Der Spätheimkehrer

Sinnbild der Versöhnung

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Der Rüdiger-Brunnen vor der Herz-Jesu-Kirche in Neugablonz seit 1970.

Kaufbeuren – Eine Kopie des Rüdiger-Brunnen und die Wiedererrichtung auf seinem ursprünglichen Platz in Gablonz (heute: Jablonec nad Nisou) ist das erklärte Ziel des Primator Petr Beitl. Dabei sei ihm die offizielle Unterstützung durch die Partnerstadt noch wichtiger als das Geld.

Das erklärte der Gablonzer Primator, als OB Stefan Bosse bei einem Termin im Kaufbeurer Rathaus seinem tschechischen Amtskollegen Kopien der alten Pläne und der Baudokumentation des Rüdiger-Brunnens überreichte.

Gleichzeitig kündigte der Städtepartnerschaftsverein an, das Projekt mit 5.000 Euro zu unterstützen. Darüber hinaus wird gerade geprüft, ob das Projekt vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gefördert werden kann. „Das Projekt“ ist die Nachbildung des Rüdiger-Brunnens und die Wiedererrichtung auf seinem ursprünglichen Platz vor der Herz-Jesu-Kirche in Gablonz anlässlich des 150. Jubiläums zur Stadterhebung der Neiße-Stadt, das im nächsten Jahr begangen wird.

Die 2,90 Meter hohe Bronzeskulptur des Rüdiger von Bechelarn, einer Figur aus der Nibelungensage, und die Reliefs des Rüdigerbrunnens hat der aus Böhmen stammenden Berliner Bildhauer Franz Metzner (1870-1919) 1904 ursprünglich für einen „Nibelungen-Brunnen“ vor der Wiener Votivkirche entworfen, jedoch nicht ausgeführt. Erst fünf Jahre nach Metzners Tod wurde das Werk von Gablonz an der Neiße erworben. Zwischen 1931 und 1945 war der Rüdiger-Brunnen dann ein Wahrzeichen der Stadt.

Der Beseitigung jeglicher Erinnerung an alles Deutsche nach der Vertreibung fiel in der Nacht vom 14. zum 15. Juni 1945 auch der Rüdiger-Brunnen zum Opfer.

Die wiederholten Versuche der Neugablonzer, den verschmähten Rüdiger für ihre neue Heimat anzukaufen, waren erst nach dem „Prager Frühling“ 1968 von Erfolg gekrönt. Für 10.000 Dollar (damals ein Gegenwert von 40.000 Mark), die Otto Walter und Alfred Prediger spendeten, wurden die Statue und die Sockelreliefs säuberlich in Stroh verpackt geliefert.

Für die originalgetreue Aufstellung des insgesamt über sechs Meter hohen Brunnens waren weitere rund 100.000 Mark erforderlich, die der Anpflanzungs- und Verschönerungsverein durch Sammlung von Spendengeldern und den Verkauf der von Dr. Gertrud Zasche verfassten Schrift „Was kann uns Metzners Rüdiger heute bedeuten?“ aufbrachte.

Am 30. Juli 1970 wurde der Rüdigerbrunnen auf der Bastei bei der Neugablonzer Herz-Jesu-Kirche enthüllt und ist seitdem das Wahrzeichen von Neugablonz. In Gablonz a. N. hat man inzwischen den Nachfolger des Rüdigerbrunnens, ein Kriegerdenkmal sowjetischer Prägung, ebenfalls wieder entfernt.

Tomas Rýdl, ein junger Künstler, hatte vor drei Jahren auf dem ursprünglichen Standort des Rüdiger einen Kasten aufgebaut, auf den die Leute schreiben konnten, was sie sich dort wünschen. Favorit war der Rüdiger. Daher hat der Stadtrat beschlossen, eine Kopie anfertigen zu lassen.

 „Ohne den Brunnen sieht der Platz aus wie ein Mund mit einer Zahnlücke“, sagte Primator Petr Beitl.

Mit der Aufgabe wird eine Kunstgewerbeschule für Bildhauerei und Steinmetze in Horice beauftragt. Die Arbeit des Künstlers übernimmt dort ein Computer. Nach eingescannten Bildern erstellt er mit Hilfe eines 3D-Druckers einen zweiten Rüdiger.

Die Stadt Kaufbeuren begrüßt diese Pläne: „Für mich hat die Idee Symbolcharakter: zwei Rüdiger-Denkmäler in Gablonz und in Neugablonz, die an die gemeinsame Geschichte erinnern. Gleichzeitig sehe ich es als großes Zeichen der Freundschaft unserer Städte: Jablonec lässt mit dem Rüdiger ein Denkmal wieder errichten, das stark mit der deutschen Kultur verbunden ist“, kommentierte Oberbürgermeister Stefan Bosse.

von Ingrid Zasche

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