Zu Tode gekuschelt

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Curly (Alex Hefele, am Boden), der Sohn vom Chef, hat Lennie (Moritz Lill) so lange provoziert, bis dieser ihm die Hand gebrochen hat.

Kaufbeuren – In den 1930er Jahren wanderten Hunderttausende Erntehelfer auf der Suche nach Arbeit in Kalifornien von Hof zu Hof. Auch der gewandte und kluge George und der großgewachsene und bärenstarke, aber geistig zurückgebliebene Lennie, die Protagonisten der neuesten Kulturwerkstatt-Aufführung, zählen zu diesen Wanderarbeitern. Kürzlich hatte John Steinbecks Südstaatendrama „Von Mäusen und Menschen“ unter der Regie von Simone Dopfer, Thomas Garmatsch und Paula Rieger in der Schauburg Premiere.

Zwar ist George – dargestellt von Jannis Konrad – des Öfteren genervt von der kindlichen Naivität Lennies („nicht das hellste Licht am Christbaum“), der völlig weltfremd alles streicheln will, was schön und weich ist und dabei seine Kraft nicht einschätzen kann, so dass seine Zärtlichkeiten nicht selten mit dem Tod der Kuscheltiere enden. Aber dennoch kümmert sich George kameradschaftlich-ruppig um seinen Freund, besorgt ihm Arbeit und beruhigt geduldig seine Panikattacken, die aufgeregte Angst, etwas falsch gemacht zu haben. 

Dann erzählt er ihm immer die gleiche „Geschichte“: die Geschichte von der Farm, die sie eines Tages gemeinsam haben werden, ein eigenes Stück Land mit einem Haus und ein paar Tieren. Lennie, beklemmend großartig verkörpert von Moritz Lill, lässt sich wieder und wieder bestätigen, dass sie auch unbedingt Kaninchen haben werden: „…und ich darf die versorgen, ja? Ich darf die versorgen?“. 

An ihrer neuen Arbeitsstelle treffen sie auf Candy (Klaus Dopfer), der die beiden von Anfang an vor Curly, dem Sohn des Hofbesitzers, warnt. Curly (Alex Hefele) provoziert am liebsten Streit mit stärkeren Männern, um zu beweisen, was für ein toller Kerl er ist. Als er das auch mit Lennie versucht, bricht dieser ihm die Hand und macht ihn sich noch mehr zum Feind. 

Curly ist außerdem frisch verheiratet, und – nicht völlig grundlos – auf alle Männer eifersüchtig. Seine junge Frau (Hannah Rieger) ist die einzige Frau auf der Farm und hätte eigentlich zum Film gewollt. Ihre Rolle besteht hauptsächlich aus aufreizendem Herumschlendern, nur an einer Stelle überrascht Rieger mit einer hervorragenden Singstimme. Sie treibt sich aus Langeweile und Frust in der Männerbaracke herum, räkelt sich lasziv auf Lennies Streichelmäusen und beschwört so langsam die Tragödie herauf. Candy erfährt von der kleinen Farm, von der ­George und Lennie träumen, und bietet an, mit einzusteigen und seine Ersparnisse zu investieren. Da George und Lennie damit ihrem Traum ein großes Stück näher kommen, akzeptieren sie. 

Wenig später trifft Curlys Frau Lennie allein in der Männerbaracke. Sie erzählt ihm, dass sie selbst gerne ihr weiches Haar streichle und Lennie kann nicht mehr widerstehen. Es endet damit, dass Curlys Frau tot daliegt, weil Lennies Zärtlichkeiten wiedermal zu stürmisch waren. Lennie flieht zum Fluss, wo George ihn noch vor den wütenden Erntearbeitern findet. Um ihn vor deren Lynchjustiz zu bewahren, erzählt George Lennie ein letztes Mal die Geschichte vom eigenen Stück Land mit Haus und Tieren „UND Kaninchen!“ und erschießt ihn dann. 

Das Thema geht unter die Haut und hinterlässt Betroffenheit. In atemloser Stille verfolgte das Premierenpublikum die meisterhafte Studie eines gutmütigen, aber ungeschickten Menschen, der sich nichts vom Leben wünscht als etwas zum Liebhaben – und dem dies immer wieder tragisch misslingt. 

John Steinbeck hatte seinen 1937 erschienenen Roman „Von Mäusen und Menschen“ auch gleich als Schauspiel und Drehbuch konzipiert und die Kulturwerkstatt hat das Südstaatendrama gelungen umgesetzt. Für Südstaatenflair sorgt auf einfache aber effektive Weise das permanente Hintergrundgeräusch von zirpenden Grillen. Wie immer sind Bühnenbild und Kostüme minimalistisch schlicht und dennoch stimmig und trugen dazu bei, das Stück unbedingt sehenswert zu machen. Regie führen Simone Dopfer, Thomas Garmatsch und Paula Rieger Das Premierenpublikum belohnte die Aufführung mit anhaltendem Beifall.

von Ingrid Zasche


Weitere Vorstellungen:

Donnerstag, 21.; Samstag, 23.; Sonntag, 24.; Freitag, 29. und Samstag, 30. April, 19.30 Uhr 

Tickets sind online über www.reservix.de oder an der Abendkasse der Kulturwerkstatt erhältlich


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