Es kommt sehr wohl auf die Größe an

Moderator Werner Buchberger ließ während der Klinikdebatte neben den geladenen Referenten häufig auch die Zuschauer zu Wort kommen. Als ehemaliger Chefarzt hatte beispielsweise Dr. Gerhard Krebs einiges zu sagen: mit Marktoberdorf werde „die beste Klinik des Verbundes ausradiert“, konstatierte der Mediziner.

Mit einer Expertenanhörung hat der Landkreis versucht, das Thema Krankenhauslandschaft in seiner Vielschichtigkeit von allen Seiten zu beleuchten, um damit die Informationen, die normalerweise nur Fachleuten zugänglich sind, im Vorfeld des Bürgerbegehrens in die Öffentlichkeit zu tragen. Die grundsätzliche Auffassung, ein Überleben kleiner Kreiskrankenhäuser sei nur im Verbund mit einem Haus der Versorgungsstufe zwei möglich, teilten alle vortragenden Experten, wenn auch mit unterschiedlichen Differenzierungen.

Den Verlauf der Veranstaltung hatte sich Landrat Johann Fleschhut vielleicht etwas anders vorgestellt, als der eigens vom Bayerischen Rundfunk eingekaufte Moderator Werner Buchberger, abweichend vom Programmablauf, bereits nach dem Vortrag des Geschäftsführers der Bayerischen Krankenhausgesellschaft Siegfried Hasenbein begann, Volkes Stimme einzufangen. An dieser Stelle wurde bereits frühzeitig die ambivalente Dimension einer Entscheidungsfindung pro oder kontra Klinikverbund deutlich. Kaum einer der Zuhörer im großen Sitzungssaal des Kreistages - nicht einmal die, die das Bürgerbegehren initiiert hatten – mochte Zweifel äußern, an der zwingenden Notwendigkeit, hoch spezialisiert im Verbund agieren zu müssen. Allein die künftige Ausgestaltung des Kommunalunternehmens, mit der faktischen Auflösung des Hauses Marktoberdorf als Krankenhaus, stieß bei vielen Bürgern weiter auf Ablehnung. Radikal veränderter Gesundheitsmarkt Das Argument des ehemaligen Chefarztes Dr. Gerhard Krebs, mit dem Haus Marktoberdorf werde die beste Klinik des Verbundes ausradiert, zeigte deutlich, wo hier der Schuh drückt, auch wenn man sich möglicherweise der Einsicht beugen muss, dass das, was bisher auf einem sich radikal verändernden Markt galt, nicht aus der Vergangenheit in die Zukunft transportiert werden kann. Dies versuchte Dr. Klaus Schulenburg, der im bayerischen Landkreistag für die Krankenhausplanung zuständig ist, an das Plenum zu bringen. Eine Grundversorgung scheitere schon allein deshalb, weil an einem Blinddarm nichts verdient sei. Außerdem gebe es heute keine Chirurgen mehr, die, aufgrund des Spezialisierungsgrades, für Allgemeinkrankenhäuser geeignet seien. Hinzu komme, dass kleine Häuser nicht mehr in der Lage seien, die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen, ganz zu schweigen von einer qualifizierten Ausbildung junger Ärzte. Krankenhausverbund mit Herzstück Nur der Verbund kleinerer Häuser mit einer Klinik der Versorgungsstufe zwei garantiere deren Überleben. Ins gleiche Horn stieß Günter Pfaffeneder, der Geschäftsführer der RoMed Kliniken. In seinem Verbund hätten sich, bisher wirtschaftlich erfolgreich, neben der Klinik Rosenheim „als Herzstück“ drei Kreiskrankenhäuser der Stufe eins zusammengeschlossen. Die Fusion sei mit dem Klinikverbund Ostallgäu-Kaufbeuren durchaus vergleichbar, wenngleich es im Bereich Rosenheim nicht zu derartigen Einschnitten gekommen sei. Es hätte im Rahmen der Vereinigung keine Krankenhausschließungen gegeben, trotzdem sei bisher kostendeckend gearbeitet worden, erklärte Pfaffeneder auf Nachfrage aus dem Publikum, allerdings werde die Situation schwieriger. Ausgabenseite belastet Bilanz der Kliniken Aus Sicht der gesetzlichen Krankenkassen beleuchtete Andreas Winter, der Leiter des Dienstleistungszentrums Krankenhäuser Schwaben die Krankenhauslage im Landkreis Ostallgäu. Es könne auf Dauer nicht hingenommen werden, dass die Gesundheitskosten, die bestimmungsgemäß aus Beiträgen und staatlichen Zuschüssen getragen werden müssten, durch die zusätzliche dritte Säule Defizit finanziert würden. Mit Blick auf die Auslastung der Kliniken im Kommunalunternehmen erklärte Winter, dass das Defizit nicht durch die Einnahmenseite begründet werden könne, denn Fallzahlen bewegten sich hier auf höchstem Niveau und lägen acht Prozent über dem schwäbischen Durchschnitt. Qualität vor der Bürgernähe Unter einem ganz anderen Gesichtspunkt beleuchtete Prof. Dr. Günter Neubauer die Kliniklandschaft in Deutschland. Als Gedankengerüst skizzierte der Direktor des Institutes für Gesundheitsökonomie das „Magische Dreieck der Kreiskrankenhäuser“, deren Eckpunkte von den Parametern Wirtschaftlichkeit, Qualität und Bürgernähe bestimmt werden. Wurde in der Vergangenheit der Bürgernähe immer die größte Bedeutung beigemessen, so müssen heute, angesichts eines nahezu grenzenlosen Informationszuganges (Internet) und höchster Mobilität, eine Schwerpunktverschiebung hin zu Qualität, aber auch zu Wirtschaftlichkeit stattfinden. Neubauer begründete seine These mit dem Hinweis, dass der Bürger auf der Grundlage seiner Recherchen nicht das nächstgelegene Krankenhaus aufsuche, sondern das Beste. Es würde schon ausreichen, wenn nur zehn bis 15 Prozent der Bürger sich gegen das nahe gelegene Kreiskrankenhaus entscheiden, um ein Defizit zu generieren. Kein Unverständnis bei Marktoberdorfern Für seine nachvollziehbaren Ausführungen erhielt Neubauer großen Applaus, was aber nicht über die für den Marktoberdorfer Bürger weiterhin unbefriedigende Lage hinweg helfen konnte. Dr. Wolfgang Hell brachte den Entfall der Notfallversorgung ins Spiel und äußerte sein Unverständnis, da ausschließlich Marktoberdorf derartig negativ von der Umstrukturierung getroffen worden sei. Stadträtin Jutta Jandl wollte sich einem Verbund ebenfalls nicht verschließen, forderte aber hierbei Augenhöhe der Partner. Sie bedauerte, dass über das Konzept von Pro-Klinik erst nach dem Bürgerbegehren im Verwaltungsrat abgestimmt werden könne. Man solle sich nicht von Gefühlen leiten lassen forderte Peter Wieland aus Füssen, man müsse vielmehr das Ganze sehen. In Füssen habe man vor 40 Jahren nach dem Verlust nahezu aller Behörden auch nicht demonstriert.

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