Ein lebendiger Mittelpunkt

Richtfest für Dorfgemeinschaftshaus Hirschzell mit Regierungspräsident Lohner

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Während das Dach bereits neu eingedeckt ist, wird auf der Längsseite noch ein Wintergarten angebaut, der Eingangsbereich und Aufzug beinhaltet. Im Untergeschoss haben ein Veranstaltungsraum und diverse Funktionsräume Platz, im Obergeschoss Musikverein und Schützen ihre neue Heimat.

Kaufbeuren-Hirschzell – Es gibt viele Projekte in Wirtschaft und Kultur, die als „Leuchtturmprojekte“ bezeichnet werden. Doch auf das Vorhaben für ein zukünftiges Gemeindezentrum im Kaufbeurer Ortsteil Hirschzell trifft diese Bezeichnung definitiv zu. Denn nach dem Erwerb des ehemaligen „Gasthaus Sonne“ im Ortskern durch Katharina Wiedemann und der gemeinsam mit ihrem Mann gegründeten „Katharina und Wolfgang Wiedemann-Stiftung“ war unter anderem das historische Gebäude in die Stiftung eingebracht worden. Mit gewaltigen Kraftanstrengungen von Vereinen und vielen Dorfbewohnern konnte jetzt das Richtfest für ein Dorfgemeinschaftshaus gefeiert werden.

Anwesend war neben Kaufbeurens Oberbürgermeister Stefan Bosse auch Schwabens Regierungspräsident Dr. Erwin Lohner, der das Vorhaben lobte: „Ich bin beeindruckt von diesem Projekt, das ohne staatliche Hilfe für eine Gemeinschaft entsteht.“

„So richtig gewusst, was man damit macht, habe ich eigentlich nicht,“ sagte Katharina Wiedemann bezüglich des Erwerbs in ihrer Begrüßung der anwesenden Handwerker und Gäste. In der Rückschau markierte sie einige Eckdaten nach dem Kauf (siehe unten). Besonders begeistert zeigte sie sich, dass im November 2016 mit dem Start zum Ausräumen des fast 260-jährigen Gebäudes für die Entkernung und umfangreiche Sanierung 48 Personen bereitstanden: „Musiker, Schützen, die Nachbarschaft und über die Hälfte waren Jugendliche!“

Sie lobte die Leistungen der Zimmerei Bichtele und des Bauunternehmens Höbel sowie der Architekten, Planer und Statiker, die trotz hoher Auslastung immer verfügbar waren. Besonders motiviert hatte sich der angehende Zimmermeister Michael Vogt gezeigt, der das Vorhaben anfangs als „meine Baustelle“ bezeichnet hatte und der auch den traditionellen Richtspruch sprach, bei dem er den „Geist der Gemeinschaft“ hervorhob, die mit „vielen Helfern“ für die Zukunft einen „lebendigen Mittelpunkt“ schaffe, um am Ende sein Glas glücksbringend im Baugrund zu zerschmettern.

„Eigene Initiative“

Schwabens Regierungspräsident Dr. Erwin Lohner lobt das Vorhaben.

Der Regierungspräsident zeigte sich in seiner Ansprache beeindruckt. „Was hier gemeinsam auf den Weg gebracht wurde, ist ganz selten“, sagte er. „Man kann so etwas auch mit Fördermitteln machen, aber das wird kompliziert und so geht es schneller und einfacher.“ „Sie können froh sein, dass Sie so etwas haben“, sagte Lohner an die Adresse des OB und versprach sein Kommen zur Einweihung. Auch die Stadtspitze – ebenfalls Stiftungsmitglied – lobte das herausragende Engagement der Dorfgemeinschaft, die bewusst auf Eigenleistung gesetzt und das Projekt selbst in die Hand genommen habe. „Das Zusammenwirken von örtlicher Gemeinschaft und eigener Initiative trägt dazu bei, dass alles mehr zusammenwächst, denn bereits jetzt packen alle mit an“, so Bosse.

Altes Haus mit Zukunft

Das Haus hat eine lange Geschichte, die 2009 zunächst beendet schien, da aufgrund des Bauzustandes eine wirtschaftliche Nutzung seitens der Aktienbrauerei keine Zukunft mehr hatte. Doch Katharina Wiedemann erkannte das Potenzial des Gebäudes im Dorfzentrum. Nach dem völligen Entkernen und den Sanierungsarbeiten sowie dem Schaffen neuer Räume traten alte Strukturen zutage. Neben einem früher einmal offenen Kamin wurde auch ein Balken im Dachstuhl mit der Zahl „1761“ gefunden. „Das war der erste Bauabschnitt“, erläuterte Wolfgang Wiedemann im Rahmen eines Rundgangs, „dem 1791 ein Zweiter folgte.“ Doch auch ein Fund aus jüngerer Zeit war zu vermelden: ein volles Fass Bier aus dem Jahre 1991, das zukünftig einen Ehrenplatz erhält. „Natürlich ohne Inhalt“, fügte die Stifterin lachend hinzu.

Der zukünftige Probenraum des Musikvereins Hirschzell.

Noch liegt ein gewaltiges Arbeitspensum vor den Handwerkern, auch wenn sich Musiker und Schützen um Innenausbau, insbesondere bezüglich Schallschutzmaßnahmen selbst kümmern. Auf der Südseite entsteht ein verglaster Anbau auf etwa Zweidrittel der gesamten Hauslänge, der den Eingangsbereich mit Fahrstuhl für die Barrierefreiheit enthält. Die Fertigstellung soll nach derzeitigem Stand Ende 2020 sein, wobei Wolfgang Bichtele für die Einweihung bereits einen Gutschein über 100 Liter Bier an die Stifter überreichte. Dann haben Vereine, die Pfarrgemeinde und verschiedene Gruppen aus dem Dorf in dem mit Küche, Toiletten und Gastraum ausgestatteten Haus eine gemeinsame Heimat.

Zimmerer der Firma Bichtele mit Katharina und Wolfgang Wiedemann sowie Unternehmer Werner Höbel und Architekt Michael Graf.

Gemeinschaftsprojekt

Die geschätzten Gesamtkosten in Höhe von zwei Millionen Euro finanzieren sich über Kredite und Spenden. Auch die Stadt Kaufbeuren unterstützt dieses herausragende Gemeinschaftsprojekt der Bürger mit einem Stiftungszuschuss in Höhe von 600.000 Euro. Bisher sind zum Teil großzügige Spenden eingegangen und auch weiterhin kann auf das Spendenkonto bei der Sparkasse DE 95 7345 0000 0010 3957 62 gespendet werden.

Bekannte Eckdaten des künftigen Dorfgemeinschaftshauses

• 1761: Erster Bauabschnitt

• 1791: Zweiter Bauabschnitt

• 1802: Chronik erwähnt das Haus „Beim Wirt“ als Quartier

• 2009 Gasthaus „Zur Sonne“ der Aktienbrauerei schließt

• 14. März 2016 Erwerb durch Katharina Wiedemann, Gespräche mit der Dorfgemeinschaft über Nutzung

• 12. November 2016 Start mit 48 Personen zum Ausräumen und Entkernen

• 26. November 2018 Urkunde „Katharina und Wolfgang Wiedemann-Stiftung“ beim Regierungspräsidenten von Schwaben

• Mai 2019 Beginn der Bauarbeiten

• 27. September 2019 Richtfest mit Akteuren und Handwerkern

Kommentar

Geist der Gemeinschaft

Es ist schon erstaunlich, was eine Dorfgemeinschaft auf die Beine stellen kann. Und das quer durch alle gesellschaftlichen Schichten, Vereine und Altersgruppen. Der Satz „Gemeinsamkeit macht stark“ drückt dies mit wenigen Worten aus. Doch dazu braucht es auch Akteure, die sich ohne Wenn und Aber vorbehaltlos in den Dienst einer Sache stellen und andere mitreißen. Katharina Wiedemann ist so ein Mensch. Zusammen mit ihrem Ehemann legt sie selbst Hand an, wo immer es möglich ist. Dass sich für die gebürtige Wirtshaustochter mit diesem Projekt ein Herzenswunsch erfüllt, ist dabei eigentlich Nebensache. Denn mit einer solchen Vorbildfunktion lassen sich – gerade in der heutigen Zeit – auch Jugendliche begeistern. Deren Engagement ist daher besonders bemerkenswert! Der Richtspruch brachte es in letztendlich auf den Punkt: Der Geist der Gemeinschaft vieler Helfer schafft für die Zukunft des Dorfes einen lebendigen Mittelpunkt. Solche Mittelpunkte sind wahre Leuchtturmprojekte und durchaus nachahmenswert...!

von Wolfgang Becker

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