Stillstand sieht anders aus

Lebenshilfe Ostallgäu und Wertachtal-Werkstätten richten Arbeit neu aus

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Haben einen Prozess der Veränderungen infolge des Bundesteilhabegesetzes eingeleitet: die Geschäftsführung der Lebenshilfe Ostallgäu e.V. mit der Wertachtal-Werkstätten gGmbH Klaus Prestele (v. li.), Claudia Kintrup und Ralf Grath, sowie der 1. Vorsitzende Wolfgang Neumayer.

Marktoberdorf – Aktuell stehen im Rahmen der Behindertenrechtskonvention und des Bundesteilhabegesetzes große Veränderungen an, die auch die Lebenshilfe Ostallgäu und die Wertachtal-Werkstätten betreffen. Vor welchen Herausforderung beide Institutionen stehen, erklärten kürzlich die Verantwortlichen im Pressegespräch.

Es war im Jahre 1964, als sich betroffene Eltern zur Lebenshilfe Ostallgäu zusammentaten, um im Ostallgäuer Raum die Entwicklung ihrer geistig, körperlich oder auch seelisch behinderten Kinder gemeinsam zu fördern. In den zurückliegenden Jahren wurden entsprechende Einrichtungen geschaffen, die sich gezielt an die jeweiligen Lebensphasen behinderter Menschen angepasst haben. Angefangen mit Tagesstätten über Schulkooperationen, Werkstätten, Wohnheimen bis hin zu Außenwohngruppen und kulturellen Inklusionsprojekten.

Wie Wolfgang Neumayer, 1. Vorsitzender der Lebenshilfe Ostallgäu, einleitend erklärte, habe man stets größten Wert auf flexible und bedarfsgerechte Angebote gelegt, um dadurch mit beizutragen, dass die Betroffenen ein möglichst selbstbestimmtes Leben mitten in unserer Gesellschaft führen können. Dies sei nicht immer so gelungen, wie man es sich erhofft habe. Deshalb wurden in der Zwischenzeit alle Angebote auf den Prüfstand gestellt und nach einem Sonderweg gesucht, der vor allem die eingeforderte Selbstbestimmung, viel mehr als in der Vergangenheit, mit einbezieht.

Prozess der Veränderungen eingeleitet

Trotz der vielen Erfolge in den zurückliegenden Jahren, so der Vorsitzende, mussten gewisse Veränderungen eingeleitet werden. Einerseits müssen man, solange der Bedarf da ist, an bestehenden Angeboten festgehalten, andererseits müsse man sich auch weiterentwickeln. Die Behindertenrechtskonvention und das Bundesteilhabegesetz hätten hier entscheidende Veränderungen mit sich gebracht. So sollen Menschen mit Behinderung intensiver als bisher gefördert werden, um ein normales Leben in der Gemeinschaft führen zu können.

„Selbstverständlich selbstbestimmt“ soll nach den Worten von Geschäftsführerin Claudia Kintrup der Leitgedanke der täglichen Arbeit sein. Ein Ansatz, der mehr Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung anstrebt. Dies habe einen Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist, ausgelöst. „Dabei richten wir unsere Arbeit gezielt nach dem „WKS-Modell“ (Assistenzmodell nach Willem Kleine Schaars) aus“, so die Geschäftsführerin. Auf diesem Gebiet nimmt die Lebenshilfe Ostallgäu zwischenzeitlich in Bayern eine gewisse Vorreiterrolle ein.

Das „WKS-Modell“ ist eine in den Niederlanden entwickelte und mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum im Bereich der Behindertenhilfe eingesetzte Methode, die eine Verselbständigung durch einen personenzentrierten Ansatz zum Ziel hat. Demnach besitzt jeder Mensch einen gewissen Rahmen, in dem das Leben gezielt nach eigenen Möglichkeiten gestaltet werden kann. Je nachdem, ob dieser von den betreuenden Personen zu weit oder zu eng gesteckt wird, kann es dabei zu einer Über- beziehungsweise Unterförderung kommen. Es sei schwierig hier die Grenzen zwischen „Überbehütung“ und „Bevormundung“ zu finden und einzuhalten, so Kintrup

Mehr Selbstbestimmung

Man will nun bei der Lebenshilfe Ostallgäu versuchen, vom reinen „fürsorglichen Charakter“ wegzukommen und aus langjährigen Strukturen ausbrechen, um dadurch einen neuen Weg einschlagen zu können. Dies sei vor allem für die Mitarbeiter eine Riesenherausforderung, sich zurückzuhalten, um den Betroffenen dadurch mehr Entscheidungsfreiheit zu geben. Ein Umschulungsprozess der Mitarbeiter ist derzeit in vollem Gange.

Die beiden anderen Geschäftsführer der Lebenshilfe Ostallgäu, Ralf Grath und Klaus Prestele, gingen im weiteren Verlauf des Gespräches in ihren Beiträgen vor allem auf das Thema Selbstbestimmung als Kern des Ganzen ein. Menschen mit Behinderung zu fördern, entsprechende Wahlmöglichkeiten zu bieten und nach Wegen zu suchen, um die Betroffenen aus den betreuten Werkstätten herauszubekommen und einen Arbeitsplatz auf dem freien Arbeitsmarkt zu finden, soll für 2020 und die nächsten Jahre die große Herausforderung sein.

Neue Projekte und Herausforderungen

Nachdem die Gebäude in Kaufbeuren zwischenzeitlich „in die Jahre gekommen“ und nicht mehr zeitgemäß seien, müsse im Bereich der Moosmangstraße entsprechend modernisiert und umgebaut werden. In diesem Zusammenhang wies Prestele darauf hin, dass augenblicklich über 700 Mitarbeiter bei der Lebenshilfe Ostallgäu beschäftigt seien, davon an die 200 bei der Wertachtal-Werkstätten gGmbH, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft der Lebenshilfe Ostallgäu. Über 600 Menschen mit Behinderung arbeiten dabei in den angeschlossenen Werk- und Förderstätten an den Standorten Kaufbeuren, Neugablonz, Marktoberdorf und Füssen.

In Füssen entsteht derzeit ein weiteres starkes Standbein im Bereich Kinder- und Jugendhilfe. So wird ein Kinderhort für 15 Kinder und ein Kindergarten für insgesamt 25 Kinder errichtet. Hier soll weiter investiert werden, so die Geschäftsführung.

Die Wohnraumbeschaffung für Menschen mit Behinderung bezeichnete Prestele als besonders schwierig. In Füssen sollen entsprechende Möglichkeiten durch Kauf beziehungsweise Anmietung geschaffen werden. In Neugablonz ist ein Appartementhaus mit acht behindertengerechten Einheiten geplant, das im Jahre 2021 fertiggestellt sein soll. In diesem Zusammenhang sind auch neue Betreuungsmodelle im Gespräch.

von Klaus-Dieter Körber

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