„Wir haben einiges zu tun“

Landratswahl 2020 im Ostallgäu: SPD-Politikerin Ilona Deckwerth will Landrätin werden

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Sie liebt diesen Ausblick: Ilona Deckwerth bei Ussenburg vor Tegelberg und Säuling.

Landkreis – Dass das Gespräch mit Ilona Deckwerth auf einer Bank auf einem Hügel einige hundert Meter unterhalb des Greinwaldhofs bei Ussenburg in der Nähe von Roßhaupten stattfindet, ist kein Zufall. „Von hier aus kann ich alles schön verbinden“, sagt die 59-Jährige mit Blick auf das vor uns liegenden Ammergebirge.

Über Säuling und Tegelberg hängen an diesem Vormittag tiefe graue Wolken, ein heftiger, kalter Wind kommt von Westen. Damit es nicht ganz so ungemütlich wird, hat die Landratskandidatin der Ostallgäuer SPD fair gehandelten indischen Tee in der Thermosflasche und Kekse mitgebracht. „Ich mag ihn sonst eigentlich milder. Heute habe ich ihn ein bisschen stärker gemacht“, sagt sie fast entschuldigend.

Zurück zum Ort unseres Treffens. „Hier hat man einen schönen Überblick und sieht fast das ganze Füssener Land“, schwärmt die 59-Jährige. Gleichzeitig verbinde sie mit dem Rundblick ihre politischen Stationen und ihr sozialdemokratisches Wirken im Ostallgäu, erzählt sie. Dieses begann 1989 mit ihrer Versetzung an die Erich-Kästner-Schule in Füssen. Dabei hätten sie auch an jeder anderen sonderpädagogischen Schule in Bayern landen können. Nach ihrem Sonderpädagogik-Studium, so erzählt sie, sei sie von der Schulbehörde gefragt worden, wo sie denn arbeiten wolle. „Ich wurde gefragt: Wo wollen Sie hin? Dabei wäre ich überall hingegangen“, lacht sie. Völlig überrumpelt von der Frage, habe sie geantwortet: „Möglichst nahe an die Berge!“ So landete sie schließlich als Sonderschul-Lehrerin in Füssen.

Ihre Anreise aus München, sie kann sich da noch genau erinnern, erfolgte mit den seinerzeit üblichen Touristenbussen an einem strahlenden Sommertag über Murnau am Ammergebirge entlang bis nach Füssen. „Es wurde immer schöner und schöner“, schwärmt sie heute noch von ihrer ersten Bekanntschaft mit Füssen und dem Ostallgäu. „Das war Liebe auf den ersten Blick!“

Als Lehrerin an der Erich-Kästner-Schule und Mitglied in der SPD und Lehrergewerkschaft GEW faste sie schnell Fuß im südlichen Ostallgäu, engagierte sich in den SPD-Ortsvereinen in Schwangau, Roßhaupten und später nach ihrem Umzug in Füssen. Vor allem die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) hatte es ihr angetan. Mittlerweile ist sie Vorsitzende des Füssener Ortsvereins und des Kreisverbandes der Sozialdemokraten.

Vorgezeichneter Weg

Blickt man gemeinsam mit Deckwerth zurück auf ihr bisheriges Leben, muss man zu dem Schluss kommen: dieser Weg war vorgezeichnet.

Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie im damals noch schwäbischen Ort Möhren (im Zuge der Gebietsreform Anfang der 1970er Jahre dem mittelfränkischen Treuchtlingen zugeschlagen), kam Deckwerth bereits als kleines Mädchen mit der Politik, besser: mit sozialdemokratischer Politik, in Kontakt. Ihr Vater war Mitglied in der Gewerkschaft und wählte stets SPD, ihr Onkel war SPD-Vorsitzender in der Nachbarstadt Treuchtlingen. „Da bin ich sicherlich geprägt worden“, sagt sie.

Es waren Zeiten, die ein ganzes Land prägen und eine Gesellschaft verändern sollten: die 68er hatten gerade stattgefunden, Arbeitnehmer und Frauen wurden immer mehr Rechte zugestanden, der konservative Mief der 1950er und 1960er Jahre verflog langsam aber sicher. Besonders in Erinnerung geblieben ist der Landrats-Kandidatin das Gewerkschafts-Plakat: „Am Samstag gehört Vati uns!“ „Es war toll, dass der Vater auf einmal am, Samstag daheim war“, erinnert sie sich.

Der nächste Schritt in Richtung Politik erfolgte bald darauf: Als Mädchen, das leidenschaftlich gerne Fußball mit den Jungs aus der Nachbarschaft spielte, stand sie irgendwann alleine da. Denn alle ihre Spielkameraden waren mittlerweile im Fußballverein angemeldet. Ihr als Mädchen war das damals aber noch verboten. Erst 1975 sollte sich das ändern. „Das fand ich zutiefst ungerecht und hat mich verletzt“, erinnert sie sich. „Das hat mir einen Knacks gegeben.“

Endgültig politisiert wurde sie durch ein lokales Politikum: Treuchtlingen erhielt damals eine von insgesamt drei staatlichen integrativen und differenzierten Gesamtschulen in ganz Bayern. „Wir haben die Auswirkungen der 70er Jahre Bildungsrevolution gespürt“, erinnert sich die 59-Jährige. Die neue Schulform sei „ein El Dorado an hoch engagierten Lehrkräften“ gewesen. Sie selbst sollte davon profitieren: Da einfach kein Gymnasium in Reichweite war, eröffnete sich ihr durch die neue Schulform plötzlich die Möglichkeit,1980 ihr Abitur zu machen. „Für mich war die Gesamtschule die Chance!“ Daher schloss sie sich mit 16 dem Kampf ihrer Mitschüler an, die die neue Schulform behalten wollten. Denn eigentlich sollte nach sechs Jahren wieder Schluss sein mit dem Versuch. „Wir haben dann für unsere Schule gekämpft!“, erzählt Deckwerth. „Diese Schule hat mich extra politisiert!“

Schließlich trat sie während ihres Studiums in München 1984 in die Gewerkschaft GEW und die SPD ein. Für das Fach Sonderpädagogik entschied sie sich, weil sie etwas mit Menschen machen wollte.

Aber warum ausgerechnet als Sonderschul-Lehrerin?

„An die Grenzen zu gehen, hat mich schon immer gereizt“, erklärt sie. „Und den Menschen zu helfen und sich gegenseitig zu unterstützen.“ Wobei: „Es gab auch mal eine Zeit, da wollte ich Pilotin werden“, lacht sie. Ein Praktikum bei der Lebenshilfe gab schließlich aber den Ausschlag.

Abstecher zur Post

Dabei verlief der Weg zur Erich-Kästner-Schule nicht geradlinig. Als „Mädchen vom Land“ etwas eingeschüchtert von den „coolen und lässigen“ Altersgenossinnen in München, entschied sie sich, ihr Studium abzubrechen und eine Ausbildung bei der Post in der Verwaltung anzufangen. „Im Nachhinein eines der besten Dinge, die ich machen konnte“, blickt sie zurück. Denn während der Ausbildung zur Postinspektorin lernte sie Haushaltsrecht, Beamtenrecht, VWL und BWL. „Als ich dann in den Stadtrat kam, konnte ich den Haushalt lesen“, lacht sie. Letztlich entschied sie sich aber doch, ihr Studium zu beenden.

Bei ihren ersten politischen Aktivitäten im Ostallgäu ging es dann aber nicht um kommunale Finanzen, sondern den Erhalt der Hausaufgabenhilfe von Ernestine Demel in den ehemaligen Hanfwerken. „Das war das einzige Nachmittagsangebot für Kinder seinerzeit“, erinnert sich die 59-Jährige. Gemeinsam mit anderen Frauen kämpfte sie für den Erhalt der Einrichtung. „Da haben wir uns massiv eingesetzt“, erzählt sie. „Damals hieß es noch, diese Rabenmütter“, erzählt sie lachend. „Da standen wir noch auf verlorenem Posten.“ Heute hätten sich die Zeiten zum Glück geändert. Später kam der Kampf um den AWO-Kinderhort in Füssen dazu, das damit eine Vorreiterrolle eingenommen habe. „Dabei hatten wir mit den SPD-Frauen eine Pionierrolle“, ist Deckwerth noch heute überzeugt. Sie hätten damit zahlreiche Mütter und Väter in Füssen ganz konkret im Alltag entlastet.

Dieses Erleben der konkreten Auswirkungen der eigenen Politik auf die Menschen vor Ort ist es auch, die Deckwerth bewogen hat, für das Amt der Landrätin zu kandidieren. „Hier im Kommunalbereich gestalte ich doch unmittelbar mit“, betont sie. „Ich kann Lebensbereiche gestalten!“ Das will sie nun auf Landkreisebene. Zwar stehe das Ostallgäu „in weiten Teilen gut da“. Gleichwohl gelte es, die Chancen für alle anzugleichen. „Wir haben einiges zu tun, wenn wir sagen wollen: das ist eine Heimat für uns alle. Auch die, die weniger betucht sind, sollen hier ihre Chance haben!“

Mehr für die Jugend

Vor allem im Jugendbereich müsse deshalb gehandelt werden. Zahlen der Arbeitsagentur zufolge würden 80 Prozent der einheimischen Jugendlichen den Landkreis früher oder später verlassen. „Hier muss man strukturell etwas verändern!“ Dazu gehöre unter anderem die Einrichtung einer Heilpädagogischen Tagesstätte genauso wie die Schaffung bezahlbaren Wohnraums. „Da hätte ich gerne, dass sich der Landkreis mehr Mühe gibt.“ Umweltpolitik, Seniorenpolitik und Inklusion seien weitere Felder, die es zu bearbeiten gelte.

Vor allem im Bereich Umweltpolitik sieht sie noch viel Luft nach oben. Dazu gehöre ein Ausbau des ÖPNV. „Einen Tesla fahren nur die wenigsten“, schmunzelt sie ironisch.

Ein weiterer Baustein ist für sie der Ausbau regenerativer Energien. Als Lösungsansatz schweben ihr hier Windkraftanlagen in Bürgerhand vor. Vorbild ist für sie dabei die Oberallgäuer Gemeinde Wildpoldsried. „Wir brauchen nicht die überregionalen Anbieter, die hier ihren Gewinn machen“, erklärt sie. „Was wir erzeugen, muss den Leuten vor Ort bleiben.“ Das erhöhe auch gleichzeitig die Akzeptanz der durchaus umstrittenen Windräder. „Wenn die Leute das in einer Genossenschaft haben wollen, dann muss ich das ermöglichen.“

In anderen Wirtschaftsbereichen will sie gleichfalls für bessere Bedingungen sorgen. „Die Wirtschaft hat von mir zu erwarten, dass ich für faire Wettbewerbsbedingungen sorge“, kündigt sie an. „Ich werde nur noch Aufträge an Firmen vergeben, die Tariflöhne zahlen“, verspricht sie. 

von Matthias Matz

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