Marktoberdorf legt rückläufige Kriminalstatistik vor

Nur Betrugsdelikte nehmen zu

Ein Mann telefoniert
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Vorsicht bei Geschichten von dringenden Notlagen Telefon: Am anderen Ende der Leitung lauern oft Betrüger.
  • VonMichael Dürr
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Marktoberdorf – Mitten in der Nacht steht plötzlich ein Fremder mit einer Stablampe und einem Knüppel in den Händen vor dem Bett – ein Einbrecher! Diese Horrorvorstellung treibt viele Menschen um, auch im Ostallgäu. Zumindest im Bereich der Polizeiinspektion (PI) Marktoberdorf ist die Angst vor einem Einbruch aber weitestgehend unbegründet, wie die Zahlen der PI belegen. Trotzdem sollten die Menschen aber wachsam bleiben. Warum, das machten die Beamten bei der Vorlage der Kriminalstatistik für das abgelaufene Jahr deutlich.

Drei: Wenn man diese Ziffer hinter der Zahl der Einbrüche im Bereich der PI Marktoberdorf (deren Zuständigkeitsgebiet reicht von Biessenhofen bis Rückholz beziehungsweise von Kraftisried bis Steinbach an der B16) für das Jahr 2021 liest, mag man zunächst an einen Druckfehler glauben. Tatsächlich stimmt die Zahl aber, wie Marktoberdorfs Polizeichef Helmut Maucher bei der Vorlage der Zahlen versicherte. „In diesem Punkt leben wir im Allgäu im gelobten Land“, freute sich Maucher, der aber einschränkend darauf hinwies, dass nicht zuletzt die Pandemie Einfluss auf diese niedrige Zahl gehabt habe. Gleichwohl: Auch vor Corona, nämlich 2019, hatte die PI nur sechs Einbrüche zu bearbeiten gehabt.

Mehr Betrugsfälle am Telefon und im Internet

Was den rund 40 Beamten der Inspektion an der Meichelbeckstraße ganz erheblich mehr Kopfzerbrechen bereitet, ist eine Art des Verbrechens, dessen Umfang mit den bisherigen Methoden der Statistik noch gar nicht richtig zu erfassen ist. Dabei geht es um alle Betrugsdelikte rund ums Telefon und das Internet. Da täuschen Anrufer mit regelrechten Schockanrufen eine angebliche Notlage eines Angehörigen vor, aus der man sich nur mit Geld befreien könne. Da geben sich Verbrecher als Polizisten, Richter, Bankmitarbeiter oder Rechtsanwälte aus, um an das Geld ihrer Opfer zu kommen, und, und, und. Angerufen werden nach den Worten von Maucher vornehmlich ältere Menschen, wobei häufig deren Vornamen im Telefonbuch auf ein fortgeschrittenes Alter hindeuten. Und der Schaden ist oftmals hoch.

Ein beliebter Trick der Gangster ist der angebliche Anruf von Microsoft: Die Täter warnen vor einem Virenbefall des Rechners, so dass das arglose Opfer übers Internet Zugang zu seinem PC gewährt. Tätigt der Gefoppte später eine Online-Überweisung, landet das Geld nicht beim korrekten Empfänger, sondern auf den Konten der Verbrecher.

Zwei ganz dreiste Fälle von Schockanrufen verzeichnete die PI nach Angaben ihres Chefs im zurückliegenden Jahr am 24. März in Kraftisried mit 21.700 Euro Schaden und am 12. Oktober in Biessenhofen, wo die Täter knapp 20.000 Euro erbeuteten. Im ersteren Fall immerhin konnte der Täter bei der Geldübergabe im Raum Kempten geschnappt werden.

Sexversprechen als Masche

Besonders perfide wird diese Art der Kriminalität dann, wenn das Thema Sex ins Spiel kommt. Diese Masche funktioniert beispielsweise so: Zunächst wird übers Netz ein Flirt angebahnt, der später in Cyber-Sex mündet. Das Opfer filmt sich dabei auch noch selbst – und wird dann mit diesen Bildern erpresst. „Oft schämen sich die Opfer“, weiß Helmut Maucher, „deshalb muss man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen.“

Nicht selten entpuppen sich Sexversprechen im Netz als Erpressungsversuch.

Womit die Statistik gefragt ist. 84 Betrugsfälle weist sie für 2021 aus, dazu kommen 55 Taten von Telefonbetrug. Noch nicht in der Statistik tauchen hingegen die weiteren rund 230 Betrugsdelikte auf, die hauptsächlich im Internetbereich angesiedelt sind und von den Marktoberdorfer Beamten bearbeitet werden mussten. Der Grund dafür ist der Umstand, dass jede Straftat bislang nur am Tatort erfasst wird. Und der liegt bei der Internet- und Telefonkriminalität meist im Ausland. Statistik hin oder her – „in diesem Bereich der Kriminalität ist die Tendenz leider stark ansteigend“, wie PI-Chef Maucher bedauert.

Der Rat des Experten deshalb: Seien Sie misstrauisch, wenn Ihnen unvermittelt große Gewinne in Aussicht gestellt werden. Rufen Sie zurück, wenn Familienmitglieder oder Verwandte angeblich und plötzlich in Not sind – und verständigen Sie lieber ein Mal zu oft die Polizei, wenn Ihnen etwas verdächtig vorkommt.

Sexuelle Übergriffe gestiegen

Seit einer Novellierung des Strafgesetzbuches im Jahr 2017 sind Täter Straftäter, die zuvor nur wegen Beleidigung dran waren: Busengrapscher etwa. Entsprechend sind die Fallzahlen in der Rubrik „Sexuelle Selbstbestimmung“ gestiegen, haben sich auch im Bereich Marktoberdorf laut Maucher aber „inzwischen eingependelt“. 29 derartige Fälle wurden 2021 registriert, 27 waren es in 2020 gewesen. „Problematisch“ sei in diesem Zusammenhang der Deliktsbereich „Verbreitung pornografischer Schriften“. Weil darunter auch sämtliche Fälle lägen, bei denen derartige Inhalte „oft unbedarft etwa über WhatsApp weiter geschickt“ werden, „müssten oft ganze Schulklassen bei der Staatsanwaltschaft angezeigt werden“.

Straftaten insgesamt rückläufig

Insgesamt ist die Zahl der Straftaten im Marktoberdorfer Schutzbereich leicht rückläufig: 897 Fälle aus 2020 stehen 880 im abgelaufenen Jahr gegenüber. Angestiegen sind hingegen die Zahlen von schweren und gefährlichen Körperverletzungen (von 16 auf 20) sowie die Rauschgiftdelikte, von denen 89 in 2021 gegenüber 77 im Jahr zuvor zu bearbeiten waren.

Überraschend selten werden in und um Marktoberdorf offenbar Fahrräder geklaut: Ganze 19 Fälle registrierte die PI im vergangenen Jahr gegenüber 24 im Jahr zuvor. Damit liegt die Häufigkeitszahl (diese beziffert die Fälle pro 100.000 Einwohner, vergleichbar mit der Corona-Inzidenz) bei nur 49. Zum Vergleich: In Radlhochburgen wie Leipzig und Münster liegt diese Zahl bei 1539 beziehungsweise bei 1416.

Fälschung von Urkunden und Impfausweisen

In den Fokus rückte vergangenes Jahr dagegen das Thema Urkunden, genauer: Deren Fälschung. 16 „normale“ Fälle verzeichnete die PI im vergangenen Jahr gegenüber 14 im Jahr zuvor – ganz neu kam aber die Fälschung von Impfausweisen dazu: Allein 18 Ostallgäuer nahmen sich den ehemaligen Bremer Fußballtrainer Markus Anfang zum negativen Vorbild und besorgten sich vornehmlich im Netz falsche Impfnachweise.

Hohe Aufklärungsquote

Die Aufklärungsquote aller Straftaten lag im Marktoberdorfer Schutzbereich bei 75,2 Prozent. Mit dieser Quote wurde der Durchschnitt in gesamt Schwaben (74,2 Prozent) ebenso übertroffen wie der in ganz Bayern: Der Freistaat verzeichnete eine Aufklärungsquote von „nur“ 69 Prozent. PI-Chef Maucher: „Wir können auf eine sehr gute Bilanz 2021 blicken. Der Schutzbereich Marktoberdorf gehört zu den sichersten Regionen in Bayern.“

Wer indes trotzdem ängstlich ist und sich um seine Sicherheit sorgt, sollte rasch nach Lengenwang umziehen: Dort gab es in 2021 ganze neun Straftaten, und die Aufklärungsquote betrug 100 Prozent.

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