„Lüften ist das A und O“

Kreisräte stimmen für CO²-Sensoren – Keine Luftfilteranlagen für Schulen

Klassenzimmer mit offenen Fenstern
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Laut Expertenmeinung des rheinland-pfälzischen Ministeriums gibt es keine Beweise für die Wirksamkeit mobiler Luftreinigungsanlagen. CO²-Sensoren sollen jedoch das richtige Lüften der Klassenräume unterstützen.

Marktoberdorf/Landkreis – Ein „fraktionsübergreifender-nichtfraktionsübergreifender Antrag“, wie es Matthias Fack (FWO) nannte, beschäftigte den Kreisausschuss in seiner jüngsten Sitzung. Denn erneut flatterte die Forderung einzelner Kreisräte auf mobile Luftfilteranlagen und CO²-Sensoren in Schulen ins Haus. Während vor wenigen Wochen ein ähnlicher Antrag der SPD-Fraktion zurückgezogen wurde (wir berichteten), sprachen sich die Kreisräte dieses Mal gegen die Geräte aus. Intensives und regelmäßiges Lüften anstatt mobiler Anlagen. Für die Anschaffung von CO²-Sensoren fiel hingegen ein positives Urteil.

Es sei kein fraktionsübergreifender Antrag, sondern einer von einzelnen Personen, sagte Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU). Genauer gesagt von Ilona Deckwerth (SPD), Roland Brunhuber (ÖDP) sowie Hubert Endhart (Grüne), Otto Schrägle (ÖDP) und Dr. Paul Wengert (SPD). Sie forderten die Verwaltung auf, bei allen landkreiseigenen Schulen sowie Kinder- und Jugendeinrichtungen abzufragen, wie viele Luftfilteranlagen für Klassen- und Gruppenräume notwendig sind. Daraufhin solle anhand des ermittelten Bedarfs unverzüglich gehandelt und die Geräte besorgt und bezahlt werden. Gleichzeitig solle versucht werden, Fördermittel dafür zu erhalten. Außerdem sollten CO²-Sensoren bereitgestellt werden, da diese vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus gefördert werden, lautet es im Antrag.

Die Schulen des Landkreises seien gut aufgestellt, berichtete Dr. Florian Jung, Datenschutzbeauftragter des Landratsamtes. Die Hälfte sei mit stationären Lüftungsanlagen ausgerüstet. Übrig seien 125 Klassenräume an elf Schulen. Um den Bedarf einer mobilen Anlage zu prüfen, habe er verschiedene Stellungnahmen ausgewertet. Dabei gibt es bei den verschiedenen Expertisen eine Übereinstimmung: „Lüften ist das Mittel zur Wahl“, wie Jung resümierte. Von einem klaren Vorteil durch die mobilen Geräte sprach keine der Quellen.

„Lediglich in Ausnahmefällen als zusätzliche Maßnahme für gerechtfertigt“

Das Umweltbundesamt und die Kultusministerkonferenz empfehlen weiterhin „die Fensterlüftung“ als „prioritäre Maßnahme“ zum Schutz vor einer Covid-19-Infektion. Dem generellen Einsatz mobiler Luftreinigungsgeräte stehe das Amt kritisch gegenüber und halte ihn „lediglich in Ausnahmefällen als zusätzliche Maßnahme für gerechtfertigt“. In Rheinland-Pfalz berieten sich Experten und Vertreter des Bundesministeriums zum Thema „Lüften“ in Schulen. Dort hieß es, dass die mobilen Anlagen nicht ausreichen und maximal ergänzend zu regelmäßigem Lüften zum Einsatz kommen sollten. Lüften sei notwendig, „um für einen ausreichenden Luftaustausch zu sorgen und damit die Infektionsgefahr zu minimieren“, berichtete Jung.

Auch das Robert-Koch-Institut und das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sehen in den Raumluftreinigungsanlagen lediglich eine „Ergänzung zur AHA-Regel und zu einem fachlich angemessenen Lüftungskonzept“, zitierte Jung. Damit einher gehen die Richtlinien des Freistaats: Eine Förderung komme nur für Schulräume in Frage, die nicht durch gezieltes Fensteröffnen oder stationäre Anlagen gelüftet werden können. Solche Räume besäßen die betreffenden Schulen jedoch nicht, sagte Jung. Dementsprechend bestehe keine Notwendigkeit für solche Geräte. Nicht zu unterschätzen seien dabei auch die finanziellen Auswirkungen. Würde für die 125 Klassenzimmer jeweils eine mobile Luftfilteranlage beschafft werden, käme eine Rechnung in Höhe von rund 556.000 Euro auf den Landkreis zu.

Kein Beweis für Wirksamkeit

Ein CO²-Sensor kostet ungefähr 144 Euro. Für die besagten Klassenzimmern wären das insgesamt circa 18.000 Euro. Eine Anschaffung, die hinsichtlich der Lüftungsmaßnahmen sinnvoll erscheine, sagte Jung. Deshalb wäre der Vorschlag, auf solche Sensoren zu setzen. Mit Bezug auf die Expertise des rheinland-pfälzischen Ministeriums ergänzte Dr. Wolfgang Hell (CSU), es gebe keinen Beweis für die Wirksamkeit der mobilen Anlagen. Denn diesem Bericht nach, so Hell, seien die Geräte nur unter Laborbedingungen getestet worden. „Sie filtern zwar Viren, verwirbeln aber auch die Luft.“ Hell befürchtet, solche Anlagen könnten eine sehr teure „Übergangslösung“ sein. Denn mit Blick auf den Impfstoff verbinde er die Hoffnung, „den Spuk Corona bald zu überwinden“.

Aktuell Sinn machen laut Hell hingegen die CO²-Sensoren, die auch an regelmäßiges Lüften erinnern.Derselben Meinung war Dr. Alois Kling (CSU). Durch die mobilen Anlagen würde ein falsches Sicherheitsgefühl erweckt, was „nicht zielführend“ sei. „Tatsächlich geht nichts über das Lüften“. Er habe das getestet. Die Sensoren findet Kling dahingegen sinnvoll. Dr. Günter Räder (Grüne) würde all dem zustimmen, was hilft „um die Viruslast einzudämmen“. Die Anschaffung der Luftreinigungsanlagen sei bei den „vorgelegten Nutzenberechnungen“ nicht sachdienlich, weshalb er für den Beschlussvorschlag (keine Luftfilter aber CO²-Sensoren )stimmte. Eine Einschätzung, der sich Wolfgang Hannig (SPD) anschloss. Er halte sich bei der „Meinungsvielfalt von Experten“ an besagte Kultusministerkonferenz und deren Fazit, dass gezieltes Lüften, zwei bis drei Minuten lang, „das Beste“ sei. CO²-Sensoren würden das unterstützen. Zusätzlich empfahl er, den Lehrern der landkreiseigenen Schulen ausreichend FFP2-Masken zur Verfügung zu stellen.

SPD hält an Luftfilter fest

Wenige Tage nach der Sitzung des Kreisausschusses veröffentlichte Deckwerth eine Pressemitteilung. Die Mitglieder des Partei-Vorstands beabsichtigen erneut für mobile Luftfilteranlagen zu werben. In einer Telefonkonferenz des SPD-Unterbezirksvorstands mit den Vertretern der Ortsvereine Ostallgäu und Kaufbeu­ren beschlossen die Teilnehmer, „alle kommunalen Mandatsträger der SPD zu bitten, die Initiative der SPD-Landtagsfraktion zu unterstützen und in den Stadt- und Gemeinderäten sowie im Kreistag Ostallgäu Anträge für die Anschaffung von Luftfilteranlagen für die Klassenräume der Schulen einzureichen [...]. Dasselbe soll für die örtlichen Kindertagesstätten erfolgen“.

Am Freitag wären die mobilen Anlagen damit vermutlich erneut zur Diskussion gestanden. Aufgrund des aktuellen Infektionsgeschehens und dem für Bayern ausgerufenen Katastrophenfall ließ die Landrätin die Sitzung des Kreistags allerdings ins neue Jahr verschieben.

Selma Höfer

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