„Brauchen Gott in Krisenzeiten“

Kirche: Über digitale Angebote, Verschiebung der Erstkommunion und  Osterfeierlichkeiten

Gottesdienst in der Gemeinde Friesenried.
+
Auf Abstand und mit FFP2-Maskenpflicht feiern die Christen ihren Gottesdienst in der Gemeinde Friesenried.

Kaufbeuren/Ostallgäu – Es ist kein Geheimnis: In schweren Zeiten zieht es die Menschen mehr denn je in die Kirchen. Gerade dann suchen viele die Nähe zu Gott. Allerdings bleiben bei Gottesdiensten viele Bänke unbesetzt. FFP2-Maskenpflicht und Abstand ist auch bei den Messen Voraussetzung. Derweil wird in der Diözese Augsburg mit Hochdruck an Konzepten gearbeitet, damit Ostern, das höchste Kirchenfest im Jahr, diesmal in Form von Präsenzgottesdiensten gefeiert werden kann.

Im vergangenen Jahr waren die Kirchen zu Ostern leer. Es fanden keine Messen statt. Viele Feierlichkeiten wurden dagegen online gestreamt, die Digitalisierung hält weiterhin Einzug. „Stand jetzt können wir Ostern Gottesdienste feiern. Das kann sich aber situationsbedingt jederzeit ändern“, heißt es vonseiten der Pressestelle des Bistums Augsburg.

Thomas Hatosch leitet die Pfarreiengemeinschaft Eggenthal. Als Dekan betreut er zudem 64 Pfarreien, die zum Dekanat Kaufbeuren gehören. Hatosch ist das Bindeglied zwischen den Pfarreien und der Bistumsleitung. Das Bild ist überall gleich: „Die Menschen freuen sich, dass sie gemeinsam den Gottesdienst feiern dürfen.“ Noch im vergangenen Jahr war es dagegen ein tristes Bild, als der Kirchenbesuch seitens der Politik coronabedingt untersagt wurde. Laut einer Kreisbote-Anfrage bestätigte die Pressestelle des Bistums Augsburg, dass Gottesdienste im Allgäu keine Corona-Treiber sind. „Uns sind keine derartigen Fällt bekannt.“ Das ist auch zahlreichen Helferinnen und Helfern zu verdanken. „Unsere Pfarrgemeinderäte leisten in diesen Zeiten eine besonders gute Arbeit“, so Hatosch. Kirchenbänke und Türgriffe werden jedes Mal desinfiziert. „Jeder hält sich an die FFP2-Maskenpflicht.“ Gerade jetzt, wo viele von Lockerungen sprechen, hofft auch der Dekan, dass in der Fasten- und Osterzeit wieder etwas an Normalität zurückkommt. „Wir sind bereits einen Schritt weiter als noch 2020. Ich weiß aber nicht, wie es sich auf das Bewusstsein der Menschen auswirkt, die zur Risikogruppe gehören und sich nicht mehr in die Kirche trauen.“

Kommunion wird verschoben

Schon vor der Corona-Pandemie wurden Gottesdienste im Fernsehen gezeigt. Gerade jetzt steht die digitale Messe, die besonders ältere Mitmenschen und Kranke anspricht, im Fokus. „Gott ist nicht digital. Wir leben von der Begegnung und vom Gemeindeleben. Je länger die Notlösung in Corona-Zeiten dauert, desto mehr müssen wir aufarbeiten“, so Hatosch, der es natürlich bedauert, dass Pfarrfeste nicht mehr gefeiert, Ausflüge und Hoigata derzeit ausgesetzt werden. Hinzu kommt, dass er als Pfarrer seit Anfang Dezember keinen Präsenzunterricht im Fach Religion geben kann.

Auch im Hinblick auf die bevorstehende Erstkommunion müssen Kinder und Kirche Abstriche machen. Weil Gruppenstunden ausfallen, der Zeitplan nicht eingehalten werden kann, wird der Weiße Sonntag, der Termin der Kommunion, daher in den Juni verlegt. Weiterhin will Dekan Hatosch viel Optimismus verbreiten und ein positives Signal über den Kirchenanzeiger oder den Pfarrbrief, der an Ostern erscheint, setzen.

Digitales Angebot

In Kaufbeuren ist Stadtpfarrer Bernhard Waltner froh, dass Gottesdienste in dieser ungewöhnlichen Zeit überhaupt gefeiert werden dürfen. „Allein die musikalische Gestaltung erweist sich stets als Herausforderung. Unser Anspruch ist es, ständig neu kreativ zu denken“, verweist er dabei auf ein spezielles Angebot. Jeden Sonntagabend bietet sich um 18 Uhr die Möglichkeit an einem Online-Gebet teilzunehmen. „Gerade digital bieten sich viele Möglichkeiten“, so Waltner, der es nachvollziehen kann und volles Verständnis dafür zeigt, dass Menschen in Corona-Zeiten nicht in die Kirchen gehen wollen. „Diese Krise wird an manchen Punkten zu einer Chance, um unser Kernanliegen mit den Menschen zu teilen. Denn Gott brauchen wir immer, auch in Krisenzeiten. Er gibt mir persönlich einen totalen Anker.“ Seiner Meinung nach seien viele Menschen aufgewühlt, befassen sich intensiv mit der Berufs- und Arbeitssituation oder dem Onlineunterricht, der nicht immer funktioniert.

In knapp zwei Monaten feiern die Christen das höchste Kirchenfest. Die Osterplanungen schreiten auch schon in der Pfarreiengemeinschaft Kaufbeuren voran. Ein Gremium tüftelt gerade daran, wie die Fasten- und Osterzeit gefeiert werden kann. Laut Waltner soll Interessierten dabei ein breites Angebot unterbreitet werden. Am Beginn der Gottesdienste wird genauso noch gefeilt wie an den Vorbereitungen zur Erstkommunion. Die Feierlichkeiten sollen in den Sommer hinein verlegt werden.

Psychologische Belastung

In die Gottesdienste von Pfarrer Karl Barton kommen in der Corona­krise in etwa so viele Gläubige wie zuvor. An Weihnachten wurden sogar mehr Gottesdienste in der Pfarreiengemeinschaft Ronsberg-Ebersbach-Willofs angeboten. „Online-Angebote sind zwar toll, können aber den direkten Kontakt nicht ersetzen“, so Barton. Die Jugendarbeit bleibt genauso auf der Strecke wie der Erstkommunionsunterricht, der nicht stattfinden kann. Gerade jetzt nimmt sich Pfarrer Barton umso mehr Zeit für die älteren Menschen, die keine Familie haben, oder weil sich um sie keiner kümmert.

„Besonders leiden aber auch die Kinder durch die Kontaktbeschränkungen. Für viele ist es eine psychische Belastung“, geht er davon aus, dass es auch „seelische Schäden“ geben wird. Barton nimmt die Corona-Situation sehr ernst. Er hofft auf Präsenzgottesdienste an Ostern. „Je länger diese Krise dauert, umso unruhiger werden die Menschen.“ Wie auch in Kaufbeuren und Eggenthal wird die Kommunionsfeier in den Juli verschoben. Einen besonderen Dank richtet er an die vielen Ehrenamtlichen, die viel Zeit investieren, damit Gottesdienste überhaupt durchgeführt werden können. „Ehrenamtliche, Mitglieder des Pfarrgemeinderats und der Kirchenverwaltung leisten übergroßes Engagement“, wenngleich den Pfarrer eine Sorge umtreibt: „Ich bin gespannt, ob sich der Gottesdienst später erholen wird. Viele haben sich an diese Situation gewöhnt“, hofft er insgeheim, dass die Menschen dann doch wieder den Weg in die Kirchen finden.

Stefan Günter

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kaufbeuren: Fördermittel von 1,8 Millionen Euro für Schokoladen-Erlebniswelt möglich
Kaufbeuren: Fördermittel von 1,8 Millionen Euro für Schokoladen-Erlebniswelt möglich
Aktion „Gedeckter Tisch“: Ostallgäuer und Kaufbeurer Gastgewerbe protestiert gegen Lockdown
Aktion „Gedeckter Tisch“: Ostallgäuer und Kaufbeurer Gastgewerbe protestiert gegen Lockdown
AGCO/Fendt aus Marktoberdorf beteiligt sich an Frühschlussaktion der IG Metall
AGCO/Fendt aus Marktoberdorf beteiligt sich an Frühschlussaktion der IG Metall
Kaufbeurer MdB Susanne Ferschl erhält Todesdrohung auf Instagram
Kaufbeurer MdB Susanne Ferschl erhält Todesdrohung auf Instagram

Kommentare