Kulturwerkstatt-Premiere mit Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wienerwald"

"Schöne" Geschichten

+
Du meine Güte – Mariannes „Kind der Schande“ ist bei Alfreds Mutter („was kann ICH dafür, dass es sich erkältet hat?“) gestorben. Es soll ein betendes Englein als Grabstein kriegen...

Kaufbeuren – Die Kulturwerkstatt hat sich noch nie gescheut, auch schwierigere Stücke in Angriff zu nehmen, und so beginnt sie ihre neue – die dreißigste - Spielzeit mit Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wienerwald“.

Vergangenen Samstag war Premiere. Nach einer Vorlage des Volkstheater-Intendanten Christian Stückl haben Simone Dopfer, Thomas Garmatsch und Hannah Rieger den Klassiker flott, skurril, witzig, aber auch abgründig inszeniert.

Horváths Stück wurde Ende der 1920er Jahre in der Zeit katastrophaler Arbeitslosigkeit und der Weltwirtschaftskrise geschrieben, 1931 in Berlin uraufgeführt und bis heute mehrfach verfilmt. Es ist das bekannteste Theaterstück des österreichisch-ungarischen Schriftstellers und noch vor der Uraufführung erhielt Horváth dafür den Kleist-Preis.

Horváth demaskiert in dem Stück das Klischee von der „Wiener Gemütlichkeit“ und stellt auf grausame Weise deren Verlogenheit zur Schau. Gleichzeitig kündigt sich in der Figur des Jurastudenten Erich (verklemmt-zackig gespielt von Aaron Burkhardt) das Deutschland Adolf Hitlers ebenso grotesk wie energisch an. Ihm gegenüber steht der Rittmeister (Kevin Scharl) als Stellvertreter des alten Österreich-Ungarn. Erich Kästner nannte Horváths Werk „ein Wiener Volksstück gegen das Wiener Volksstück“:

Das „süße Wiener Mädel“ Marianne (Marina Schwarz), die hübsche Tochter des Scherzartikelhändlers „Zauberkönig“ (Kilian Herbschleb), ist schon seit Kindertagen dem Fleischhauer Oskar (Moritz Lill, hübsch bieder, etwas simpel gestrickt und ewig fröhlich) versprochen, da dieser als ehrbarer, wohlhabender Mann gilt. Marianne verliebt sich jedoch in Alfred (Jannis Konrad, absolut glaubwürdig als egoistischer, aber charmanter Blender), der sich durch Frauen und Pferdewetten über Wasser hält. Für Marianne verlässt Alfred die gut situierte Trafikantin Valerie (attraktiv und verführerisch Nina Stadler), die zum Trost mit dem Jurastudenten Erich ein Bratkartoffelverhältnis anfängt. Marianne wird von ihrem Vater verstoßen. Sie und Alfred ziehen zusammen und bekommen ein Kind.

Schon ein Jahr später ist es in ihrer schäbigen Wohnung aus mit der großen Liebe. Streit ums Geld ist an der Tagesordnung. Alfred beschwert sich, dass er die Rennbahn aufgeben und stattdessen Vertreter von „Hormocenta for Men“ werden musste. Er bringt das Kind zu seiner Mutter (Jana Gautier, ständig um Geld keifend) in die Wachau. Sein Freund Havlitschek (Emanuel Karg, nett schmierig) vermittelt Marianne an eine „Baronin mit Verbindungen“, die „Ballette für elegante Etablissements“ arrangiert. So landet Marianne als Erotiktänzerin im „Maxim“. Als schließlich der kleine Leopold, das unerwünschte „Kind der Schande“, in der Wachau stirbt, erklärt sich Oskar „großzügig“ bereit, Marianne zurückzunehmen.

Trotz des eher trostlosen Stoffes rund um Liebe, Leidenschaft und Absturz brachten die erfahrenen jugendlichen und erwachsenen Schauspielern aus der Oberstufe, das Premierenpublikum immer wieder augenzwinkernd zum Lachen. Allerdings blieb einem dieses Lachen auch manchmal im Halse stecken, wenn Oskar zum Beispiel großspurig verkündet „Lieben bereitet mehr Glück als geliebt zu werden – vielleicht stirbt das Kind ja noch...“ oder seinen Freund bittet „stich du die Sau ab – ich hab heut keine Freude dran.“

Eine heruntergekommene „Prateratmosphäre“ als Bühnenbild mit zwei dekorativen, fußbetriebenen Boxauto-Wägen gibt den perfekten Rahmen ab für diese bitterbösen „Geschichten aus dem Wienerwald“, mit denen der Kulturwerkstatt wieder einmal eine äußerst sehenswerte Inszenierung gelungen ist.

Information:

„Geschichten aus dem Wienerwald“ von Ödön von Horváth

Regie: Simone Dopfer, Thomas Garmatsch, Hannah Rieger

Theater Schauburg, Ganghoferstr. 6

Veranstalter: Kulturwerkstatt; Telefon 08341/81848

Weitere Vorstellungen:

Fr.22., Sa.23., So.24., Do.28., Fr.29., Sa.30.9.2017, jeweils 19.30 Uhr; Eintritt: 8,00 EUR bis 14,50 EUR

Tickets an den bekannten Vorverkaufsstellen oder online über www.kulturwerkstatt.eu oder an der Abendkasse der Kulturwerkstatt.

 Von Ingrid Zasche

Auch interessant

Meistgelesen

Dank an Ehrenamtliche
Dank an Ehrenamtliche
Sprühender Sportsgeist
Sprühender Sportsgeist
Beschluss ist ein "Bekenntnis zum Bad"
Beschluss ist ein "Bekenntnis zum Bad"
Eiskunst und Winterzauber
Eiskunst und Winterzauber

Kommentare