„Pionierarbeit geleistet“

Ostallgäu erstellt mit Stadt Kaufbeuren Klimaanpassungskonzept

+
Landrätin Maria Rita Zinnecker (li.) mit den externen Referenten (v. li.) Carsten Walther, Gregor Weyer und Dr. Fritz Reusswig bei der Vorstellung des Klimaanpassungskonzeptes für den Landkreis Ostallgäu und die Stadt Kaufbeuren.

Landkreis – Der Klimawandel ist ein globales Problem. Es wird wärmer, auch im Ostallgäu. Ist darin eine Chance zu sehen? Sollten Landwirte zukünftig darüber nachdenken Wein anzubauen, statt das Vieh in den Alpsommer zu schicken? Zum einen gilt es den Klimawandel zu bekämpfen. Zum anderen stellt sich der jetzigen Generation bereits die Frage: Wie kann und muss auf die Veränderungen reagiert werden? Denn Klimaanpassung (Umgang mit der Erderwärmung) ist nicht das Gleiche wie Klimaschutz (Vermeidung der Erderwärmung).

Aus diesem Grund beauftragte der Landkreis Ostallgäu und die Stadt Kaufbeuren im vergangenen Jahr die Firmen GreenAdapt GmbH und LUP Luftbild Umwelt Planung GmbH mit der Erstellung eines Klimaanpassungskonzeptes. Die Ergebnisse waren im Mai öffentlich präsentiert worden. Mit Hilfe der „hochkarätigen Experten“, so Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU), gipfelte die Arbeit der verschiedenen Projekte und Workshops mit Fachvertretern und Teilhabern aus dem Landkreis in einem Maßnahmenkatalog. Dieser soll nun den Menschen in der Region helfen, sich auf die Auswirkungen des Klimawandels vorzubereiten. Am vergangenen Freitag stellte die Landrätin mit Carsten Walther (GreenAdapt), Gregor Weyer (LUP) und Dr. Fritz Reusswig (Gesellschaft für sozioökonomische Forschung/PIK Potsdam) die ausgearbeitete Studien im Kreisausschuss vor.

„Wir gelten auch im Umweltministerium als Pilot für Bayern“, sagte Zinnecker zu dem Konzept und seinem Maßnahmenpaket, das genau an die Region angepasst wurde. Der Kreis sei damit der erste in Bayern, der ein solches erarbeiten ließ. Diese Maßnahmen sollen sich in die bereits bestehenden Kontexte, wie zum Beispiel der Bayerischen Klimaanpassungsstrategie (BayKlas), einfügen und kooperativ erarbeitet werden. Die verwendeten Klimaprojektionen stammen vom Landesamt für Umwelt (LfU) und seien dementsprechend qualitätsgeprüft. Den Annahmen zur zukünftigen Entwicklung der CO2-Emissionen liegt das „Weiter-so-Szenario“ (RCP 8.5) zugrunde, das von unzureichenden Klimaschutzmaßnahmen, einem Worst-Case-Szenario also, ausgeht.

Steigende Temperaturen

Kernbotschaften sind, dass die Jahresmitteltemperatur, die bereits um mehr als ein Grad Celsius zugenommen habe, bis zum Ende des Jahrhunderts um weitere 3,7 bis fünf Grad ansteigen soll. Die Zahl und Intensität der Hitzeereignisse werde außerdem demnach deutlich zunehmen. Walther erklärte: „Wir befinden uns, im Vergleich zur Eiszeit, in einer Warmzeit und führen da nochmals fünf Grad dazu. Ende des Jahrhunderts wird ein Sommer 2018 zu den kühleren gehören.“ Statistisch gesehen bedeute das, dass die Zahl der Tage mit einer Temperatur von über 25 Grad von circa drei Wochen auf rund 3,5 Monate pro Jahr steige. Die Niederschläge im Sommer gehen deutlich zurück, im Winter jedoch werden sie verstärkt auftreten. Dann aber mit einer sinkenden Anzahl von Frost- und Eistagen. Durch diese Verschiebung der Niederschläge kann es schon zur zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu einer negativen Wasserbilanz kommen. Die Vegetationsphasen werden früher einsetzen und länger anhalten. Darüber hinaus sei durch den Klimawandel weiterhin und verstärkt mit Migrationsbewegungen zu rechnen. Eine Vielzahl von Problemen und Gefährdungen kämen so auf Land und Leute zu. Was es zu schützen gelte, wurde in drei Schutzgüter – Mensch, Landschaft, Infrastruktur – eingeteilt. Diese bestimmen insgesamt elf „Handlungsfelder“ für die das vorliegende Konzept insgesamt 48 Maßnahmenvorschläge benennt.

Bürger sind gefordert

„Ein Landkreis kann einen Impuls geben, aber tatsächlich umsetzen und handeln müssen andere. Am Ende stehen da immer die Bürger“, sagte Weyer am vergangenen Freitag bei der Vorstellung möglicher Maßnahmenumsetzungen. Auch müsse Klarheit darüber herrschen, dass viele dieser Maßnahmen von der jetzigen Generation möglicherweise nicht mehr erlebt werden. Es handle sich um träge Systeme, weshalb frühzeitig reagiert werden müsse, ohne in Aktionismus zu verfallen.

Landschaft schützen

Beim „Schutzgut“ Mensch gilt es in den Bereichen Gesundheit, Katastrophenschutz, Tourismus sowie Industrie und Gewerbe zu reagieren.

Die bisherigen „Rekordsommer“ hätten bereits Opfer gefordert. „Es sterben Menschen durch Hitzeereignisse!“, sagte Reusswig.

Das „Schutzgut“ Landschaft ist in die „Handlungsfelder“ Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Naturschutz unterteilt. Die Landschaft zu schützen sei grundlegend, um den Charakter der Region zu erhalten. Es gehe dabei um Erhalt der Heimat, sagte Weyer. Als Paradebeispiel für Verknüpfung von Natur- sowie Klimaschutz und Klimaanpassung nannte Weyer die „Allgäuer Moorallianz“. Die weitere Förderung der Moorschutz-Projekte sei extrem wichtig, so der Experte. „Das Moor im Landkreis Ostallgäu hat europäische Dimensionen.“

Die Infrastruktur als „Schutzgut“ unterteilt sich in die Bereiche Wasser, Energie, Verkehr und Stadtentwicklung. Eine bereits laufende Maßnahme sei der Hochwasserschutz, in den die Kommunen seit 2001 mehr als 53 Millionen Euro investierten, sagte Zinnecker. „Klimaschutz und Klimaanpassung sind zwei Seiten einer Medaille, die muss man zusammenbringen“, so die Landrätin abschließend. Der Kreisausschuss stimmte dem Konzept bei einer Gegenstimme von Winfried Fichtel (FDP) zu. „Wir haben Pionierarbeit geleistet“, sagte Zinnecker. Eine Print-Fassung des Dokuments ist nun im Landratsamt und seinen Außenstellen erhältlich.

von Selma Höfer

Auch interessant

Meistgelesen

Die goldenen Regeln der Metzgerei Boneberger
Die goldenen Regeln der Metzgerei Boneberger
Wie das Ostallgäu Neuzugewanderte willkommen heißt
Wie das Ostallgäu Neuzugewanderte willkommen heißt
ASB Wünschewagen wieder unterwegs
ASB Wünschewagen wieder unterwegs
Ergebnisse des Nahverkehrsplans für das Ostallgäu und Kaufbeuren im Kreisausschuss vorgestellt 
Ergebnisse des Nahverkehrsplans für das Ostallgäu und Kaufbeuren im Kreisausschuss vorgestellt 

Kommentare