"Komasaufen ist uncool!"

Der Leiter der Kaufbeurer Dienststelle, Polizeirat Thomas Maier. Foto: Maier

Das Austesten von Grenzen gehört zum Erwachsenwerden mit dazu. Dieser Meinung ist auch der Leiter der Kaufbeurer Polizeidienststelle Thomas Maier. Aber was ist noch „ausprobieren“, und wo beginnt die Kriminalität? Und wo lauern für junge Menschen in der heutigen Zeit die größten Gefahren? Im jüngsten Jugendhilfe- ausschuss der Stadt referierte Maier zum Thema „Jugendkriminalität“ und machte dabei deutlich: „Dass manche Jugendliche kriminelle Handlungen begehen, ist keinesfalls ein neues Phänomen“, und: „Wir verzeichnen im Allgemeinen einen leichten, aber stetigen Rückgang von Delikten, die von Jugendlichen begangen werden“. Allerdings gebe es tatsächlich Kriminalitätsbereiche, die im Hinblick auf Jugendliche besonders relevant sind, wie unerlaubter Konsum von Alkohol oder Betäubungsmitteln sowie den „klassischen“ Bereich der Gewalt.

Schon im Rahmen der Sitzung betonte Maier, dass im Bezug auf den Alkoholkonsum weniger die Verletzung des Jugendschutzes auf öffentlichen Feiern das Problem sei, sondern vielmehr das Trinken bei privaten Partys. Dabei geschehe es nach Erfahrung der Polizei häufig, dass über 18-Jährige praktisch „stellvertretend“ für die Minderjährigen Hochprozentiges einkaufen und somit die gesetzlichen Vorgaben umgehen. Wenn die Minderjährigen dann nach dem „Komasaufen“ total betrunken aufgefunden werden, ist dies für alle Beteiligten eine sehr problematische Situation, denn: „Wir dürfen Jugendliche nicht wie Erwachsene in einer Haftzelle ausnüchtern, sondern müssen, wenn sie nicht an die Erziehungsberechtigten übergeben werden können, sie im Extremfall in geeignete Einrichtungen nach Augsburg fahren“ - ein riesiger Aufwand. Allerdings stellt Thomas Maier in jüngster Zeit einen erfreulichen Trend unter den jungen Menschen fest: „Wie es aussieht, kommt das sogenannte Komasaufen so langsam aus der Mode. Immer mehr junge Menschen finden es eher 'uncool', wenn bis zur Besinnungslosigkeit getrunken wird“. Festsiegel sinnvoll Maßnahmen wie das neue „Festsiegel“ vom Kuratorium Sicheres Allgäu auf öffentlichen Feiern (wir berichteten), wobei sich Veranstalter freiwillig verschärften Regelungen unterziehen, hält er trotzdem für eine wichtige und sinnvolle Maßnahme – nicht nur bezüglich der Jugendlichen, sondern auch für junge Erwachsene. „Ein besonders wichtiger Aspekt beim Festsiegel, wenn nicht sogar der wichtigste, ist die Einhaltung eines verbindlichen Endes bei 2.30 Uhr. Dies verhindert das unkontrollierte „Saufen“ bis in die frühen Morgenstunden. Leider nutzen die Kommunen die Chance zu selten, nur noch Veranstaltungen mit einer solchen Sperrstunde zu genehmigen“, so Maier: „Dies würde den 'Partytourismus' begrenzen, wobei junge Erwachsene mit dem Auto von einer Veranstaltung zur Nächsten fahren, obwohl sie bereits getrunken haben. Denn genau diese Mechanismen führen zu schwersten Unfällen“, beschreibt der Polizeichef die Erfahrung aus der Praxis. Ein offensichtlich weit unterschätztes Problem spricht Maier zudem an: es komme immer wieder zu Fällen, in denen Jugendliche, vor allem Mädchen, die Droge GBL („KO-Tropfen“) unbemerkt in ein Getränk gemischt bekommen und sich danach an „nichts mehr“ erinnern können. „Der früher oft gehörte Ratschlag, sein Getränk in Dose oder Flasche am besten selbst zu öffnen und nicht unbeaufsichtigt zwischen Menschenansammlungen stehen zu lassen, hat nichts an Gültigkeit verloren!“ Anstieg der Gewalt? Ein Delikt, welches immer wieder gerade mit Jugendlichen im Verbindung gebracht wird und laut Statistik sogar einen leichten Anstieg verzeichnet, ist die Gewalt. Hier sieht Maier den Grund aber weniger in einer gestiegenen Aggression der Kinder und jungen Erwachsenen, sondern eher darin, dass Eltern heute eher eine Verletzung bei der Polizei anzeigen als dies früher der Fall war. Allerdings sieht der Dienststellenleiter diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen: „Wir, die Polizei, möchten und können nicht der verlängerte Arm der Erziehung sein – vor allem bei Kindern. Eine Anzeige zum Beispiel gegen einen Mitschüler, der sich mit dem eigenen Sohn auf dem Pausenhof geprügelt hat, führt regelmäßig strafrechtlich sowieso zu keinem Ergebnis, weil Kinder noch nicht strafmündig sind. Und ein ‘Drohen’ mit der Polizei bewirkt bei den jungen Menschen auf Dauer eine negative Grundeinstellung uns gegenüber. Und genau dies möchten wir eigentlich vermeiden.“

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