Es lebe die Freiheit!

Kulturwerkstatt Kaufbeuren spielt die Geschichte der Geschwister Scholl

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Noch wird bei einer Zigarette und einem Glas Wein diskutiert, gelacht und getanzt (von links): Fritz Hartnagel (Tizian Simm), Sophie Scholl (Gretel Ribka), Christoph Probst (Tim Häring) und Robert Scholl (Klaus Dopfer).
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Sophie (Gretel Ribka) und Hans Scholl (Sebastian Stöcker) verteilen Flugblätter (auch im Publikum).
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Sophie (Gretel Ribka) und Hans Scholl (Sebastian Stöcker, rechts) werden von Gestapo-Mann Robert Mohr (Moritz Rauch, Mitte) verhört.
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Vater Robert Scholl (Klaus Dopfer, Mitte) ist froh, dass Sophie (Gretel Ribka) und Hans (Sebastian Stöcker) ihre Begeisterung für das Nazi-Regime überwunden haben.
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Jugendlicher Idealismus bei einem HJ-Treffen: Mit Hakenkreuz-Armbinden wird zum knallenden Marschtritt das Horst-Wessel-Lied gesungen.

Kaufbeuren – Schon vor Beginn bei offenem Vorhang sieht man bei einer Zigarette und einem Glas Wein diskutierende, lachende und Boogie-Woogie tanzende Studenten. Das minimalistische Bühnenbild besteht hauptsächlich aus immer wieder anders angeordneten Stühlen, zwei Kneipentischen, einem Tischchen mit Schreibmaschine und zwei Metallpulten, deren Aufstellung für die Verhör-Szenen jedes Mal dumpf donnernde, nichts Gutes verheißende akustische Akzente setzt.

Das Stück beginnt am 18. Februar 1943 mit der Verteilung von Flugblättern durch Hans (Sebastian Stöcker als idealistischer Student) und Sophie (großartig: Gretel Ribka, die unbeirrbar ihrem Gewissen folgt) in der Uni München. Hausmeister Jakob Schmid (Franz Santjohanser als serviler Braunhemden-Mitläufer) entdeckt die beiden und meldet sie der Gestapo. Sophie und Hans Scholl werden verhaftet. Es folgen stundenlange Einzelverhöre durch Gestapo-Mann Robert Mohr (glaubwürdig fanatisch Moritz Rauch). Dazu wird in Rückblenden das Leben der Geschwister aufgerollt: Hans und Sophie, nach humanistischen und christlichen Werten erzogen, sind zunächst eifrige Hitler-Anhänger und engagieren sich in den jeweiligen Jugendorganisationen. Parolen wie „Mit Hitler wird Deutschland zu wahrer Größe zurückfinden“ oder „Mit Hitler kommt jetzt der Aufschwung“ werden dem Vater gegenüber voller Überzeugung wiederholt. Der eher liberale Vater Robert Scholl (Klaus Dopfer) steht der nationalsozialistischen Bewegung ablehnend gegenüber und ist von den Karrieren seiner Kinder bei der HJ und beim BDM nicht begeistert. Im Stück wird der jugendliche Idealismus bei einem HJ-Treffen deutlich. Mit Hakenkreuz-Armbinden singen sie beim knallenden Marschtritt aus vollem Hals das Horst-Wessel-Lied.

Allmählich merken Hans und Sophie jedoch, dass solche Rituale „einen nur vom selbständigen Denken abhalten sollen“ und dass unter dem Nazi-Regime nicht nur Bücher verboten und persönliche Freiheiten eingeschränkt werden, sondern auch menschenverachtende Verfolgungen und Ermordungen von Minderheiten stattfinden. Inzwischen tönt aus einem Radio die Propagandanachricht, dass – als sich die Polen am 1. September 1939 gegen den Einmarsch der Deutschen wehrten – „seit 5.45 Uhr zurückgeschossen“ werde. Deutschland befindet sich im Krieg. Eine weitere Rückblende berichtet, wie Sophie beim Tanzen Fritz Hartnagel (Tizian Simm) kennenlernt und sich mit ihm verlobt. Fritz hat sich freiwillig gemeldet und tritt in Offiziersuniform mit Reithosen und Gamaschen auf.

Nach Abitur und Arbeitsdienst wird Sophie in München, wo auch Hans studiert, zum Studium zugelassen. Bald entdeckt sie, dass Hans im Widerstand arbeitet. Obwohl Hans sie heraushalten will, besteht sie darauf mitzumachen. Sie lernt den inneren Kreis der Weißen Rose kennen, vor allem den jungen Familienvater Christoph Probst (Tim Häring) und den Philosophieprofessor Kurt Huber (Michael Mayer). Zusammen feiern sie Sophies 21. Geburtstag, ohne zu ahnen, dass es ihr letzter sein würde. Gleichzeitig wird Vater Scholl zu vier Monaten Haft verurteilt, weil er Hitler als „Geißel Gottes bezeichnet hatte.

Die Schollgeschwister und ihre Mitstreiter sind sich klar darüber, dass ihre Flugblattaktionen lebensgefährlich sind. Hans findet es sinnvoller, im Widerstand zu sterben als an der Front. Und Sophie meint, „Es sind schon so viele FÜR diesen Staat gestorben – es wird Zeit, dass jemand DAGEGEN stirbt!“ Bereits vier Tage nach ihrer Verhaftung findet ein Scheinprozess ohne Verteidiger statt: „Wir brauchen kein Recht, wir brauchen kein Gesetz – wer gegen uns ist, der wird vernichtet!“, hört man aus dem Off Richter Roland Freisler (mit der Stimme von Peter Pius Irl) donnern. „Im Namen des Deutschen Volkes werden Sophia Magdalena Scholl, Hans Fritz Scholl und Christoph Probst wegen Hochverrats, Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung zum Tode verurteilt“. Bereits zwei Stunden später wird das Urteil vollstreckt. Vater Scholl darf sich verabschieden und spricht die prophetischen Worte: „Ihr werdet noch in die Geschichte eingehen.“

Betroffen, atemlos und mucksmäuschenstill folgten die Zuschauer dem Stück bis zum Ende, dann brach frenetischer Beifall los. Das Publikum – einschließlich OB Stefan Bosse mit Familie – zeigte mit „Standing Ovations“, dass die Botschaft der Weißen Rose vom Kulturwerkstatt-Ensemble unter der Regie von Simone Dopfer und Martina Quante perfekt transportiert worden ist: „Die Gedanken sind frei!“

Weitere Vorstellungen finden noch am 11., 12., 17., 18. und 19. Oktober statt, jeweils um 19.30 Uhr im Theater Schauburg, Ganghoferstraße 6.

von Ingrid Zasche

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