„Wie ein Erdbeben“

Anwohner macht Tunnel-Sprengungen für Schäden am Haus verantwortlich

Lose gewordene Pflastersteine
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Lose gewordene Pflastersteine auf dem Grundstück von Jürgen Michel. Auch diese Schäden kommen seiner Meinung nach von den Sprengereignissen in unmittelbarer Nähe seines Grundstücks.
  • Angelika Hirschberg
    VonAngelika Hirschberg
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Marktoberdorf/Bertoldshofen – „Die Wände haben gewackelt, die Gläser geklirrt und die Katzen haben sich unters Sofa verzogen“, erzählt Jürgen Michel vom Beginn der Sprengungen im Juni 2019. Über Wochen arbeiteten sich die Tunnelbauer durch den Berg bei Bertoldshofen. „Der dumpfe Knall war durchs ganze Dorf zu hören“, erinnert sich Michel. Bereits 2019 stellte der Bertoldshofener fortschreitend Schäden an seinem Haus fest: Risse im Mauerwerk, Senkungen der Gebäude und Unebenheiten im Gelände. Michel führt die Schäden auf die Wucht der Sprengungen und die Bodenerschütterungen zurück. Das Staatliche Bauamt weist seine Vorwürfe jedoch zurück. Deshalb hat der Anwohner Ende Juni 2021 Klage beim Landgericht Kempten eingereicht. 

Michels Haus befindet sich rund 150 Meter Luftlinie vom Nordportal des 600 Meter langen Tunnels bei Bertoldshofen entfernt, dem Herzstück der Ortsumfahrung von B 16 und B 472. Lediglich Wiesen und das Bachbett der Geltnach trennen sein Haus von der Großbaustelle der Tunnelbauer, die im Juni 2019 mit dem Vortrieb durch den Berg mithilfe so genannter Auflockerungssprengungen begannen. Zwei Jahre später nun ist Michel wütend und verzweifelt: Sein Haus und dessen Außengelände weisen immer mehr Schäden auf. Rund 30 offensichtliche, bauliche Mängel hat er in einer Liste dem Landgericht Kempten präsentiert. Das Gericht soll nun entscheiden, ob seine Forderung nach Schadenersatz zulässig ist. Denn das Staatliche Bauamt bestreitet, dass die von ihm beauftragten Sprengungen Schäden an Michels Haus verursacht haben können und verweigert damit jegliche Haftung.

Jürgen Michel zeigt auf Risse im Mauerwerk, die seiner Meinung nach von den Sprengereignissen in unmittelbarer Nähe seines Hauses herrühren.

Sorgen um Statik

Bei einem Ortstermin mit dem Kreisbote zeigt Jürgen Michel auf Risse, die sich innen wie außen durchs Mauerwerk und die Marmorsimse ziehen. Er weist auf gebrochene Pflastersteine, erweiterte Fugenspalten, abgebröckelten Putz und Senkungen im Boden, die vor allem Hofeinfahrt, Gartenwege und die Umrandung des Gartenpools betreffen: der gesamte Carport sei schief abgesunken, die Fenstertüre zum Wintergarten schließt nicht mehr, der Gartenpoll sei undicht. Vor allem aber fürchtet Michel um die Stabilität seines Hauses. Nachts kann er nicht mehr richtig schlafen, denn: „ich höre, wie das Haus ächzt und arbeitet. Und habe Angst, dass mir das Dach überm Kopf zusammenbricht.“

Dass die Statik am Gebäude gefährdet sein könnte, bescheinigt ihm auch ein ortsansässiger Architekt. Dieser begutachtete das Einfamilienhaus in der Kreisstraße bereits vor vier Jahren, bevor sich Jürgen Michel im Februar 2017 zum Kauf des Eigenheims entschloss. Damals seien die bezeichneten Bauschäden nicht vorhanden gewesen, so der Architekt. „Sonst hätte er mir nicht zum Kauf geraten“, erzählt Michel.

Aufgebrochene Fugen und zahlreiche Unebenheiten.

Erst mit Beginn der Sprengungen habe das Unheil seinen Lauf genommen,ist sich der Anwohner sicher. Weil er bereits im Sommer 2019 erhebliche Schäden feststellte, hatte Michel mit der Firma Bernd Gebauer Ingenieur GmbH Kontakt aufgenommen, die als bauüberwachendes Unternehmen ausgewiesen war. Ein Messgerät zeichnete im folgenden bis Ende März 2020 die Erschütterungen auf Michels Grundstück auf. Wie sich allerdings erst später herausstellte, soll der Messbericht nicht den DIN-Vorgaben entsprochen haben, weil wichtige Angaben fehlten, heißt es in der Klageschrift. Der Abschlussbericht der dibauco GmbH, die auf die Bewertung von Bauwerksschäden spezialisiert ist und vom Staatlichen Bauamt beauftragt wurde, beruft sich auf diesen Messbericht. In einem Schreiben der dibauco, das dem Kreisbote vorliegt, heißt es, dass „die gemessenen Emissionen auf das Anwesen in der Kreisstraße als unproblematisch zu bezeichnen sind.“ Und „Erschütterungsereignisse in Zusammenhang mit der Tunnelbaustelle wurden nicht registriert.“

Das Staatliche Bauamt wiederum weist in einem Schreiben an die von Michel beauftragte Rechtsanwältin Susan Knabner jegliche Verantwortung zurück. Die Schwingungsmuster aus dem Messbericht würden nicht mit den tatsächlichen Sprengereignissen übereinstimmen, heißt es dort. Deshalb sei es die Einschätzung der Behörde, dass die aufgezeichneten Bewegungen am Messpunkt des Hauses von Jürgen Michel nicht Sprengerschütterungen dokumentieren, sondern „andere Einwirkungen“. Zusätzlich rät das Staatliche Bauamt der Anwältin, von einer Klage abzusehen.

Ein großer Knall

Das sieht Jürgen Michel jedoch völlig anders. Das Bauamt mache es sich zu leicht, sagt er im Gespräch mit dem Kreisbote. Immerhin sei über Wochen mehrmals täglich gesprengt worden. Zeitungsberichten zufolge bis zu drei Mal am Tag. Anfangs habe es immer eine Sprengung mit einem großen Knall gegeben. „Das hat sich wie ein Erdbeben angefühlt“, sagt Michel. Nach Beschwerden aus dem Dorf wären die Sprengungen um Sekundenbruchteile versetzt erfolgt. Das sei „etwas angenehmer“ jedoch keinesfalls beruhigender gewesen. Michel fürchtet weitere Folgeschäden, denn die Auswirkungen der Bodenveränderung wirken fort. Sein Haus hat keinen Keller. „Sollte die Bodenplatte Risse haben, ist dann mein Haus überhaupt noch bewohnbar?“ fragt er sich. Deshalb erschien dem Bertoldshofener die Einreichung einer Klage als letzte Möglichkeit, existentiellen Schaden von sich und seiner Ehefrau abzuwenden.

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