Der "Krippenflüsterer"

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Willi Lang (rechts) freut sich sichtlich über die Krippen-Ausstellung zu seinen Ehren, während Georg Doležal behutsam die Orgel der „Krippentitsche“ in Gang setzt, um für ihn „Danke“, eins der acht auf der Walze befindlichen Lieder (einschließlich „Stille Nacht“) abzuspielen.

Neugablonz – „Frejde iebr Frejde, ihr Noppern kummt und hiert...“, zitierte Getrud Hofmann, 2. Vorsitzende vom Stiftungsrat des Isergebirgs-Museums, in ihrer Begrüßung das beliebte paurische Weihnachtslied, dem die am vergangenen Samstag eröffnete neue Sonderausstellung ihren Namen verdankt.

In dem Lied berichtet ein Hirte, was er in der Heiligen Nacht erlebte: „...wos mir dort uf dr Hejde fr Wundrding possiert!“ Genau dieses Wunder der Heiligen Nacht stellen die Weihnachtskrippen auf unterschiedlichste Art dar.

Und mehr noch, wie Dr. Martin Posselt, Vorsitzender des Stiftungsrats, mit einem abgewandelten – mal Friedrich Hebbel und mal Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach zugeschriebenen – Spruch ausführte: „Die Krippe (im Original-Zitat heißt es „Österreich“) ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält.“ Und so findet man in den typischen Papierfiguren-Krippen des Isergebirges das alltägliche Leben ihrer Schöpfer wieder: Menschen in der Tracht um 1800 mit Kniehosen, Strümpfen und Schnallenschuhen sowie breitkrempigen Hüten. Nur die Geburtsgruppe und die Könige sind stets orientalisch gekleidet.

Dank der Bastelfreude der Isergebirgler waren die handbemalten Flachfigurenkrippen oftmals durch ein kompliziertes Uhrwerk mechanisch beweglich. Sie hatten in vielen Kirchen bis 1782 ihren Platz und wurden mit Liedern und Texten aus Hirtenspielen vorgeführt. Während der Aufklärung bis 1809 waren die Krippen aus den Kirchen verbannt und das Krippenbrauchtum verlagerte sich in den privaten Bereich. Als besondere Attraktion im Isergebirge galt das „Krippendorf“ Christofsgrund im Bezirk Reichenberg, wo sich eine lebhafte und vielfältige Produktion von Papierkrippen in Heimarbeit befand und eine Reihe von Hauskrippen jährlich zur Weihnachtszeit zahlreiche Besucher anzogen.

Eine dieser beweglichen Krippen, die so genannte Müller-Krippe mit von Jakob Ginzel gemalten Figuren, kam 2014 ins Isergebirgs-Museum. Sie wird jetzt nach der kompletten Erfassung von rund 700 Figuren anlässlich des 90. Geburtstags von Willi Lang, dem „Krippenflüsterer“, wie ihn Dr. Posselt bezeichnete, in Teilen der Öffentlichkeit gezeigt.

Der gebürtig aus Radl stammende Lang kam nach Krieg, Lazarett und Vertreibung 1948 nach Kaufbeuren. Von Anfang an hat er als Glasschleifer und -drücker am Wiederaufbau der Gablonzer Glas- und Schmuckindustrie mitgearbeitet. Er hat sich außerdem als langjähriger, ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Gablonzer Archiv und Museum e.V. vor allem auf Krippengeschichte spezialisiert und sich hier ein umfangreiches, überregional anerkanntes Wissen erworben, wofür er 2015 mit dem Sudetendeutschen Brauchtumspreis geehrt wurde. 1988 gründete er die Arbeitsgemeinschaft Sudetendeutscher Krippenfreunde und fungierte bis 1994 als deren Vorsitzender.

Seine Nachfolgerin Anna Knechtel vom Adalbert-Stifter-Verein in München sowie Dr. Raimund Paleczek von der zentralen Archiv und Dokumentationsstelle des Sudetendeutschen Instituts ließen es sich nicht nehmen, der Eröffnung dieser Krippen-Ausstellung beizuwohnen.

Auch im Themenbereich „Gesellschaftliches Leben“ verdankt das Museum dem – so Dr. Posselt – „Sammelgenie Lang“ einzigartige Ausstellungsstücke, wie zum Beispiel den Siegerschlitten der ersten Europameisterschaft im Rodeln, die 1914 auf der Jeschken-Rodelbahn in Reichenberg stattfand. Ein weiteres Highlight, das von Willi Lang für das Museum ergattert wurde, ist jetzt in der neuen Ausstellung ebenfalls zu sehen: Die Orgel der Reichenberger „Krippeltitsche“ (Krippenfreunde). Mit der ausgestellten Orgel, bei der eine große Stiftwalze die 29 Holzpfeifen steuert, wurden Krippenvorführungen musikalisch begleitet. Eine Handkurbel treibt sowohl die Walze als auch den Blasebalg an. Die Orgel wird während der Ausstellung täglich um 16 Uhr gespielt. Schon allein das sollte ein Grund sein, dem Isergebirgs-Museum wieder einmal einen Besuch abzustatten.

Die Ausstellung im Isergebirgs-Museum Neugablonz ist bis 2. Februar 2017 geöffnet täglich außer Montag 14-17 Uhr, geschlossen am 24., 25. und 31. Dezember sowie 1. Januar 2017, geöffnet am 26. Dezember (zweiter Weihnachtsfeiertag).

von Ingrid Zasche

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