Kreisbote-Interview mit Regisseur Joseph Vilsmaier

Jetzt im Kino: „Bayern - Sagenhaft“

1 von 31
Alphornbläser vorm Watzmann.
2 von 31
Himalaya-Park in Wiesent.
3 von 31
„Wichtig bei „Bayern – sagenhaft“ war mir, ich wollte keinen sozialkritischen Film machen.“
4 von 31
Ritterspiele Kaltenberg.
5 von 31
Ritterspiele Kaltenberg.
6 von 31
Ritterspiele Kaltenberg.
7 von 31
Fronleichnam am Staffelsee.
8 von 31
Drachenstich Furth im Wald.

Kaufbeuren – Einem Filmschaffenden wie Joseph Vilsmaier begegnet man nicht alle Tage. Der gelernte Kameramann erzielte mit seinem Regiedebüt, dem Heimatfilm „Herbstmilch" (1988), in dem er auch Kameramann war, auf Anhieb den internationalen Durchbruch.

Es folgten 30 weitere Produktionen, u.a. „Stalingrad“, „Comedian Harmonists“, „Nanga Parbat“ und diverse Preise sowie Auszeichnungen wie zum Beispiel das Bundesverdienstkreuz, der Bayerische Verdienstorden, Bayerische Verfassungsmedaille in Silber, Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten, der Deutsche Kamerapreis, dazu mehrere Bayerische und Deutsche Filmpreise und eine Oscar-Nominierung für „Schlafes Bruder“ 1995. 

Mit seinem neuen Projekt „Bayern - Sagenhaft“ beweist der gebürtige Münchner sowohl die tiefe Verbundenheit mit seiner bayerischen Heimat, als auch seinen offenen Blick und sein untrügliches Gespür für die humoristische Seite bayerischer Traditionen und Lebensweisen. Filmkritiker Michael Denks erfuhr von der Regielegende nicht nur seine Beweggründe für diese bayerische Liebeserklärung, sondern warf auch einen Blick zurück auf spannende Jahre des Filmschaffens.

Herr Vilsmaier, schön dass Sie heute in Kaufbeuren sind! Wie lange sind Sie schon auf Kinotour für Ihren neuen Film „Bayern – Sagenhaft“?

Vilsmaier: Ja das kann ich Ihnen schon sagen, ich habe hier einen DIN-A 4 Zettel, der vorne und hinten voll ist, und heute fange ich mit der Rückseite an. Insgesamt sind 56 Kinos auf meiner Tour.

Das ist natürlich schon Stress…

Vilsmaier: Naja, entweder mache ich das, oder ich mache das nicht. Man muss sich das vorher gut überlegen, weil so eine Tour nicht wirklich einfach ist. Komischerweise geht´s mir bis jetzt sogar ganz gut, mir macht das aktuell sogar Spaß. Ich komme in Kinos, in denen ich vor sieben oder acht Jahren zuletzt war – dabei spielt es auch keine Rolle ob 20 oder 200 Leute da sind. Das haben die Besucher einfach verdient.

Das sind wirkliche viele Termine. Gab es das früher schon?

Vilsmaier: Tatsächlich rangiert „Bayern – Sagenhaft“ schon an zweiter Stelle. Die meisten Kinos besuchte ich nach der Produktion von „Herbstmilch“ 1989. Das wurde damals während der Film lief immer mehr, da sich die Begeisterung schnell herum sprach und auch wenn man über 1000 Kilometer schon auf dem Buckel hatte, war das wurscht – da trägt einen der Erfolg.

Für die Zuschauer ist das schon was Besonderes – was nehmen Sie von diesen Begegnungen mit?

Vilsmaier: Ich nehme da wirklichen einen großen Input auf, was mir die Leute erzählen. Das Schöne an der Tour ist auch, überall wo ich war sind die Besucherzahlen nochmal gestiegen, gerade durch die Mundpropaganda, und die direkte Begeisterung der Leute gibt einem ein gutes Gefühl. Gibt ja auch Produktionen, bei denen etwas nicht so gelungen ist.

Tatsächlich? Gibt’s da ein Beispiel?

Vilsmaier: Allerdings, da gibt es einen meiner Filme, den ich wirklich liebe und schätze, das war: „Keiner weint mir nach“. Damals brachte der Verleih Constantin „Superweib“ mit Veronica Ferres genau zur gleichen Zeit auf die Leinwände, dabei ist meiner wirklich untergegangen. Allerdings muss ich auch sagen, er wurde erst kürzlich beim Kitzbühler Filmfest wieder aufgeführt und die Menschen waren wirklich begeistert.

Auf die Starttermine hat man wenig oder gar keinen Einfluss – daher kann man sich keinen Vorwurf machen.

Vilsmaier: Absolut keinen Vorwurf – das ist halt dann schade, einige hielten den Film für meinen bis dato besten Film, doch da hatte ich noch nicht „Comedian Harmonists“ gedreht.

Auch ein schon legendärer Film…

Vilsmaier: Ja, Sie glauben gar nicht was wir an „Comedian Harmonists“ herumgeschnitten haben – auf einmal braucht man den Abstand. Man muss wieder Pause machen, sonst wird man plötzlich blind für das richtige Gefühl. Ich meine sowieso ich habe viel Glück gehabt, ob „Herbstmilch“, „Rama dama“ oder „Stalingrad“ – alle gingen in die Millionen. Gerade der letzte war weltweit ein riesen Erfolg. Und mit „Schlafes Bruder“ ging es sogar zu Oscar- und Golden-Globe-Nominierungen. Zu Stalingrad fällt mir noch ein, auf Jochen Nickel, der bei uns mitspielte, wurde Steven Spielberg aufmerksam, der ihn dann für Schindlers Liste holte.

Ich kann mich noch gut an 1995 und „Schlafes Bruder“ erinnern, für mich war das Ihr bester Film.

Vilsmaier: Ja, ich höre das immer wieder. Und ich hätte es mir nicht gedacht.

Der Film verwebt eine ganz spezielle düstere Magie. Musik und Bild bilden eine perfekte Symbiose, die unter die Haut geht. Noch heute zermartern sich viele den Kopf, wie hat das der Vilsmaier geschafft?

Vilsmaier: Stimmt, da gibt’s viele Studienabgänger die darüber ihre Arbeit schreiben. „Schlafes Bruder“ war zu der Zeit damals schon was Besonderes, denn die meisten anderen Filme hatten immer etwas Autobiographisches mit mir zu tun. „Rama dama“, der in der Nachkriegszeit in München spielt oder zu meinem Vater, das waren insgesamt vier Brüder und drei sind in Stalingrad gefallen. „Schlafes Bruder“ kam erstmalig von außen.

…und der war eine Romanverfilmung.

Vilsmaier: Richtig. Hier hatte mir mein Komponist, der Professor Schneider, mit dem ich zuvor schon an den großen Filmen gearbeitet hatte, einen Brief geschrieben mit dem Inhalt, „ Das wäre ein Film für uns!“ – da hatte ich das Buch noch gar nicht gelesen. Anschließend las ich das Buch und schrieb ihm zurück, „das ist wohl ein Film für Dich!“ (lacht)

Die ganze Entstehung des Films war ja nicht so leicht.

Vilsmaier: Zunächst rief ich den Robert Schneider an, ob er noch die Rechte am Buch hat. Die hatte er, und das war gut, so musste das nicht über den Verlag gehen. Eigentlich waren wir uns schnell einig, aber jeder sagte damals: das kann man gar nicht verfilmen! Inhaltlich waren da so viele Unmöglichkeiten beschrieben, und je mehr Leute mich davor gewarnt hatten, desto mehr hat’s mich dann interessiert. (lacht)

Nicht wenige sagen aber heute, dass der Film sogar den Roman überflügelt hat. Wie beispielsweise „Mephisto“ von Klaus Mann, verfilmt von István Szabó.

Vilsmaier: Obwohl wir auch furchtbar Glück hatten. Der Film war eigentlich schon finanziert, er hatte damals 13,5 Millionen Mark gekostet – und stellen Sie sich vor: wir hatten schon das ganze Dorf gebaut, dann musste Senator Film plötzlich mit zwei Millionen aussteigen. Ich rief den Leo Kirch an, der drei Jahre zuvor mal sagte: „Vilsmaier, wenn Du mal was brauchst – meld Dich“. Und dann war es soweit, und der Kirch rettete das Projekt. Wir haben einen enormen Aufwand betrieben, wenn ich mich heute zurückerinnere.

Jetzt zum aktuellen Film. Der Filmtitel ist ja schon Pflichtprogramm für uns Einheimische. Worum geht’s?

Vilsmaier: Die Idee war ein kurioser Reigen über Bayern. Dahinter steckt eine Reise vom 1. Januar bis 31. Dezember. Anders als bei einem Spielfilm, mit einem roten Faden, filmten wir in jedem Monat die bayerischen Highlights. Wichtig war mir, ich wollte keinen sozialkritischen Film machen.

Gute Laune an erster Stelle?

Vilsmaier: Genau! Man soll ins Kino gehen und mit optimistischen Gedanken wieder heraus kommen. Im Gegensatz dazu: man sieht jeden Tag nur schlimme und negative Dinge in den Medien, daher wollte ich einen ganz klar positiven Film machen. Auch wenn das manche Filmkritiker oft anders sehen.

Gab es tatsächlich negative Stimmen?

Vilsmaier: Sie werden es nicht glauben, vor kurzem fragte mich eine Journalistin plötzlich, ohne Grüß Gott und gar nix: „Herr Vilsmaier, brauchen wir überhaupt Brauchtum und Tradition?“

Oje – da war der Ofen ja gleich aus.

Vilsmaier: Stimmt, mein guter Bekannter, übrigens aus Berlin, ist gleich eingeschritten und hat das Gespräch beendet. Früher hat mich sowas mehr geärgert. Ich kann mich erinnern, über „Herbstmilch“ stand einmal in einem großen Journal: „Eine verwässerte Liebesgeschichte“. Oder auch Stalingrad wurde von den Zeitungen niedergemacht bis zum geht nicht mehr. Trotzdem waren wir erfolgreich. Es ist dann lustig, wenn man einen Kritiker persönlich trifft und er dann deinen Film lobt, obwohl er ihn zuvor zerrissen hat. Dann war plötzlich alles ganz anders gemeint. (lacht) Auch „Schlafes Bruder“ hat schlechte Kritiken erhalten.

Die „Cinema“ schrieb allerdings: „Ein Glücksfall in der Literaturverfilmung“.

Vilsmaier: Ja, die haben mich dann auch nach Berlin eingeladen und einen Preis verliehen.

Kehren wieder nach Bayern zurück. Im aktuellen Film spielen ganz versteckte Orte eine Rolle, die ein Großteil gar nicht kennt. Mach einer wohnt nur fünf Kilometer weit weg und weiß gar nicht um die Schätze ringsum.

Vilsmaier: Ja, das habe ich oft erlebt. Beispielsweise den Nepal-Park im Wiesent kennen die meisten nicht, auch ich nicht – da hat mich der „Haindling“ drauf gebracht. Viele schreiben sich das dann wirklich als Ziel auf. Oder Drachenstich kannte ich nur vom Hörensagen, aber nicht genau.

Ich denke, zu entdecken gäbe es noch vieles. Wollen Sie hierzulande filmisch noch mehr erkunden?

Vilsmaier: Das ist schon schwierig. Sicher, da gibt’s noch viele Sachen, aber das muss recherchiert werden – und die tollsten Dinge gibt’s nur einmal im Jahr oder alle vier Jahre. Das ist mit sehr viel Zeitaufwand verbunden, ich denke jetzt kommt erstmal was anderes.

Man könnte meinen, es ist alles etwas ruhiger geworden – kam irgendwann der Punkt keine großen, dramatischen Filme mehr zu inszenieren?

Vilsmaier: Nein der Punkt kam eigentlich nicht, aber von allen Stoffen, die ich bisher in der Hand hatte, war nix dabei, was mir gefallen hat.

A propos – was anderes – ich hörte Sie fahren nach China?

Vilsmaier: Und darauf freue ich mich richtig! Das soll wieder ein großer Spielfilm werden, aber ich kann Ihnen versprechen: das wird ein ganz besonderer Film!

Der Bestseller-Roman „Briefe aus der chinesischen Vergangenheit“ von Herbert Rosendorfer soll der nächste große Wurf werden.

Vilsmaier: Ja stimmt. Ein ungeheuer schräges Thema, aber mit sehr vielen Hintergedanken, was unsere Zeit heute ausmacht. Die ganze Schnelllebigkeit wird ein zentrales Thema. Schön wäre es, wenn der Film an Weihnachten nächstes Jahr startet.

Noch eine letzte Frage, wenn sich junge Menschen das Berufsziel Schauspieler auswählen. Das Business ist unglaublich hart und nur wenige schaffen es überhaupt, sich davon zu ernähren. Welche Empfehlung geben Sie diesen Menschen, die alle Warnungen in den Wind schlagen?

Vilsmaier: Ja, da kann ich Ihnen gleich ein Beispiel nennen. Meine Tochter Josefina spielte in Bergkristall die Hauptrolle und die hat es wirklich toll gemacht. Natürlich verfolgte sie den Gedanken Schauspielerin zu werden. Ich sagte dann zu Ihr: „Entweder Du studierst jetzt oder willst Du zu den 90Prozent Hartz IV-Empfängern gehören?“ Dann hat sie erstmal studiert. So viele Darsteller sprechen mich auf meine Reisen an, und das ist wirklich tragisch – weil sie keine bezahlte Arbeit haben. Manche haben zehn Drehtage pro Jahr und acht Monate gar nichts zu tun. Ich frage mich auch, wo die zu Hunderten Film-Studienabgänger unterkommen.

Ich danke Ihnen für das ausführliche Gespräch und wünsche Ihnen noch viel Vergnügen auf der kommenden Kino-Tour.

Auch interessant

Meistgelesen

Video
Parkettböden - Wohngefühl und Lebensqualität
Parkettböden - Wohngefühl und Lebensqualität
Neues Konzept für alten Friedhof
Neues Konzept für alten Friedhof
Einschränkung für Bahnfahrer
Einschränkung für Bahnfahrer
Heimat für begrenzte Zeit
Heimat für begrenzte Zeit

Kommentare