"Wir mussten uns eigentlich nur noch überlegen, wie Ötzi zu Tode gekommen ist."

Vogel wird zu Ötzi

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Das Interview führten Kreisbote-Redakteurin Sandy Kolbuch und Schauspieler Jürgen Vogel, der „Ötzi“ verkörpert, nicht in einer „Tu“-Sprache – so spricht Vogel nur in dem Film.

Der in Hamburg geborene Schauspieler, Autor und Produzent Jürgen Vogel (*1968) gehört zu den beliebtesten deutschen Schauspielern, was er seinem authentischen Spiel zu verdanken hat. Bevor ihm 1992 der Durchbruch mit Sönke Wortmanns „Kleine Haie“ gelang, war Vogel als Kindermodel aktiv.

In über 100 TV- und Kinoproduktionen schlüpfte er bisher in die unterschiedlichsten Rollen. Für den Film „Der Mann aus dem Eis“ drehte er in über 3000 Metern Höhe an einem steilen Gletscherhang. Kreisbote-Redakteurin Sandy Kolbuch traf Jürgen Vogel zum Gespräch in Berlin.

Willkommen zurück aus dem Eis. Was waren die größten Herausforderungen beim Dreh?

Vogel: Ich hatte Glück, da wir zu Beginn der Dreharbeiten sonniges Wetter hatten. Wir haben sieben Wochen gedreht und da alle Jahreszeiten mitgenommen. Wir haben im Spätsommer mit den Dreharbeiten begonnen, sind dann in den Herbst gekommen und haben oben in den Bergen den Winter erlebt. Ich kann mich nicht beklagen. Da die Drehorte so schön waren, hatte ich eine tolle Zeit in der Natur.

Über Ötzi gibt es nicht viele Fakten. Wie gelang der Sprung in die Zeit vor 5300 Jahren?

Vogel: Wir wissen eigentlich mehr über ihn, als wir dachten. Wir kennen seine Kleidung, die in Botzen im Museum ausgestellt ist. Anhand der Materialien und der Verarbeitung kann man viel erkennen. Das Werkzeug, sein Wetterschutz und die jetzt noch nachträglich in der Region gefundenen Schuhe lassen auf eine hochentwickelte Kultur schließen. Man kann davon ausgehen, dass er ein Jäger war. Und er war der älteste Tätowierte, der jemals gefunden wurde. Er hatte fast 70 Tattoos in verschiedenen Größen. Man vermutet kulturelle Rituale als Hintergrund dessen. Dies sind alles Fakten, mit denen wir spielen konnten. Danach haben wir die Kostüme und die Waffen entwickelt und auch die Hütten gebaut. Wir mussten uns eigentlich nur noch überlegen, wie Ötzi zu Tode gekommen ist.

Inwieweit waren die Kostüme mit heutigen Materialien hergestellt, damit sie für Dich angenehmer zu tragen waren?

Vogel: Wir haben versucht, optisch dem Original nahe zu kommen. Es wurden natürliche Materialien verwendet und wir haben auch versucht, die Verarbeitung nachzuahmen. Das Problem war jedoch, dass ich nur sieben Wochen Zeit hatte, um mich an das Kostüm zu gewöhnen. Es war von Anfang an klar, dass ich mich viel bewegen muss. Die Nähte waren auf der Haut sehr hart und haben gescheuert. Die Alternative war, dass ein dünner Futterstoff eingenäht wurde, der über den Nähten lag. Die Schuhe bestanden aus einer Bastschicht, die mit Leder abgedichtet wurde. Da ich in vielen Szenen auf dem Eis rennen musste, wurden mir Spikes unter die Sohle gemacht.

Nimmst Du die Natur nach diesen intensiven Dreharbeiten anders wahr?

Vogel: Die Dreharbeiten zu „Gnade“ fanden damals in Norwegen bei Minus 37 Grad statt, was mich abgehärtet hat. Die Dreharbeiten zu „Der Mann im Eis“ bei Minus 18 Grad waren dagegen nicht so dramatisch. Ich war daher nicht so geschockt und habe mich auch viel bewegt, um warm zu bleiben.

Die Sprache im Film ist etwas Besonderes, weil der Zuschauer sie nur ansatzweise erahnen kann. Wie bist Du damit umgegangen?

Vogel: Uns stand ein Sprachwissenschaftler zur Seite, der uns nicht zu einer intellektuellen Sprachen sondern zu einer reduzierten Form von Sprache geraten hat. Es handelt sich um eine „Tu“-Sprache, die aufgreift, was man gerade tut. Es ist wirklich interessant, wie die Sprache sich entwickelt hat. Wir haben eine Art von Liste erschaffen mit Worten, die in bestimmten Situationen möglich wären. Wir waren relativ frei, da es kein Drehbuch mit festen Dialogen gab. Wir haben bewusst Situationen geschrieben, in denen nicht gesprochen wurde.

Vielen Dank für das Gespräch.

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