„Lebensstil muss sich ändern“

Landkreis Ostallgäu schreibt den „Masterplan Energiezukunft“ fort

Atomkraftwerk Gundremmingen
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Nach dem letzten abgeschalteten Atomkraftwerk (hier Gundremmingen) sollen auch fossile Quellen bald durch alternative Energieerzeuger ersetzt werden.

Ostallgäu – „Der Lebensstil muss sich ändern!“ Das war eine der zentralen Botschaften, die Dr. Hans-Jörg Barth vom Energie- und Umweltzentrum Allgäu (eza) dem Ausschuss für Kreisentwicklung und Umwelt in seiner jüngsten Sitzung überbrachte. Grundlage war die Bestandsaufnahme für eine Neufassung des Klimaschutz-Masterplans für den Landkreis Ostallgäu. In einem sehr detaillierten Vortrag erläuterte der Fachmann dem Ausschuss die Ergebnisse der durchgeführten Bestandsaufnahme. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie es weitergeht“, sagte er am Beginn seiner Ausführungen. Am Ende gab es ein einstimmiges Votum für die Fortschreibung des Masterplans.

Im betrachteten Zeitraum von 2011 bis 2016 fand trotz ergriffener Maßnahmen keine Reduzierung des Energieverbrauchs statt. Industrie und Handel blieben nahezu konstant, in den privaten Haushalten gab es allerdings eher einen leichten Anstieg. Während die Stromerzeugung mit nahezu 100 Prozent mittels alternativer Energie erfolgt, sind es bei der Wärmeerzeugung nur 25 Prozent. Das 2008 im Masterplan gefasste Klimaziel für Alternative Energien wird 2020 ohne Verkehr mit fast 50 Prozent zwar knapp erreicht, mit Verkehr liegt er gerade einmal bei 30 Prozent gegenüber 70 Prozent Anteil fossiler Energieträger. „Das ist eine Herausforderung für die nächsten zehn Jahre“, so Barth.

Rahmenbedingungen verändert

Der Ausbau der alternativen Energien ist seit drei Jahren stark rückläufig. Das hat mehrere Gründe, wie der Energiefachmann erläutert: Die Verschlechterung des „Erneuerbaren Energien Gesetz“ (EEG) für Fotovoltaikanlagen seit 2013, die 2017 geänderten Ausschreibungsverfahren sowie in Bayern die seit 2014 für Windkraftanlagen geltende 10-H-Regelung. Hinzu kommen besonders bei Haushalten mehr Elektrogeräte und größere Geräte bei gestiegener Wohnfläche, aber auch im Verkehr sowohl mehr als auch größere Fahrzeuge. Die Ursachen dafür liegen im Verhalten der Menschen mit geänderten Gewohnheiten und Bequemlichkeit. Daher müsse nicht nur bei diesen sogenannten Rebound Effekten angesetzt werden, sondern die alternativen Energien massiv ausgebaut, die Mobilität verändert und die Effizienz gesteigert werden. Das bedeutet beispielsweise in der Mobilität auch den massiven Ausbau des ÖPNV und des Radverkehrs sowie eine starke Reduktion des Energieverbrauchs im Bereich Wohnen. Eine der größten Herausforderungen sei es jedoch, so Barth, dem Menschen ein „neues Lebensgefühl zu verkaufen“. Bedeutet Glück immer mehr Wohlstand?, lautet die Frage. Der Lebensstil müsse sich ändern und die „Bürger an Bord geholt“ werden.

Schon Ziele erreicht

Während der energetischen Sanierung und dem Wärmeverbrauch in den 15 kreiseigenen Liegenschaften „generell ein überdurchschnittlich guter Zustand“ attestiert wird, sieht Barth bei der Stromerzeugung noch Potenziale. Teilbereiche der Öffentlichkeitsarbeit könnten noch intensiviert werden. Positiv ist auch das Konzept mit seinen ersten Maßnahmen zur Klimaanpassung. Die personelle Ausstattung des Landratsamtes Ostallgäu sei im Vergleich mit anderen Kommunen aber eher unterdurchschnittlich.

Fazit

Ein Großteil der im Masterplan „Energiezukunft 2020“ genannten Maßnahmen sind nach den Worten des eza-Fachmanns umgesetzt oder durch veränderte Rahmenbedingungen nicht mehr sinnvoll oder politisch nicht möglich. Die Anforderungen der nächsten zehn Jahre hätten sich durch die „Pariser Klimaziele“ drastisch verändert und die Aufgaben und Herausforderungen im Klimaschutz nähmen dadurch deutlich zu. Es reiche jedoch nicht, „auf Papier zu schreiben – wir brauchen eine Strategie zur Umsetzung.“

„Arbeit nicht umsonst“

Paul Wengert (SPD) stellte klar, dass der Masterplan 2030 „kein Neustart“ sei: „Die bisherige Arbeit war nicht umsonst.“ Wolfgang Eurisch (CSU) sah Interessenkonflikte bei den Windkraftanlagen beispielsweise durch den im Allgäu vorhandenen und geschützten Milan. Die Debatte um die E-Mobilität bezeichnete er als „zu politisch“. Es gehe nicht um mehr Konsum, sondern um mehr Zufriedenheit. Rudolf Stockmann (AfD) bezeichnete sich angesichts der präsentierten Zahlen frustriert: „Egal, was wir in Deutschland machen, die Fakten weltweit können wir nicht beeinflussen“. Dem widersprach Johannes Fischer als Klimaschutzbeauftragter des Ostallgäus und bezeichnete Klimaschutz auch „als wirtschaftliche Chance“. Robert Pöschl (CSU) warb für „das Ausschöpfen der Kosten/Nutzen-Potenziale im Landkreis“. Heike Eggensberger (BN90/Grüne) stellte fest, dass schon viel erreicht worden sei: „Wir dürfen aber nicht müde werden, viele Betriebe mitzunehmen und die Verbraucher bei der Ehre zu packen.“ Für Dr. Ursula Schuster (BN90/Grüne) war klar, dass der Landkreis nicht die großen politischen Rahmenbedingungen beeinflussen kann, man „aber mehr in die Gemeinden reingehen müsse“. Landrätin Maria Rita Zinnecker fasste es so zusammen: „Es ist vieles schon passiert, aber wir müssen weiter ausbauen!“

Neufassung auf dem Weg

Im Jahr 2019 war beschlossen worden, zunächst lediglich den Teilauftrag für die Bestandsaufnahme zur Neufassung des Masterplans Klimaschutz zu vergeben. Auf Basis dieser Bestandsaufnahme sollte über die Notwendigkeit einer weiteren Fortschreibung beraten werden. Mit der jetzt fertiggestellten Bestandsaufnahme stehen noch die Zieldefinition, die Erarbeitung eines Maßnahmenkatalogs, die Beteiligung der von der Umsetzung betroffenen Akteure aus der Verwaltung und aus dem Landkreis sowie ein Abschlussbericht. Letzterer soll die Ergebnisse in einem neuen Masterplan zusammenfassen. Mit dem bereits bewilligten Förderantrag durch die Regierung von Schwaben entstehen dem Landkreis dafür voraussichtlich Kosten in Höhe von rund 13.000 Euro. Klimaschutzbeauftragter Fischer hofft, dass – bedingt durch die derzeitigen Einschränkungen – der neue Masterplan 2030 bis Ende des nächsten Jahres vorliegt.

von Wolfgang Becker

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