Leo läßt nicht locker

Marcel Reich-Ranicki betitelte kürzlich bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises Fernsehen als „blödsinnig“ und verweigerte die Annahme seines Preises. Zurecht. Was man ihm und uns als Zuschauer zumutet, kann man gar nicht anders bezeichnen und hat mit Fernsehkultur nichts mehr zu tun. „Dumpfbacken“ wie Atze Schröder oder Dieter Bohlen tragen beim Fernsehen nicht gerade dazu bei, Unterhaltung mit Kultur anzureichern. Einem, der genau das Gegenteil macht, wird nächste Woche von der Stadt Kaufbeuren der Kunst- und Kulturpreis verliehen. Ginge es im Fernsehen um seine Filme, Marcel Reich-Ranicki hätte seinen Preis stolz mit nach Hause nehmen können. Die Rede ist von Leo Hiemer.

Leo Hiemer, der Allgäuer Filmemacher, produziert alles andere, als seelenloses Mainstreamfernsehen. Seine Filme sind zum Kult avanciert und wurden international ausgezeichnet (siehe Bericht rechts). Seinen letzten Film „Komm, wir träumen!“ finanzierte er unabhängig ohne Unterstützung durch das Fernsehen. Am Mittwoch, 29. Oktober, wird ihm der Kaufbeurer Kunst- und Kulturpreis im Corona Kinoplex Kaufbeuren verliehen. Laudator ist niemand geringerer als Bundesminister a.D. und Ex-CSU-Parteivorsitzender Dr. Theo Waigel. Der KREISBOTE traf Leo Hiemer noch vor der Verleihung zum Exklusiv-Interview: Wie haben Sie reagiert, als Sie erfuhren, dass Sie der diesjährige Preisträger sind? Leo Hiemer: „Überrascht und erfreut natürlich. Ich hatte überhaupt nicht mit dieser Auszeichnung gerechnet.“ Ihr neuestes Projekt, die Verfilmung der Allgäu-Trilogie über den "Alpkönig" Carl Hirnbein von Peter Dörfler wurde kürzlich vom BR abgelehnt. Warum und wie geht es damit weiter? Leo Hiemer: „Mein Konzept kam bei der Redaktion nicht so gut an, warum wurde mir nicht eröffnet. Der an sich nicht uninteressante Stoff sei "zu regionalspezifisch" und die Umsetzung eines historischen Mehrteilers für den BR schlicht zu teuer. Ich werde mein Konzept natürlich weiter entwickeln und das Projekt im Allgäu populär machen. Ich wurde bereits zu mehreren Lesungen eingeladen, viele Leute wollen mich unterstützen und das wollen sie dokumentieren. So entstand die Idee einer Unterschriftensammlung für das Projekt "HIRNBEIN - Die Allgäu-Trilogie". Wenn das Allgäu den Film will, wird es ihn auch geben. Ohne Fernsehen wird's freilich schwierig. Die Unterschriftensammlung wird auf jeden Fall bei der Kunst- und Kulturpreisverleihung fortgesetzt.“ (Anmerkung der Redaktion: Unterschriftenlisten gibt es auch beim KREISBOTE Kaufbeuren auf Nachfrage!) Theo Waigel hat sich für Ihr Filmprojekt ja sehr eingesetzt, nun hält er bei der Preisverleihung die Laudatio. Ist er ein Fan Ihrer Filme? Leo Hiemer: „Ich fühle mich sehr geehrt, dass Dr. Waigel an diesem Abend sprechen wird. Das würde er nicht tun, wenn er von meinen Filmen nicht "außerordentlich angetan" wäre, wie er mir geschrieben hat. Obendrein ist er seit langem ein Verehrer der Allgäu-Trilogie des in Untergermaringen geborenen Dichters und Priesters Peter Dörfler. Und er sieht ganz klar das Potenzial der Geschichte: ein wahnsinniger Stoff, ohne Heimatkitsch und ganz und gar nicht provinziell - da irrt sich der Fernsehdirektor des BR ganz gewaltig - sondern gerade heute in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche weltweit hochaktuell.“ Sie erhalten ausserdem am 30. Oktober den Kulturpreis Bayern der E.ON Bayern AG und des Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Passau, der mit 10000 Euro dotiert ist. Geld, das Sie in Ihr nächstes Projekt stecken? Leo Hiemer: „Ich habe immer einen langen Atem für meine Projekte gebraucht. Und ich habe da noch so einige, bei denen es nicht so vorangeht, wie ich mir das wünsche, z.B. die Geschichte von Ernst Lossa, über den Robert Domes den wunderbaren Roman "Nebel im August" geschrieben hat. Ich habe mit Robert zusammen ein Drehbuch zum Thema Euthanasie im Dritten Reich verfasst, aber auf Anhieb keine Produktion auf die Beine stellen können. Dennoch habe ich auch dieses Projekt noch keineswegs abgeschrieben. Die Preisgelder werden den langen Atem sicher verlängern helfen.“ Was war ihr letztes Filmprojekt in neuester Zeit? Leo Hiemer: „Im Auftrag von Füssen Tourismus Marketing entstand jüngst ein Werbefilm, allerdings bewusst mit meiner Handschrift: FÜSSEN - DIE ROMANTISCHE SEELE BAYERNS. Der Film wird am Sonntag, den 26. Oktober, um 10.30 Uhr bei einer Matineé im Alpenfilmtheater Füssen erstmals gezeigt. Danach kann der Film unter www.fuessen.de weltweit abgerufen werden.“ Ihr Kultfilm „Daheim sterben die Leut'“ und ihr legendärer Bauernkriegsfilm „Lond it luck“ laufen in einer Retrospektive am 31.10 und 1.11. bei den Biberacher Filmfestspielen. Wie können Sie sich den ungebrochenen Charme dieser Filme erklären? Leo Hiemer: „Die Filme sind offenbar in ihrer Art einzigartig, unverwechselbar, eben allgäuerisch, ragen auch nach Jahren noch aus dem beinahe unübersehbaren Angebot heraus. In diesen Filmen wird das Allgäu mit seinen Menschen erfahrbar, ohne dass es vermarktet, verkauft, verramscht wird. Diese Filme geben der Region ihre Würde zurück. Insoweit tragen sie zur Identitätsfindung der Region bei. Abgesehen davon sind es wohl gute Filme: Filme, die man nicht vergisst.“ Und wie geht es weiter? Wie gedenken Sie in der Zukunft, das Fernsehen qualitativ zu retten, *so dass* Marcel Reich-Ranicki seinen nächsten Preis wieder mit Freuden entgegennehmen kann? Leo Hiemer: „Dr. Theo Waigel hat sich an den BR gewandt, weil er hier noch einen Hort des Qualitätsfernsehens vermutet, zumindest was die Produktion von Filmen anbelangt. Ich hoffe, dass sich die Verantwortlichen des BR doch noch besinnen und Dr. Waigels Vertrauen rechtfertigen. Ansonsten muss man sich blöde Sendungen ja nicht ansehen. Allerdings sollten die Fernsehsender öfter mal anspruchsvolle Produktionen auf die besten Sendeplätzen setzen. Dann wären auch die Quoten für diese Filme besser.“ Wir danken Ihnen für das anregende Gespräch und gratulieren nochmal herzlich zu den Preisen. Leo Hiemer: „Ich danke auch.“

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