„Man geht leichter durchs Leben“

Raus aus der Langzeitarbeitslosigkeit

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Guenther Speckamp hat nach gut sechs Jahren wieder eine feste Arbeitsstelle. Sein Job auf dem Recyclinghof Hubert Schmid ist kein leichter – aber der 51-Jährige ist zufrieden.

Marktoberdorf – Zeitarbeit, 450-Euro-Basis, Ein-Euro-Jobs. So geht es vielen Langzeitarbeitslosen. Sie hangeln sich von einem Arbeitsplatz zum nächsten. Nichts ist auf Dauer. Und gut bezahlt ist es sowieso nicht. Für Guenther Speckamp gehörte das die letzten gut sechs Jahre ebenfalls zum Alltag. Doch jetzt hat er es endlich geschafft. Seit Juni hat er eine Festanstellung bei der Firma Hubert Schmid Recycling. Unbefristet.

Möglich gemacht hat das ein neues Gesetz der Bundesregierung. Das Teilhabechancengesetz ist seit Januar dieses Jahres in Kraft und soll Langzeitarbeitslosen helfen wieder eine Stelle zu finden. Im Landkreis Ostallgäu war Speckamp einer der Ersten, die davon profitiert haben.

Der 51-jährige Marktoberdorfer ist glücklich mit seiner neuen Arbeit: „Man freut sich, dass man morgens wieder aufstehen kann.“ Selbst die Tatsache, dass er schon morgens um 7 Uhr an seinem Arbeitsplatz sein muss, ist für Speckamp kein Problem. „Ich war schon immer ein Frühaufsteher.“

Der Job an sich gefalle ihm auch. Speckamp ist auf dem Recyclinghof für die Warenannahme von Kleinmaterialien zuständig. Er wiegt die Wertstoffe, wie Altpapier, Metall oder Styropor. Auch das Verräumen des Recyclingmülls gehört zu seinen Aufgaben. Sicherlich für viele Menschen kein Traumjob. Das weiß auch Speckamps Chef Markus Eisenhut: „Es riecht manchmal, es ist staubig und es gibt auch viel Bandarbeit. Da ist man nach acht Stunden dann schon kaputt.“ Umso mehr freut es Eisenhut natürlich, dass er mit dem 51-Jährigen einen guten Mitarbeiter gefunden hat. „Er ist zuverlässig, pünktlich und sieht die Arbeit auch selber. Selbst wenn sie gar nicht zu seinem Bereich gehört.“

Doch obwohl Eisenhut nur Positives über seinen neuen Mitarbeiter berichten kann, muss er auch zugeben: „Ohne das Programm des Jobcenters hätte ich ihn wahrscheinlich nicht eingestellt.“ Als Grund nennt er den „schwierigen Lebenslauf“. Es seien sehr viele Sprünge drin gewesen. Kurzzeitige Beschäftigungen im Straßenbau oder der Abfallwirtschaft. „Das schreckt ab.“

Doch wie kommt´s, dass Eisenhut letztlich doch ‚Ja‘ gesagt und Speckamp eine Chance gegeben hat? Der Geschäftsführer des Jobcenters Ostallgäu Thomas Liebner erklärt, was es mit dem neuen Programm auf sich hat. Das Teilhabechancengesetz richtet sich an alle, die mindestens 25 Jahre alt sind und seit mindestens sechs Jahren Grundsicherungsleistungen beziehen.

„Nach 13 Jahren oder so ohne Arbeit, fällt es vielen schwer, da wieder reinzukommen“, so Liebner. Deshalb müsse manchmal auch erst Überzeugungsarbeit geleistet werden, damit die Arbeitssuchenden an dem Programm teilnehmen. „Zudem gibt es ja oft auch mehrere Gründe, warum jemand so lange keine Arbeit hatte. Die müssen auch erstmal aus dem Weg geräumt werden.“

Ist die erste Hürde genommen, macht sich das Jobcenter kundig, welche Firmen Mitarbeiter suchen. Vornehmlich nicht weit vom Wohnort des Arbeitslosen entfernt. „Die Jobs finden sich hauptsächlich im Helferbereich.“ Gastronomie, Reinigung, Pflege oder ähnliches. Für die Firmen zahlt sich die Anstellung eines Langzeitarbeitslosen auch finanziell aus. Fünf Jahre dauert die Förderung des Jobcenters. Die ersten zwei davon übernimmt das Amt die tarifgebundenen Lohnkosten zu 100 Prozent. Danach reduziert es sich auf 90, 80 und 70 Prozent.

Neben der aktiven Suche nach freien Stellen bietet das Jobcenter dann auch Vorbereitungskurse an. Die sollen helfen, wieder in einen geregelten Alltag zu finden. Auch Schulungen, die auf eine spezielle Tätigkeit vorbereiten, können bei Bedarf gemacht werden. Und der Rest läuft dann wie bei den meisten anderen Arbeitssuchenden auch ab: Vorstellungsgespräche und Probearbeiten.

Ist eine Person erstmal vermittelt, bleibt der Kontakt zum Jobcenter allerdings weiter bestehen. „Wenn es mal Probleme gibt, dann versuchen wir zu vermitteln und die Wogen zu glätten“, berichtet Liebner.

Speckamp ist übrigens nicht der Einzige, der bisher vom Teilhabechancengesetz profitiert hat. Fünf Personen aus dem Landkreis Ostallgäu konnten bereits eine neue Arbeit finden. „Ein Sechster ist gerade dabei“, freut sich Liebner. Von den knapp 1.600 Arbeitslosen zählen 350 zu den sogenannten Langzeitarbeitslosen. Sie sind seit mindestens einem Jahr ohne Beschäftigung. Von denen sind es dann wiederum rund 30 bis 40 Personen, die für das Programm in Frage kommen, wie der Geschäftsführer berichtet.

Das ursprüngliche Ziel, rund fünf Personen bis Jahresende zu vermitteln, haben die Mitarbeiter vom Jobcenter bereits geknackt. Jetzt hofft Liebner, dass es bis Ende 2019 vielleicht sieben bis neun erfolgreiche Vermittlungen werden.

Zu wünschen wäre es, dass mehr Menschen wie Speckamp eine weitere Chance bekommen. Allerdings müssen sie es auch selber wollen. „Ich hätte auch ‚Nein‘ sagen können“, meint der 51-Jährige. Aber er habe arbeiten wollen und deshalb die Hilfe dankend angenommen. Das Gefühl, am Ende des Tages zu wissen „was man geleistet hat“, genieße er. Und natürlich war auch der erste Kontoauszug ein Grund zur Freude: „Man geht jetzt einfach leichter durchs Leben.“

von Stephanie Novy

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