Kultur in der Corona-Krise

Wie gehen Kaufbeurens Kulturschaffende mit der Corona-Situation um?

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Stadtsaal (von links oben), Kunsthaus kKufbeuren, Gablonzer Haus und Isergebirgs-Museum, Stadttheater, Erlebnisausstellung im Haus der Gablonzer Industrie, Kulturwerkstatt, Tänzelfestknabenkapelle, Stadtmuseum, Stadtkapelle.

Kaufbeuren – Kultur wird nicht zu den überlebensnotwendigen Aktivitäten gerechnet. Daher sind Konzerte, Lesungen, Theatervorstellungen, Kleinkunst, Ausstellungen, Jubiläumsveranstaltungen, Festivals bis auf Weiteres nicht erlaubt, vor allem weil es bei kulturellen Veranstaltungen jeglicher Art natürlich unmöglich ist, die zur Eindämmung der Corona-Ansteckungsgefahr erforderlichen Mindestabstände einzuhalten.

Stadtmuseum, Isergebirgs-Museum, Kunsthaus sowie die übrigen Kaufbeurer Museen und Ausstellungen sind aus diesem Grund geschlossen. Stadt- und Tänzelfestknabenkapelle haben ihre Frühjahrskonzerte ebenso abgesagt wie die Musikvereinigung Neugablonz (MVN). Besonders für die MVN sind die ausgefallenen Einnahmen vom Frühlingskonzert ein schwerer Rückschlag für das bis 30. April terminierte Crowdfunding-Projekt zur Finanzierung der zweisprachigen Dokumentation von „30 Jahre Freundschaft mit Mlada Dechovka“. Der Sudetendeutsche Tag an Pfingsten, zu welchem die Kaufbeurer Kultur- und Bayerischen Mundartpreisträger „Mauke – Die Band“ eingeladen gewesen wären, ist auf den Herbst verschoben. Veranstalter wie der Kulturring oder der Ortsbildungsausschuss Neugablonz haben ebenfalls vorläufig alle Aufführungen und Konzerte eingestellt und die dafür bereits vor bis zu einem Jahr engagierten Gruppen und Einzelkünstler auf „später“ vertröstet. Später, wenn die Corona-Krise überstanden ist und wieder Normalität einzukehren beginnt. Bis jetzt ist dieser Zeitpunkt jedoch nicht abzusehen. Vielmehr werden täglich neue Absagen oder Verschiebungen veröffentlicht.

Theater- und Musikproben nicht möglich

Es geht dabei jedoch nicht nur um die bei Veranstaltungen vom Publikum nicht einhaltbaren Abstände. Momentan können Musikkapellen, Bands und Theatergruppen noch nicht einmal Proben abhalten, um nach der Rückkehr in die Normalität für Auftritte parat zu ein. Vorstandssitzungen erfolgen über Telefonkonferenz per „Zoom“ oder „Skype“. „Aber selbst wenn irgendwann Proben von einzelnen Registern (Instrumentengruppen) eventuell mit Mundschutz sogar wieder erlaubt sein sollten – wie können denn Bläser mit Mundschutz proben? Das geht höchstens bei Trommlern und Streichern“, gibt Dirigent Wolfgang „Waggi“ Wagner von der Tänzelfestknabenkapelle zu bedenken. Aber man werde auf jeden Fall bereit sein, wenn Auftritte wieder erlaubt sind – „auch wenn’s dann vielleicht a bissl schief klingt.“ Ohne Gelegenheit zum Proben stehen jedoch zum Teil auch die für später im Jahr geplanten Veranstaltungen wie Jubiläen, Festivals und Inszenierungen in Frage, für die bereits erhebliche Investitionen getätigt wurden. Theater im Turm zum Beispiel wollte im Herbst mit der besonders vorbereitungsintensiven Operette „Zum weißen Rössl“ herauskommen. Nun sind wegen Corona Schauspieler und Musiker zu Hause auf sich gestellt, um Texte und Musikstücke wenigstens allein zu üben, ohne jedoch ein Gespür fürs Zusammenspiel zu bekommen.

Unterstützung vom Freistaat zur Existenzsicherung

Als zusätzliche finanzielle Belastung zu den fehlenden Einnahmen aus jetzt ausgefallenen Veranstaltungen bleiben bei Vereinen die laufenden Kosten wie Proberaummieten oder gedruckte Jahresprogramme bestehen. Künstler, die von Engagements ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen, sehen sich sogar in ihrer Existenz bedroht. Immerhin erhalten aber auch Kunst- und Kulturschaffende in Bayern Unterstützung vom Freistaat zur Existenzsicherung während der Corona-Pandemie.

Kameradschaft fehlt

Zwar sind Kulturveranstalter, freiberufliche Künstlerinnen und Künstler sowie Kulturvermittler nicht unbedingt arbeitslos – es ist unfassbar, wie viel Kreativität und Spielfreude in Online-Projekte wie zum Beispiel die „Wohnzimmer-Konzerte“ und Lesungen der Kaufbeurer Coronale (wir berichteten) gesteckt werden. Aber diese Aktivitäten sind unbezahlt und dienen eher der eigenen Beschäftigung sowie der Unterhaltung und dem „Bei-der-Stange-Halten“ des durch die Ausgangsbeschränkungen ans Haus gefesselten Publikums. Ein weiterer Grund für die Online-Anstrengungen vor allem der jugendlichen Gruppierungen wie Kulturwerkstatt oder TKK ist eine Aufrechterhaltung der Kameradschaft und des Gruppengefühls. Die Kulturwerkstatt stellt daher als „KW-Challenges“ regelmäßig Aufgaben ins Netz wie das Zeichnen und Schreiben von Briefen, um den besonders isolierten Bewohnern von Seniorenheimen eine Freude zu machen, oder das Schaffen eines Gemeinschaftskunstwerks oder das Erstellen von „Mutmach-Clips“. Irgendwie geht es bei allen weiter.

Übersicht über die Aktivitäten von Kaufbeurer Kulturschaffenden während der Corona-Krise:

(ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Musik:

• Stadtkapelle: Nach Neuwahlen und Konsolidierung durch Corona ausgebremst, wie bei allen Kapellen derzeit keine Proben möglich. Der neue Dirigent Robert Gleichsner sichtet inzwischen Noten für Herbst- und Weihnachtskonzert. Frühjahrskonzert ausgefallen. Eröffnung der neuen Feuerwehrwache in Kaufbeuren auf 26. September verschoben. Traditionelle Schubert-Messe in St. Martin mit Muttertagskonzert am Kirchplatz am 10. Mai noch mit Fragezeichen.

• Tänzelfestknabenkapelle: Frühjahrskonzert 21. März ausgefallen. Muttertagskonzert am 10. Mai im Heinzelmannstift noch nicht abgesagt, jedoch keine Teilnahme an den Wertungsspielen beim Bezirksmusikfest in Eggenthal möglich, da alle Großveranstaltungen bis 31. August verboten sind.

• Musikvereinigung Neugablonz: Frühlingskonzert 26. März abgesagt, wird evtl. im Juli als Freiluft-Sommerkonzert nachgeholt; Mitgliederversammlung mit Vorstandsneuwahlen von 8. Mai auf Juli verschoben, keine Muttertagsständchen. Das ausgefallene Frühlingskonzert ist ein schwerer Rückschlag beim bis 30. April terminierten Crowdfunding-Projekt zur Finanzierung der zweisprachigen Dokumentation von „30 Jahre Freundschaft mit Mlada Dechovka“)

• mauke - DIE BAND wurde vom ausgefallenen Sudetendeutschen Tag an Pfingsten wieder ausgeladen. Paurisches Mundartgedicht über Corona von O. Michael Siegmund auf Facebook.

Museen und Ausstellungen:

• Stadtmuseum: Aktuelle Ausstellung „Kaufbeuren unterm Hakenkreuz. Eine Stadt geht auf Spurensuche“ geschlossen; seit Anfang April neues Online-Angebot: Unter der Rubrik „Kreativ zuhause“ werden auf der Homepage und in den sozialen Medien regelmäßig Materialien zur Verfügung gestellt, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise zu künstlerisch-kreativem Tun einladen. „Wunschkonzert“: Mitwirkung der Bürger an der nächsten Sonderausstellung „Lieblingsstücke aus dem Depot“.

• Isergebirgs-Museum: Aktuelle Ausstellung „Kann Spuren von Heimat enthalten“ geschlossen. Ende Die von Mai bis Ende September geplante Ausstellung „Von der Skizze zum Bild“ von Helmut Toischer wurde abgesagt; jedoch wie vorgesehen Fortsetzung der Arbeiten zur Fertigstellung der Außenfassade)

• kunsthaus kaufbeuren Aktuelle Ausstellung „STRIKE A POSE“ - Kunstfotografie zwischen den 1890er und 1920er Jahren; Mitte Februar bis Anfang Juni 2020: geschlossen. Die Kataloge zur Ausstellung können per Post bezogen werden.

• Erlebnisausstellung der Gablonzer Industrie: Aktuelle Sonderschau LUST DER TÄUSCHUNG aus dem Wettbewerb 2019 der Danner Stiftung von Ende März bis Anfang Oktober - Geschlossen

Theater und Kino:

• Theater im Turm arbeitet an einer Inszenierung des Singspiels „Zum weißen Rössl“. Seit Mitte März wegen Corona keine Nutzung des Pfarrsaals möglich, Proben untersagt. Man hofft jedoch, trotz der fehlenden Probenzeiten die vorgesehenen Premieren- und Aufführungstermine noch halten zu können (Premiere 18. September 2020)

• Kulturwerkstatt: Keine Aufführungen. Als Kontaktpflege zu den Mitgliedern wechselnde Aufgaben „KW-Challenge“ übers Internet:

Brief-Challenge

Gemeinschaftskunstwerk-Challenge

Filme mit kompletten Aufführungen der KW, 14-tägig wechselnd

Glücksstein-Challenge

Mutmach-Clips-Challenge

Stadträtsel-Challenge

Verkleiden-Challenge

• Corona-Kino: Aufruf zum Gutschein-Kauf

• Kulturring / Ortsbildungsausschuss Neugablonz: Alle Veranstaltungen dieser Saison entfallen. Bereits gekaufte Karten können über die jeweiligen Vorverkaufsstellen erstattet werden (eventuell auch in Form eines Gutscheins für eine der nächsten Veranstaltungen). Abonnenten wird der Wert der entfallenen Eintrittskarten auf die nächsten Karten / das nächste Abonnement angerechnet. Es gibt auch die Möglichkeit, den Kartenwert zu spenden.

Jubiläen / Festivals:

• Das für den 16. Mai geplante Kaufbeurer Lernfest wurde auf den 8. Mai 2021 verschoben.

• Das 5. Allgäuer Literaturfestival, geplant vom 6. bis 24. Mai, war fertig organisiert, man hätte loslegen können. Die Entscheidung fiel am 19. April: Das Literaturfestival findet in der üblichen Form im Mai nicht statt. Es wird derzeit geprüft, welche Veranstaltungen in den Herbst verschoben werden können.

• Aus dem Jahresprogramm zu „100 Jahre Musikschule Kaufbeuren“

- ABGESAGT! 16. Mai, 19.30 Uhr Stadtsaal: Landes-Jugendjazzorchester Bayern

Faszinierender Bigband-Sound (Mischung zwischen Swingklassikern und Modern Jazz, Latin-Jazz, Jazz-Rock bis hin zum HipHop) mit einem der besten Jugend-Jazzorchester Europas unter der Leitung von Harald Rüschenbaum.

- ABGESAGT! 17. Mai, 10 bis 16 Uhr Spitalhof: BIG BIGBAND - BATTLE, Jugend-Bigbands aus Schwaben und München spielen im Wechsel und miteinander Jazz von der Swingära bis heute. Angekündigt sind: "PicPänth" Kaufbeuren, "Fat Cats Combo" Gundremmingen, "Tuesday Night Orchestra" Kempten, "Jazz-Kur" Bad Wörishofen, Jugendbigband Gersthofen, "Tuesday Night Bigband" München.

- (Noch) nicht abgesagt: Freitag, 22. Mai, 16 Uhr Stadtsaal: „Ein Kontrabass auf Reisen“

- Die Bayerische Kammerphilharmonie (bkp) sollte mit Streicherklassen der Sophie-La-Roche-Realschule, der Musikschule, der Adalbert-Stifter-Grundschule und des Maristenkollegs Mindelheim spielen. Da jedoch die Schüler bis jetzt nicht zusammen mit den Profimusikern proben konnten, ist derzeit angedacht, dass die bkp das Konzert allein spielt.

Zu späteren Jubiläumsveranstaltungen liegen noch keine Änderungsinformationen vor.

• ABGESAGT! Erstes Kulturwerkstatt-Festival: geplant vom 1. bis 10. Mai: 24 Aufführungen in zehn Tagen, „Die Physiker“ (Klassiker) „Auerhaus“ (Jugendstück), Ente, Tod und Tulpe (Kinderstück), „Ok Boomer!“ (Performance). Es muss nun zeitintensiv umgeplant werden. Die KW hofft jedoch, dass es im Herbst klappen kann.

• Filmzeit Kaufbeuren erweitert: Anders als bei anderen Festivals gehen die Vorbereitungen für die im September terminierte „filmzeit Kaufbeuren“ weiter, wenn auch auf das Nötigste beschränkt. Aber nicht nur das, es ist sogar eine Erweiterung auf Kempten in Vorbereitung, wo die „filmzeit international“ stattfinden soll. Lesen Sie den gesonderten Bericht in der nächsten Ausgabe.

von Ingrid Zasche

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