Ein Geburtstag der tiefen Trauer

Lichter gegen das Vergessen 2020 – Gedenken an die Irseer Opfer der NS-Euthanasie

Vertreter des Marktgemeinderates Irsee legten am Euthanasie-Mahnmal einen Kranz zu Ehren der ermordeten 2000 Menschen nieder: Bertram Sellner (v. li.), Dr. Angela Städele, Bürgermeister Andreas Lieb, Kai Alexander Vogel und Inge Lechner.
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Vertreter des Marktgemeinderates Irsee legten am Euthanasie-Mahnmal einen Kranz zu Ehren der ermordeten 2000 Menschen nieder: Bertram Sellner (v. li.), Dr. Angela Städele, Bürgermeister Andreas Lieb, Kai Alexander Vogel und Inge Lechner.

Irsee – Auch in diesem Jahr fand am 1. November die Gedenkveranstaltung „Lichter gegen das Vergessen“ zu Ehren der Irseer Opfer der NS-Patientenmorde auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof statt. 

Aufgrund der Rahmenbedingungen der Corona-Pandemie waren unter Einhaltung der Maskenpflicht und Abstandsregel die zugelassenen 50 Personen, darunter auch viele junge Menschen, auf dem Gelände anwesend.

Der Leiter von Kloster Irsee, Dr. Stefan Raueiser, hob in seiner Begrüßungsansprache hervor, dass die Veranstaltung vor allem deswegen eine besondere sei, weil Amalie Speidel, die Schwester des im August 1944 in der Anstalt Irsee im Alter von 15 Jahren ermordeten Ernst Lossa, erstmals nicht an dem Totengedenken teilnehmen konnte. Ernst Lossa, der am 1. November 1929 geboren wurde, wäre heute 91 Jahre alt.

Ein großes Anliegen

Seitdem der bekannte Journalist und Autor Robert Domes „Lichter gegen das Vergessen“ vor zehn Jahren ins Leben rief, war es der bald 90-jährigen Amalie Speidel ein großes Anliegen, an der jährlichen Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Heuer war ihr dies aus gesundheitlichen Gründen erstmals nicht vergönnt.

Erster Bürgermeister Andreas Lieb würdigte die enge Verbindung zwischen dem Markt Irsee und Amalie Speidel: Ihre jährlichen Besuche an den Ort der Patiententötungen in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt zeigten, wie wertvoll der Beitrag von Zeitzeugen für die Weitergabe der Erinnerungskultur an die nachfolgenden Generationen ist.

Dem Schicksal gedenken

Eine besondere Würdigung erfuhr in diesem Jahr Gertrud Molitor, die am 18. Dezember 1944 den Patientenmorden in der Hauptanstalt Kaufbeuren zum Opfer gefallen war. Ein Verwandter der 1909 geborenen Frau aus Leidingen bei Saarlouis, die über verschiedene Einrichtungen der Behindertenhilfe schließlich in die Anstalt Kaufbeu­ren verlegt worden war, hielt sich für drei Tage in Irsee und Kaufbeuren auf, um dem Schicksal von Gertrud Molitor nachzugehen und das historische Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren aufzusuchen.

Um an der Gedenkveranstaltung in Irsee teilzunehmen, verschob er seine Rückreise in das Saarland in die späten Abendstunden und konnte noch vor Inkrafttreten der neuerlichen Kontaktbeschränkungen rechtzeitig nach Hause zurückkehren. Vertreter des Irseer Marktgemeinderates legten am Mahnmal in Kloster Irsee eine Kranz zu Ehren der 2000 dort getöteten Menschen nieder. Am Ende der Gedenkfeier verteilten die Anwesenden die schon angezündeten Grabkerzen auf dem Gelände des ehemaligen Anstaltsfriedhofes zu einem eindrucksvollen Lichtermeer gegen das Vergessen.

Jürgen Wischhöfer

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