Ein Leuchtturm im momentanen Chaos

Das Kriseninterventionsteam hilft Menschen in Extremsituationen

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Das Team vom Kriseninterventionsdienst Ostallgäu hilft Menschen in emotionalen Ausnahmesituationen.

Landkreis – Ein Mann stirbt nach einem Herzinfarkt in seiner Wohnung. Eine Frau wird Opfer eines brutalen Überfalls. Ein Kind erleidet schwerste Verletzungen bei einem Autounfall. In solchen Situationen sind Rettungskräfte wie Polizei, Feuerwehr und Sanitäter gefragt. Doch Opfer, Angehörige und Betroffene brauchen manchmal mehr als medizinische Versorgung. Deshalb werden zu den Einsätzen auch häufig die Ehrenamtlichen des Kriseninterventionsdienstes Ostallgäu (KID), das zum BRK Krisenverband Ostallgäu gehört, gerufen. Sie hören zu, beantworten Fragen, schaffen Orientierung.

Elfriede Reckziegel und Barbara Geister sind beide seit über zehn Jahren ehrenamtlich beim KID tätig – inzwischen auch als Teamleitung. Das Team, das sind derzeit 16 Mitglieder. Dazu kommen neun Notfallseelsorger. Zusammen bilden sie die PSNV, die psychosoziale Notfallversorgung.

Zu rund 140 bis 170 Einsätzen werden die Ehrenamtlichen jedes Jahr gerufen, wie Barbara Geister erzählt. „In der Regel dauert ein Einsatz zwischen zwei und vier Stunden.“ Doch könne es natürlich auch vorkommen, dass es mal deutlich länger dauert.

Die Art der Einsätze ist recht unterschiedlich. Die Helfer beim KID werden von den Einsatzkräften vor Ort angefordert. Zum Beispiel bei schweren Unfällen, Vermisstensuchen, Tod im häuslichen Bereich oder auch Suizid – also immer dann, wenn sich Menschen in emotionalen Ausnahmezuständen befinden. Doch wie kann man jemandem in so einer Situation helfen? „Das ist sehr individuell“, erklärt Geister. Es komme auch darauf an, was geschehen ist, ergänzt Reckziegel. „Bei einem Tod im häuslichen Bereich wollen die anwesenden Angehörigen in der Regel erstmal viel erzählen.“ Die Menschen würden dann oftmals über Dinge aus der Vergangenheit des Verstorbenen sprechen. „Bei einem Unfall werden zunächst immer sehr viele Fragen gestellt“, sagt Reckziegel. Wie ist das geschehen? Warum? Was muss ich jetzt tun?

Aber ganz gleich, wie die Menschen zunächst reagieren, für die Helfer gilt es, ein „Leuchtturm im momentanen Chaos“ zu sein, wie Geister es nennt. Dazu gehöre es, „Emotionen und Reaktion zuzulassen und auch auszuhalten.“ Jeder reagiert anders. Manche weinen, andere müssten auch mal Dinge durch die Gegend schmeißen. Und es gebe Menschen, die erstmal gar nichts fühlen. „Wir vermitteln ihnen, dass alles sein darf“, erklärt Geister. Nur wenn es um Selbst- oder Fremdgefährdung gehe, müssten die Helfer einschreiten. „Das kommt aber ganz selten vor.“

„Manchmal fragen die Betroffenen auch nach Beruhigungstabletten“, berichtet Reckziegel. Doch das sei keine Lösung. „Das Ereignis geht davon ja nicht weg.“ Nach ein paar Stunden, wenn die Tabletten aufhören zu wirken, sei alles wieder da. „Man muss es durchleben.“

Deshalb sei das Ziel auch letztlich die Stabilisierung. „Da muss jeder selbst wissen, was für ihn hilfreich ist. Das ist ganz unterschiedlich.“ Manch einer muss sich bewegen, der andere raucht, und ein Dritter will jemand Nahestehenden anrufen.

„Vor allem das Gefühl der Hilflosigkeit ist für die Menschen ganz schlimm“, weiß Geister. Etwas zu tun, und sei es eben nur eine Zigarette zu rauchen, würde da oft schon helfen. Die Betroffenen wieder „handlungsfähig“ machen und ihnen das Gefühl von „Selbstwirksamkeit“ zurückgeben, sei in der Situation das Wichtigste.

Die Stille aushalten

Doch auch das gemeinsame Schweigen gehört dazu. „Es gehen einem 100.000 Gedanken durch den Kopf. Da möchten manche einfach nur dasitzen und nichts sagen“, weiß Reckziegel. „Das ist ganz schwierig und man fühlt sich dabei auch ein bisschen unwohl. Aber das muss man aushalten.“

Bei Unfällen, so Reckziegel, sei auch oft das Bedürfnis da, den Verstorbenen nochmal zu sehen. „Dann klären wir, wo derjenige hingebracht wurde und begleiten die Angehörigen dann dorthin.“ Manchmal komme es vor, dass die Abschiednahme nicht am selben Tag möglich ist. „Dann begleiten wir die Angehörigen auch eine Woche später noch.“ Das ist aber die Ausnahme. Denn normalerweise ist der Einsatz für die Ehrenamtlichen nach der „Erstversorgung“ beendet. „Für eine Trauerbegleitung sind wir nicht ausgebildet. Und auch die Zeit reicht uns dafür nicht“, erklärt Geister. Doch die Helfer haben einen ganzen Katalog mit Anlaufstellen und Kontakten, die sie den Betroffenen nennen können.

Nach einem Einsatz nichts mehr von den Menschen, für die sie da waren, zu erfahren, sei nicht immer ganz einfach, gibt Reckziegel zu. „Manches kann man gut abhaken. Aber gerade wenn Kinder zum Beispiel in eine Klinik gebracht wurden, interessiert es einen schon, wie es ihnen geht.“

Kinder. Das stellt man sich als eine der größten Herausforderung vor. Wie hilft man einem Zehnjährigen mit dem Verlust eines Elternteils zurecht zukommen? Oder wie erklärt man einem dreijährigen Unfallzeugen, was er da gerade erlebt hat? „Kinder sind eine Herausforderung“, sagt Reckziegel. „Aber auch bereichernd“, ergänzt Geister.

Grundsätzlich würden Kinder ganz anders reagieren. Bei der Überbringung von Todesnachrichten zum Beispiel seien sie erstmal natürlich traurig. „Doch nach einer halben Stunde kann es sein, dass sie gerne fernsehen wollen“, sagt Reckziegel. Für manchen Eltern sei das schwer nachzuvollziehen. „Aber Kinder wollen einfach wieder in die Normalität zurück, sonst könnten sie das gar nicht aushalten“, begründet Geister das Verhalten. „Kinder wissen in der Regel sehr genau, was sie brauchen und holen es sich auch.“ Wobei es auch stark vom Alter der Kinder abhänge.

Da die Helfer des KID in der Regel zu zweit bei so einem Einsatz sind, teile man sich auf, erläutert Reckziegel. Einer kümmere sich um die Eltern, der andere um das Kind. „Und dann macht man mit dem Kind das, was es gerne machen möchte.“ Fußball spielen, malen, ein Buch lesen. „Ich habe auch schon mal mit einem Kind einen Kuchen gebacken, weil es das war, was es in dieser Situation tun wollte“, erinnert sich Geister.

An sich selbst denken

Doch was ist eigentlich mit den Ehrenamtlichen selbst? Wie verarbeiten sie die Erlebnisse? „Da hat jeder seine eigenen Methoden“, sagt Reckziegel. Radeln, Sport machen oder „die Kleidung ausziehen“. „Das klingt jetzt ein bisschen komisch, aber wenn man seine Rot-Kreuz-Uniform auszieht, lässt man etwas zurück und geht wieder in sein eigenes Leben.“

Und dann gebe es natürlich auch die Möglichkeit sich mit den Kollegen über Einsätze zu unterhalten. Zusätzlich könnten die Ehrenamtlichen das Erlebte bei regelmäßigen Supervisionen besprechen und aufarbeiten.

Doch bei aller Unterstützung, die den Helfern nach einem Einsatz angeboten werden, sei eine Grundvoraussetzung für den Dienst, selbst stabil zu sein. „Ansonsten kann man niemand anderem helfen“, äußert Geister. Dafür sei natürlich auch die Familie ganz wichtig. „Die müssen dahinter stehen.“

Das Team hält zusammen

Nicht zuletzt sind es die anderen Ehrenamtlichen, die eine große Unterstützung sind. „Man muss das gemeinsam stemmen und sich aufeinander verlassen können.“ Die Teamfähigkeit wird besonders bei Großereignissen deutlich. So wie bei der schweren Hausexplosion in Rettenbach im Mai dieses Jahres. Ein Ereignis, das Reckziegel und Geister immer noch sehr nah geht. Sie und viele ihrer Kollegen waren rund eine Woche im Einsatz. Der Rest des Teams habe ihnen in dieser Zeit den Rücken freigehalten und die zahlreichen Fälle außerhalb Rettenbachs übernommen. Reckziegel und Geister sind dankbar für den Zusammenhalt im Team. Und freuen sich natürlich über jeden Neuzugang. „Niemand braucht Angst haben, sich bei uns zu melden“, ermuntert Geister. Es sei auch zunächst ganz unverbindlich. Bei Einzelgesprächen würde den Interessenten ganz genau erklärt, was auf sie zukomme. „Man versucht gemeinsam herauszufinden ‚Passt das zu mir?‘.“

Eines der wichtigsten Dinge, die ein Ehrenamtlicher mitbringen muss, ist Zeit. Allein schon für die Grundausbildung und etwaige Fortbildungen. Natürlich gibt es auch so einige persönliche und soziale Voraussetzungen, um dieses Ehrenamt übernehmen zu können. So wie etwa ein stabiles Lebensumfeld und physische und psychische Belastbarkeit.

Wer Interesse an einem unverbindlichen Einzelgespräch hat, findet weitere Informationen und die Kontaktdaten auf der Webseite.

von Stephanie Novy

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