlichen, finanziellen und auch persönlichen Verhältnisse gestellt. Folgende Kriterien spielen eine wesentliche Rolle: Motivation zur Aufnahme eines oder mehrere Pflegekinder, Einfühlungsvermögen, Belastbarkeit, Konfliktfähigkeit, Stabilität der Partnerbeziehung, Toleranz, Erziehungserfahrung, pädagogisches Geschick und besonders Einfühlungsvermögen.

Grundsätzlich wird zwischen einer zeitlich befristeten und einer auf Dauer angelegten Unterbringung eines Kindes in der Pflegefamilie unterschieden. „Die konkrete Ausgestaltung der Hilfe richtet sich nach dem erzieherischen Bedarf sowie dem Wohl des zu betreuenden Kindes oder Jugendlichen“, so Thomas Brandl vom Landratsamt.

Noch heute wird Familie Z. von Fremden angesprochen, weil die Kinder nicht identisch ausschauen. Um eine Antwort ist sie nicht verlegen: „Jedes Kind braucht Liebe, auch wenn es nicht im eigenen Bauch aufgewachsen ist.“ Daher hat Bettina Z. überhaupt keine Bedenken, die Tätigkeit der Pflegeeltern weiterzuempfehlen. „Sicherlich sind sich einige unsicher. Viele Fragen sind offen: Was ist, wenn es nicht klappt? Oder was passiert, wenn das Kind wieder zurück muss? Ein Pflegekind aufzunehmen ist ein Full­time-Job. Man muss es mögen.“ Einen wertvollen Hinweis hat Bettina Z. an werdende Pflegeeltern: „Wer einen Platz im Herzen zu verschenken hat, sich Zeit für diese Aufgabe nehmen möchte, macht hier genau das Richtige.“ Die Familie kann sich ein Leben ohne ihre beiden Kinder nicht mehr vorstellen. „Mein Mann sagt immer: Wir sind Patchwork deluxe. Meine Kinder sind von zwei Müttern – aber keins von meiner Frau! Darüber müssen die Leute erst immer nachdenken.“

Stefan Günter

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