Das Allgäu ist kein sorgenfreies Paradies

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Albert Müller (v. li.), Leiter der Kriminalitätsbekämpfung, Polizeipräsident Werner Strößner und Christian Eckel, Polizeihauptkommissar und Pressesprecher, stellten die Kriminalstatistik 2016 des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West der Öffentlichkeit vor. Kopfzerbrechen bereitet der Polizei auch im südlichen Schwaben der Anstieg der Wohnungseinbruchsdiebstähle.

Kempten/Allgäu – Wir leben in einer der sichersten Regionen Deutschlands. Das zumindest drücken die Zahlen der aktuell veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 2016 aus. Aber ein sorgenfreies Paradies ist der zuständige Bereich des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West deshalb noch nicht. So gab es fast vier Prozent mehr Straftaten als im Jahr zuvor. Besonders deutlich ist der Anstieg an Wohnungseinbrüchen. Am Montagnachmittag wurden in der Polizeiinspektion Kempten die aktuellen Zahlen vorgestellt.

Zahlen stagnieren auf „niedrigem Niveau“

Das Jahr 2015 galt als das Jahr mit der geringsten Anzahl von Straftaten, ein Jahr später ist die Kriminalität im Ganzen um 3,8 Prozent gestiegen. Dies entspricht einer Anzahl von 43.055 Straftaten. Allerdings wird diese Zahl noch um ausländerrechtliche Verstöße, wie etwa Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht, bereinigt. Somit liegen die Fallzahlen für 2016 bei 39.640.

Diesen Zahlen liegt eine Aufklärungsquote von 68,1 Prozent gegenüber. Im Landkreis Ostallgäu sank die Gesamtkriminalität von 4535 (Jahr 2015) auf 4237 Delikte, wovon 71,2 Prozent aufgeklärt werden konnten.

Polizeistatistiken arbeiten mit dem Begriff der Häufigkeitszahl, einer Verhältniszahl, die registrierte Straftaten in Bezug setzt mit 100.000 Einwohnern. Bei der Untersuchung dieser Zahlen stehen Bayern und das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West im Bundesvergleich gut da. So liegen die (bereinigten) Straftaten im Bereich Polizeipräsidium Süd/West im vergangenen Jahr bei 4498, in ganz Bayern bei 6871 und bundesweit (im Jahr 2015) bei 7797.

Zum Vergleich führten die Beamten in ihrer Kriminalstatistik die Zahlen für Berlin an. Dort wird aktuell eine Häufigkeitszahl von 16.161 Straftaten angezeigt. Dies bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, in Berlin viermal höher liegt als im Bereich des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. Das ließ Polizeipräsident Werner Strößner zu der Feststellung kommen:„Die Sicherheitslage in unserem Zuständigkeitsbereich ist nach wie vor sehr gut. Garant hierfür ist eine professionelle und engagierte Arbeit der Polizei und auch eine wache Bevölkerung, die durch hilfreiche Hinweise die Arbeit unserer Beamten unterstützt.“ Mit einer Häufigkeitszahl von 3077 Straftaten liegt das Ostallgäu nochmals ein gutes Stück darunter. Nur der Landkreis Unterallgäu weist eine noch geringere Zahl auf (2832). 

Wenig Straftaten durch Flüchtlinge

Der Leiter der Kriminalitätsbekämpfung, Albert Müller, räumte bei der Pressekonferenz zudem mit einem hartnäckigen Vorurteil auf: „Flüchtlinge sind an bereinigten Straftaten nicht überproportional beteiligt.“ Wenn es zu Straftaten mit Flüchtlingen komme, dann geschehe dies „oftmals untereinander vor der Kulisse eines chronisch überfüllten Flüchtlingsheimes und mangels Abwechslung im Lebensalltag“. In vielen anderen Bereichen der Kriminalität aber sei ein überproportionaler Anteil ausländischer Straftäter durchaus erkennbar. „Das kann sowohl ein Mitglied einer osteuropäischen Diebesbande sein, als auch ein holländischer Tourist, der ein paar teure Skier mitgehen lässt“, fügte Polizeipräsident Strößner hinzu. In diesem Zusammenhang gab der Polizeipräsident zudem die Auskunft, dass es im Bereich des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West keine nennenswert hohe Zahl rechtsextrem motivierter Straftaten gebe.

Diebstahl als größte Deliktsgruppe

Die Gewaltkriminalität im Bereich des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West stieg vergangenes Jahr um 28 auf 1353 Fälle, was in etwa dem Zehnjahresdurchschnitt entspricht. Mit 86,8 Prozent gelang es der Polizei, die bisher hohe Aufklärungsquote in diesem Deliktsbereich beizubehalten. Ausländische Tatverdächtige mit einem Anteil von 41,4 Prozent in diesem Deliktsbereich sind gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil von 10,5 Prozent deutlich überproportional vertreten, so Strößner. Wie aus der Statistik hervor geht, waren 31 Prozent der Tatverdächtigen bei der Tatbegehung alkoholisiert.

Im Ostallgäu stieg die Zahl der Gewaltkriminalitätsdelikte von 130 im Jahr 2015 auf 142 im vergangenen Jahr an.

Die Straßenkriminalität sank im Präsidiumsbereich im Vergleich zum Vorjahr um 6,4 Prozent auf 5926 Fälle. Auch das Ostallgäu verzeichnet einen Rückgang von 587 auf 574 Delikte. Der Bereich der Diebstahlskriminalität stellt mit 10.984 Fällen nach wie vor die größte Deliktsgruppe dar. Gegenüber dem Vorjahr aber sanken hier die Fallzahlen um 3,1 Prozent auf das Niveau von 2014.

1071 Diebstähle wurden im Ostallgäu verübt, was im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang um 60 Fälle bedeutet.

Im Bereich der Rauschgiftdelikte gelang es im vergangenen Jahr 3829 Fälle aufzudecken, was eine Steigerung um 32,5 Prozent zum Vorjahr entspricht. Im Ostallgäu waren es 371 Straftaten mit Rauschgift (2015: 336). Im Berichtsjahr verstarben im Präsidiumsbereich 16 langjährige schwerstabhängige Menschen an ihrem Drogenkonsum.

Bei den Sexualdelikten konnte insgesamt ein weiterer Rückgang um 3,8 Prozent auf 436 Fälle verzeichnet werden. Da sich Sexualdelikte allerdings in den allermeisten Fällen innerhalb des Verwandten- und Bekanntenkreises abspiele, gibt es hohe Dunkelziffern. Auch sei der Anteil von Falschanzeigen in diesem Deliktsbereich relativ hoch, so Strößner.

Zahl der Wohnungseinbrüche macht Sorge

„Etwas Wasser in den Wein gießen“, das mussten die Verantwortlichen Leiter des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West dann doch tun. Die Zahlen im Deliktsbereich der Wohnungseinbruchsdiebstähle ist seit Jahren linear ansteigend. Besonders betroffen sind die Landkreise Neu-Ulm, das Ostallgäu und Kempten mit dem Altlandkreis. Der Sprung von 401 Wohnungseinbrüchen im Jahr 2015 auf 503 im darauffolgenden Jahr sei jedoch „gravierend“. Vor allem im Ostallgäu. Hier wurde in 74 Wohnungen eingebrochen – 2015 waren es noch 27.

Im Bereich des Präsidiums konnten die Aufklärungserfolge im Vergleich zu 2015 zwar nahezu verdoppelt werden, allerdings nur von elf Prozent im Jahr 2015 auf 20,1 Prozent im Jahr 2016. Obwohl diese Zahlen nicht wirklich belastbar seien, würde die Polizei Schlüsse aus den aufgedeckten Straftaten ziehen. Wie unlängst beim Erfolg der Ermittlergruppe „Feuersee“, die einer serbischen Einbrecherbande das Handwerk legen konnte, stehen vor allem bei den Einbruchsdelikten osteuropäische Diebesbanden im Visier der Fahnder. 

In diesem Bereich möchte das Polizeipräsidium gezielt um die Mithilfe der Bevölkerung bitten. „Wir sind froh und dankbar über jeden Hinweis aus der Bevölkerung“, sagte Strößner und fügte hinzu: „Wir gehen jedem Hinweis nach.“ Wünschenswert wäre nur, „dass Hinweisgeber die Rufnummer 110 anrufen und nicht den Umweg über die Polizeiinspektion wählen. Die 110 ist nicht nur die Notrufnummer, sondern auch erste Wahl, wenn es um Hinweise zur Straftatsverhinderung geht“, erklärte Strößner. Statistisch bleibe jeder zweite Wohnungseinbruchdiebstahl im Versuchsstadium stecken. Wann genau eingebrochen wird, sei schwer festzustellen, da in den meisten Fällen die Bewohner längere Zeit außer Haus seien, sei es tagsüber, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen, oder dass sie sich im Urlaub befänden.

Im Internet befinden sich zudem wertvolle Tipps, wie sich Bürger präventiv vor Einbrüchen schützen können und welche „No-Gos“ zu beachten sind. Kritzeleien neben Hauseingängen oder vor Haustüren können zum Beispiel Geheimzeichen von Auskundschaftern an die eigentlichen Einbrecher sein.

jsp

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