„Bei heiklen Themen nicht wegschauen“

Landratswahl 2020 im Ostallgäu: Dr. Günter Räder tritt für die Grünen an

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Auf einer Anhöhe bei Ebersbach ist der Aussichtspunkt, welcher Dr. Günter Räder und seiner Familie viel bedeutet und ein beliebtes Ausflugsziel für sie ist. Bei gutem Wetter genießt er dort die Aussicht über das Alpenvorland.

Ebersbach/Obergünzburg – Dr. Günter Räder von Bündnis 90/Die Grünen, Kreisvorsitzender und Marktrat von Obergünzburg, kandidiert für das Amt des Landrats. Der Kreisbote hat sich mit ihm zu einem ganz persönlichen Interview getroffen.

Ohne es darauf anzulegen, kommt man im Gespräch mit Dr. Räder häufig automatisch zu Umwelt- und Naturschutzfragen. Und das nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es sich um einen Termin in der Natur und mit einem Politiker der Grünen handelt, der für seine Partei am 15. März Landrat im Ostallgäu werden will.

Als der Kreisbote um ein Interview an einem Ort seiner Wahl bittet, lädt der Agraringenieur zu sich nach Hause ein, um dann tatsächlich einen seiner Lieblingsplätze zu besuchen. Kein Ort, der etwas mit seinem politischen Programm zu tun hat, unvermuteter Weise jedoch auch in diesem Sinne einiges bietet. Und ein Gespräch über seine Person entwickelt sich mit Räder ganz von selbst.

In Ebersbach angekommen, ist es nicht schwer, das Haus der Räders zu finden. Über fünf Kilometer erstreckt sich das Dorf mit seinen Weilern und Einzelhöfen, gerade einmal 1108 Einwohner zählend. Was nicht bedeutet, dass in Ebersbach nichts vorwärts geht. In die Stadt zu ziehen, konnte sich der Familienvater nicht vorstellen. „Die Zugehörigkeit zum Dorf, das Leben auf dem Dorf, war für mich damals das Entscheidende.“ Die Entscheidung, in Ebersbach zu bauen und zu leben, war maßgeblich durch die bestehende Infrastruktur bestimmt. „Ausreichende Datenleitungen, Glasfasernetz, das ist also für mich eine absolute Notwendigkeit, um im ländlichen Raum arbeiten zu können.“ Diese sind in Ebersbach inzwischen dazugekommen. Ein Thema, das es unbedingt weiter voranzubringen gelte, so Räder.

Aufgewachsen ist Günter Räder in Oberfranken, an der Grenze zu Thüringen. Er erlebte, nur rund 500 Meter davon entfernt, „das Grenzregime und die ganzen Sachen da“ noch mit. Seit 1982 hat sich sein Lebensmittelpunkt nach Ebersbach verschoben. Seine Frau Christine stammt von dort, „das ist also auch der Aussichtspunkt der Familie gewesen. Deshalb sind wir ausflugsmäßig mit der Familie immer wieder hier oben“. Und eigentlich, so erklärt Räder, ist die Aussicht richtig gut. Eigentlich ist aber auch der Winter, ohne richtig da gewesen zu sein, schon fast durch. Für diesen Termin ist es nach Sturmtief „Sabine“ jedoch ein sehr winterlicher Tag. Bei ungefähr null Grad Celsius und noch immer pfeifendem Wind zieht es auf einer Anhöhe mit leichten Schneeschauern und der Himmel ist immer noch grau und wolkenverhangen.

Neben der Aussicht auf Berge, Endmoränenketten und mitunter sogar auf das „Rote Schloss“ in Unterthingau, die bei diesem Treffen verwehrt bleibt, gibt es jedoch die unmittelbare Umgebung rund um Ebersbach und die dort verteilten Windräder zu sehen. Und die stehen dort schon lange, manche seit 1996. „Ebersbach war einer der ersten Standorte für Windräder im Allgäu.“ Räder bezeichnet sich als „Windkraft-Fan“ und sieht darin die Vorteile. Einen großen Teil der laut werdenden Kritik am Bau von Windrädern kann er nicht nachvollziehen. Er zeigt zu mehreren Stellen bei und unter Windrädern und kann versichern, in der Region gibt es Schwarzstörche. „Und 2019 haben drei Paare Rotmilane da oben gebrütet“, die hat er auch unterhalb der Windräder in der Wiese sitzen sehen.

Räder streitet nicht ab, dass eine Belastung im Bereich Artenschutz durch die Anlagen gegeben ist. Jedoch nicht in dem Ausmaß, wie es viele glauben machen wollen, und es entlaste auch. Besonders wenn ein Sturmtief oder ein Schneesturm über das Land pfeift.

Obwohl Räder mit seiner Frau ländlich lebt und wegen seines Berufs sehr viel mit Tieren zu tun hat, besitzen die beiden keine Haustiere. Dennoch ist das Thema Artenschutz für Räder extrem wichtig. „Da muss mehr möglich sein. Es muss mehr werden, wir müssen uns mehr anstrengen.“ Dass er Agrarwissenschaften studieren wollte, war ihm eigentlich schon als Schüler klar. „Ich habe dann aber kurz überlegt, Pädagogik zu machen und es dann auch gemacht“, erzählt er. Nach nur zwei Monaten war ihm jedoch klar, dass das „nicht seine Welt“ ist. Bevor es dann in das Ingenieursstudium ging, absolvierte der gebürtige Oberfranke mehrere Praktika in der Landwirtschaft. Die bestandene Praktikantenprüfung entspricht dem Landwirtschaftlichen Gehilfenbrief. Heute arbeitet Räder als Erzeugerberater im ökologischen Landbau. Sein Vertiefungsstudium absolvierte er im Bereich Tierwissenschaften und promovierte in der Tierernährung. „Ich bin jetzt hier, durch die Region, vorwiegend im Bereich Milchvieh unterwegs. Auch durch meine berufliche Ausprägung her, habe ich auch zu mindestens 75 Prozent mit Milchvieh zu tun. Die anderen sind halt sonstige Rinderhalter.“ Ein paar „Exoten“ unter den Tierhaltern gibt es auch.

Nicht weg schauen

Was Räder zur Politik und den Grünen brachte, war weder sein Elternhaus, noch das Studium. Als junger Mensch fand er in der kirchlichen Jugendarbeit seinen Platz. Es entwickelte sich ein Interesse an der Welt, erzählt Räder. Dabei wurde ihm klar, dass „bei heiklen Themen“ nicht weg geschaut werden dürfe. Schon als Jugendlicher hatte er das Bewusstsein dafür, „dass wir eine Perspektive entwickeln müssen, wie die Menschheit auf diesem Planeten überleben kann“. „Es war diese Suche nach Sinn, nach Grund.“ Und die habe ihn auch in diese Richtung geführt. Denn Natur- und Umweltschutz ist ein Teil, der sich daraus ableitet. „Was wir als Erhalt der Schöpfung subsumieren, hängt natürlich auch daran“, so Räder, der heute neben seinem Amt als Kreisvorstand der Grünen unter anderem auch im Kirchenvorstand der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Obergünzburg ist.

Gemeinschaft im Fokus

Politik sei für ihn eine spannende Sache. „Je mehr man sich dafür interessiert und je näher man da ran rückt, umso mehr erfährt man da auch.“ Und dass die Politik mehr als Umweltthemen beinhaltet, ist ihm klar. „Vor allem geht es darum, die Gemeinschaft zusammen zu bringen.“ Es gelte Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen, damit die Menschen wieder miteinander kommunizieren. „Irgendwie gibt es so eine Sprachlosigkeit in der Gesellschaft. Wir leben so nebeneinander her.“

Alles andere als sprachlos ging es zu, als die weltpolitischen Entwicklungen und Tendenzen im Vorfeld der Gründung von Bündnis90/Die Grünen liefen. Bewusst erlebte Räder, der 1978 sein Abitur machte, eine „Zeit der verschiedensten Bewegungen“ wie die Hippies oder die Anti-Vietnam-Bewegung. Er verfolgte Herbert Gruhls Gründung der ökologisch orientierten Partei „Grüne Aktion Zukunft“ 1978, die Grenzen des Wirtschaftswachstums aufzeigend und schon damals erneuerbare Energien fordernd. Diese Initiativen sind für Räder „nach wie vor eine Notwendigkeit“. Am Vorabend seines 20. Geburtstag passierte dann ein Unglück, das für ihn wie ein „Startschuss“ wirkt. „Die haben viele vergessen.“ Er spricht vom ersten großen gemeldeten Atomunfall mit einer halben Kernschmelze in Pennsylvania (USA). „Dann ging es ab mit der Anti-Atomkraft-Bewegung!“ Im Laufe dieser Zeit sei die Erkenntnis gekommen, dass die Parteien nicht gehandelt haben. Das alles führte schließlich zur Gründung einer „eigenen Partei“. An den Demonstrationen rund um Wackersdorf nahm das junge Paar nicht aktiv teil. Denn der Sohn kam 1985 zur Welt und hatte dann schlicht Priorität. „Ich bin da schnell in den Rahmen der Familienverantwortung gekommen.“

Den Entschluss für die Grünen als Landratskandidat ins Rennen zu gehen, hat Räder mit seiner Frau zwar besprochen, es ist aber vor allem sein innerer Antrieb, das zu tun. Es sei die Konsequenz, handeln zu müssen, die ihn in gewisser Weise dazu zwinge. „Wie gesagt, als Kreisvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen ist es relativ naheliegend zu sagen: ‚Ich kandidiere auch für ein politisches Spitzenamt im Landkreis‘.“ Er sehe die Zeichen der Klimaerwärmung auch im Privaten sehr deutlich. So sei das vorrangige Thema im Bereich Klimaschutz das Erreichen von CO2-Neutralität.

Ein Hobby der Räders ist, neben klassischen Konzerten, ein 120 Quadratmeter großer Krautgarten, den sie gemeinsam bewirtschaften. Damit sind sie „in Gemüsesachen quasi autark“. Er ist hauptsächlich für die Kartoffelernte zuständig. Aber: „Mittlerweile pflanzen wir sogar Gurken, wo ich vor ein paar Jahren noch gesagt hätte: ‚Das wird hier nie was!‘“. Die vergangene Gurken­ernte sei jedoch gigantisch gewesen. Ein weiteres, sicheres Zeichen für den Klimawandel seien die jungen, vor rund zehn Jahren gepflanzten Bäume in seinem Wald, die unter den Hitzespitzen des vergangenen Jahres massiv gelitten hätten. Als der Orkan „Wiebke“ 1990 über das Land fegte, hat es den Waldbestand um Ebersbach stark getroffen. Damals musste ein Großteil der Waldflächen aufgeforstet werden. Mit diesem Waldumbau war Räder nicht zufrieden. Abgesehen davon, dass das Ehepaar ausschließlich mit Holz heizt, war das „auch ein Grund, warum ich mir Wald gekauft habe“. Räders Absicht war, auch andere Baumarten einzubringen.

Aufgaben sieht er viele. Vor allem gelte es, Verantwortung zu übernehmen. Den Wahlkampf stemmt der Agraringenieur mit Urlaubstagen und einem Arbeitszeitkonto. Vermutlich werden seine drei Kinder am Tag der Wahl nach Ebersbach reisen. Damit ist es jedoch genug mit dem verschneiten und windigen Spaziergang. Bei den Räders wartet heißer Kaffee und ein Stück Nussecke.

von Selma Höfer

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