Kommunalwahl 2020: Kreisbote veranstaltet Podiumsdiskussion

Kür der Landratskandidaten mit zahlreichen Facetten

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Das Bewerberquartett um den Chefsessel im Landratsamt stellte sich den Fragen der Kreisbote-Redaktion: Matthias Fack (v. li.), Kandidat der Freien Wähler, Dr. Günter Räder, der für die Grünen antritt, die Amtsinhaberin Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU) und SPD-Bewerberin Ilona Deckwerth mit Moderator Claus Tenambergen.
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Den Abend im Modeon Marktoberdorf moderierte Claus Tenambergen.
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Matthias Morandell (li.) vom Vorstand der Wirtschaftsjunioren stellt sich Claus Tenambergen und dem Publikum vor.
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Claus Tenambergen stellt die Redaktionsleiter Kai Lorenz (2. v. re.) und Matthias Matz (re.) vor.
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Claus Tenambergen mit Maria Rita Zinnecker.
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Claus Tenambergen mit Dr. Günter Räder.
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Claus Tenambergen mit Matthias Fack.

Marktoberdorf/Ostallgäu – Sie trinkt Kaffee gern mit Milch und taucht ab und zu mal ab, er findet Tesla cool und trägt lieber Bergschuhe als Sneakers – am Ende der Podiumsdiskussion, die der Kreisbote und die Wirtschaftsjunioren Kaufbeuren-Ostallgäu mit den vier Landratskandidaten veranstalteten, offenbarte so mancher auch Persönliches. Zum größten Teil jedoch gab sich die Runde der Bewerber um den Chefsessel im Landratsamt thematisch versiert und zeigte Lust am Austausch der Meinungen. Amtsinhaberin Maria Rita Zinnecker (CSU), Ilona Deckwerth (SPD), Dr. Günter Räder (Grüne) und Matthias Fack (Freie Wähler) stellten sich der Debatte zu Mobilität, Naturschutz und Tourismus, Wirtschaft und Gesundheit.

Ein Windrad im Schlosshof von Neuschwanstein, so die Idee von Günter Räder, eine SPD-Kandidatin, die sich grüner als manch Grüner für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, die Elektrifizierung der Bahn und die Windkraft einsetzte, eine engagierte Landrätin, die die Entwicklungen rund um das Coronavirus im Landkreis darstellte („momentan haben wir die Lage im Griff“) und der Gedanke, die Förderung von Ehrenamt mit der Suche nach Fachkräften zu verknüpfen, wie ihn Matthias Fack formulierte – das waren nur einige Höhepunkte der themenreichen Veranstaltung.

Mobilität

Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ist in der Öffentlichkeit in den Vordergrund gerückt – im Sinne einer modernen, barrierefreien Mobilität und zum Wohle von Umwelt- und Klimaschutz. Bus- und Bahnfahrpläne? Zu unübersichtlich, bemängelte auch Landrätin Maria Rita Zinnecker. Sie und die Kollegen allgäuweit arbeiteten an einem neuen Nahverkehrsplan inklusive einer Tarifharmonisierung und modern aufgemachter Fahrpläne via App und e-ticketing. „Wir brauchen ein Gesamtkonzept“, sagte sie, „das den Verkehr kleinräumig steuert und den Menschen gibt, was sie vor Ort brauchen.“ Bayernweit sei in den letzten Jahren viel zu wenig passiert, kritisierte Matthias Fack. Entscheidend für die Akzeptanz von Bus und Bahn sei der Preis, so der Kandidat aus Buchloe. Ilona Deckwerth hielt hingegen eine gute und verlässliche Taktung sowie den barrierefreien Zugang für maßgebend, dass der ÖPNV auch angenommen werde. „Wir sollten auch angesichts von Staus und vollen Straßen vor allem rund um die Königsschlösser keine Verbotsdebatte führen“, sagte die Kandidatin aus Füssen, „sondern attraktive Alternativen zum Auto schaffen.“

Beim Kampf für oder gegen den vierspurigen Ausbau der B12 (der mittlerweile im Bundesverkehrswegeplan verankert ist) spaltete sich die Bühne in zwei Lager. Die Landrätin betonte, dass sie sich mit dem Ausbau mehr Sicherheit für die Autofahrer und eine bessere Anbindung für die Wirtschaft verspreche. Auch Matthias Fack befürwortete den vierspurigen Ausbau aus Sicherheits­aspekten, während Günter Räder keine Notwendigkeit für eine 28 Meter breite Fahrbahn sah. Auch Ilona Deckwerth stellte sich skeptisch einem unnötigen Flächenfraß (beispielsweise durch überdimensionierte Lkw-Rastplätze) gegenüber und plädierte für eine Wiederbelebung stillgelegter Bahnanschlüsse auf dem Gelände größere Gewerbebetriebe wie AGCO/Fendt. „Güter gehören aufs Gleis“, sagte die SPD-Kreisrätin. Hier hakte auch Maria Rita Zinnecker ein und betonte, wie der Landkreis hartnäckig von der Bahn einen Ausbau des alternativen Schienennetzes im Sinne des Klimaschutzes fordere. „Das Allgäu soll kein Dieselloch bleiben“, meinte sie und kündigte eine Testfahrt des Wasserstoffzugs durchs Ostallgäu am 30. März an.

Einer Meinung war das Bewerberquartett dagegen bei der Sicherheit in Sachen Schülerbeförderung. Hierbei forderte Ilona Deckwerth gar für jedes Schulkind einen Sitzplatz mit Gurt, Matthias Fack erinnerte sich an seine eigene Schulzeit, während der er mitunter nur auf dem letzten Trittbrett einen gar engen Platz fand. Die Landrätin betonte, dass sich ein runder Tisch regelmäßig mit den Anforderungen der Schülerbeförderung beschäftige und individuelle Lösungen gemeinsam mit den Verkehrsbetrieben suche.

Klimaschutz

„Wir müssen jetzt liefern“, mahnte der Grünen-Kreisvorsitzende Räder und setzte sich vehement für die CO²-neutrale Umrüstung von Gebäuden ein. Matthias Fack wunderte sich, dass das neu aufgelegte Klima-Anpassungskonzept des Landkreises kaum konkrete Maßnahmen enthalte. Ilona Deckwerth machte sich für eine Infrastruktur im Landkreis stark, die die E-Mobilität des Einzelnen und einen alltagstauglichen elektrifizierten Bahnverkehr fördere. Die Landrätin führte aus, dass das Klimaanpassungskonzept ein Zehn-Jahres-Programm mit Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen beinhalte.

Auf Windkraft, den Bau von Windrädern und den Nutzen erneuerbarer Energien angesprochen, schuf Günter Räder das bereits angesprochene Bild vom Windrad in Neuschwanstein. Er zeigte sich auch als großer Fan der Sonnenkraft und kündigte an, jedes Dach im Landkreis für Solaranlagen nutzen zu wollen. Auch Ilona Deckwerth forderte, wenn gar nicht so drastisch wie der grüne Landratskandidat, die Windkraft auch im Landkreis wieder zum Thema zu machen. „Ich setze auf Windanlagen in Bürgerhand“, sagte sie und nannte die Oberallgäuer Gemeinde Wildpoldsried als bestes Beispiel. Amtsinhaberin Maria Rita Zinnecker benannte 28 Windräder im Kreis („damit haben wir im Allgäu die Nase vorn“) und verwies auf Wasserkraft aus dem Forggensee, die den Landkreis befähige, seinen Strom bereits zu fast hundert Prozent aus regenerativen Quellen zu erzeugen. „Der Bau von Windrädern kommt für mich nur dann in Frage, wenn der Wille der Bürger vor Ort da ist“, sagte sie.

Wirtschaft

Wie dem Fachkräftemangel begegnen, fragte Moderator Claus Tenambergen in die Runde – und bekam ganz unterschiedliche Antworten. Günter Räder sagte, es sei Aufgabe der Unternehmen auszubilden und für attraktive Arbeitsbedingungen zu sorgen. Und damit selbst dem Fachkräftemangel gegenzusteuern. Die SPD-Kandidatin hingegen sah es durchaus als Landkreisaufgabe, die Rahmenbedingungen für Arbeitnehmer im Landkreis attraktiv zu gestalten und vor allem Wohnraum bezahlbar zu machen. „Es kann nicht sein, dass die Gehälter bei uns auf dem Land niedrig bleiben und die Mieten steigen“, mahnte sie. „Der Landkreis engagiert sich gezielt in der Ausbildung von Pflegepersonal und realisiert Wohnraum auch über seine drei Wohnbaugesellschaften wo möglich“, pflichtete ihr die Landrätin bei. „Wir helfen mit bei der internationalen Suche nach Arbeitskräften und investieren in Bildung und Qualifizierung.“ Das sei nicht genug, meinte Matthias Fack, der in diesem Zusammenhang auch das Ehrenamt fördern möchte. „Junge Menschen kommen gerne dahin zurück, wo ihre Wurzeln sind“, erklärt der FW-Kandidat, der dem Bayerischen Jugendring vorsteht.

Gesundheit

Die Sorgen um das Risiko, sich mit dem neuartigen Coronavirus anzustecken, machten auch vor der jüngsten Podiumsdiskussion nicht halt. Landrätin Maria Rita Zinnecker, die auch die Task Force im Landratsamt koordiniert, sagte, es gebe keinen Grund in Panik auszubrechen. Es gehe nach zwei bestätigten Corona-Fällen im Landkreis darum, die Infektionskette zu unterbrechen. Alle ergriffenen Maßnahmen seien daraufhin ausgerichtet. Auch die drei anderen Bewerber beschwichtigten und sagten, dass nun Gelassenheit das Gebot der Stunde sei.

Zum Abschluss diskutierte die Bewerberrunde das Problem des drohenden Ärztemangels im ländlichen Raum. Noch spreche die Statistik von einer medizinischen Überversorgung, stellte die Landrätin klar, doch immer mehr niedergelassene Ärzte würden keine Nachfolger finden. Matthias Fack erklärte, dass nicht jedes Problem an den Landkreis abgeschoben werden könne. Während Günter Räder von einer guten ärztlichen Versorgungslage in Obergünzburg berichtete. Alle waren sich einig, dass auch hier der Landkreis als attraktiver Ort zum Leben und Arbeiten erhalten und gestaltet werden müsse. 

von Angelika Hirschberg

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